100 Jahre, trotzdem frisch: die Grüne Woche 2026

Nicht nur Berlinerinnen und Berliner strömen Mitte Januar wieder zur Messe Berlin, um sich durch kulinarische Spezialitäten aus aller Herren Länder, bundesweit wie regional, zu probieren. Lebensmittelmagazin.de verkostet die Highlights der Grünen Woche.

Wie trübsinnig wäre der Januar in Berlin, würde die Messe Berlin nicht Tür und Tor für ihre Besucherinnen und Besucher öffnen, um die große weite Welt in ihren Hallen willkommen zu heißen? Connaisseure aller Couleur haben hier die Qual der Wahl zwischen heimischen Spezialitäten und exotischen Köstlichkeiten aus den hintersten Winkeln aller vier Himmelsrichtungen.

Ein Blick auf die Messe (Halle 5.2)
Foto: Johannes S.

Alles andere als Einheitsbrei

Wer jedoch glaubt, dass sich die heimischen Produkte auf Bier- und Wurstspezialitäten beschränken, irrt. Nie war die ausgestellte Kostpalette bunter und diverser als in diesem Jahr. So kennt man Edamame oder Wasabi-Erbsen bislang eher als Knabbersnack beim Japaner; diese gibt es nun aber auch aus dem Rheinland. Gegründet bereits 2014 bringt das Kölner Unternehmen Sooyfood (Halle 5.2.) jetzt Sojabohnen als Snack-Alternative und Proteinquelle in den regionalen Einzelhandel. Das Besondere daran: Die Bohnen werden nicht aus Asien oder aus Südamerika importiert, sondern stammen vom nahen Bauern aus der Region. Dafür erhielt das Unternehmen im vergangenen Jahr den Kölner Gründerpreis. Die Sojabohnen werden mehrfach getrocknet und geröstet und anschließend in den Geschmacksrichtungen Mango-Chili, Schoko-Banane, Matcha-Himbeere sowie Essig-Salz gecoatet – ganz ohne Zucker oder Glasur. Das Ergebnis ist etwas trockener, eignet sich dafür aber umso besser als Begleiter zum Bier, alkoholfrei oder mit.

Verschiedene Sorten von Soyfood
Foto: Johannes S.

Von Paraguay nach Schwerin

Ähnlich spannend, allerdings eher fürs Frühstück, präsentiert sich der Mate-Kaffee am Grüne-Woche-Stand von Tekoha (Halle 5.2.). Mate kennt man hierzulande meist als aufgebrühten Tee stilecht aus der Kalebasse mit Metallstrohhalm oder als Partygetränk mit Wodka. Die bei den Guaraní in Paraguay übliche geröstete Variante dürfte jedoch den meisten neu sein. Geschäftsführerin Leonie Tessenow, selbst in Paraguay aufgewachsen, stellt die Kaffee-Alternative als bequemes Instant-Produkt vor: deutlich im Mate-Geschmack, aber mit kaffeeähnlichen Röstaromen und vergleichbarem Koffeingehalt. Das Getränk wird vollständig in Paraguay hergestellt und per Schiff importiert – und bietet den Menschen vor Ort eine nachhaltige Alternative zu Anbauformen wie Soja, für die Regenwald gerodet werden müsste. „Für Mateplantagen werden sogar zusätzliche Bäume zum Schutz der Pflanzen angepflanzt“, erklärt die heute in Schwerin lebende Unternehmerin.

Die Mate-Alternative zu Kaffee
Foto: Johannes S.

Einen Stand weiter, in der Mecklenburg-Vorpommern-Halle – die in diesem Jahr auch Gastland der Grünen Woche ist – präsentiert die Handwerksbäckerei Behrens aus Plau am See ein Glühweinbrot (Halle 5.2.). Es gewinnt seinen charakteristischen Geschmack aus typischen Brotgewürzen wie Fenchel und Anis und erhält durch die Zugabe von Trester nicht nur eine feine Weinnote, sondern auch zusätzlichen Knusper durch geschrotete Traubenkerne.

Das Glühweinbrot von Behrens
Foto: Johannes S.

Überall auf der Messe finden sich ähnlich exquisite und außergewöhnliche Delikatessen. Wer hätte etwa gedacht, dass nördlich von Dresden Wasserbüffel gezüchtet werden? Die Produkte von Familie Bothur – Corned Beef und mehr, machen sich hervorragend auf Schnittchen, vielleicht sogar bald als Mozzarella. Ebenso extravagant ist der Eierlikör vom Wachtelhof Meyer im thüringischen Braunichswalde (Halle 20). Der Genuss steigt noch einmal, wenn man bedenkt, wie viele der kleinen Eierchen wohl für ein einzelnes Pinneken nötig sind – ein besonderes Dessert ganz klar für Erwachsene.

Eine Auswahl an Wachtel-Produkten
Foto: Johannes S.

Scharfe Angelegenheit

Nicht minder spannend sind die Brunnenkresse-Produkte der Erfurter Brunnenkresse GmbH (Halle 20): Gewürzsalz, Pasta, Pesto und vieles mehr. Während man bundesweit oft lange nach dem vitamin- und mineralstoffreichen Gemüse suchen muss, genießt das senfscharfe Kraut in Erfurt traditionell große Beliebtheit. Napoleon soll die Brunnenkresse hier kennengelernt und sie anschließend samt Bauern nach Frankreich geholt haben. Klassischerweise wächst die Pflanze im mineralreichen, konstant zehn Grad kalten Quellwasser – Sommer wie Winter unter harten Bedingungen. Brunnenkressebauer Florian Fischer zeigt, wie der Anbau seit Kurzem vollständig auf Hydroponik umgestellt wurde: in Nährlösung, unter Tunnelzelten und auf Arbeitshöhe.

Frischer Kresse-Saft und weitere verschiedene Varianten mit Kresse
Foto: Johannes S.

Natürlich kann man sich auf der Grünen Woche an allen Ecken und Enden von der Qualität regionaler Biere überzeugen – man muss es aber nicht. Schön ist auch, wenn neumodische Produkte wie Gurkenlimonade ihren Weg in die Provinz finden, etwa am Stand der Klosterbrauerei Neuzelle bei Frankfurt an der Oder (Halle 21).

Eine Halle hundert Jahre

Ein besonderes Extra bot die Messe Berlin in diesem Jahr mit einer Sonderausstellung zum 100-jährigen Jubiläum der Grünen Woche (Halle 26): ein begehbares Geschichtsbuch der Landwirtschaft. Herzstück der Ausstellung sind markante Infowürfel, die als thematische Anker durch die Jahrzehnte führen. Sie dokumentieren den bescheidenen Anfang im Jahr 1926, als die Messe als einfache Warenbörse mit Schwerpunkt Jagd startete. Wissenswert für die mögliche 64.000-Euro-Frage: Ihren Namen verdankt die Grüne Woche den grünen Lodenmänteln der damaligen Besucher. Besonders eindrucksvoll ist das Jahr 1948: Inmitten der Trümmer bot die erste Nachkriegsmesse mit Exponaten wie der Zuchtsau „Dora“ einen Hoffnungsschimmer, auch wenn Schinken und Würste teils noch aus Pappe bestanden. Die Würfel zeichnen den Weg von der ersten internationalen Beteiligung der Niederlande 1951 bis zum emotionalen Ansturm nach dem Mauerfall 1990 nach, als die Messe endgültig zum Bindeglied zwischen Ost und West wurde.

Diese historische Einordnung wird durch eine Traktorenschau unmittelbar erlebbar. Die frühen „Ungetüme“, allen voran die legendären Lanz Bulldogs mit Glühkopf und Eisenrädern, markieren den Anfang der Motorisierung. Maschinen, die oft noch mit der Heizlampe vorgeglüht werden mussten. Daneben stehen ikonische Hanomag-Schlepper oder frühe Dieselrösser von Fendt, die mit kompakterer Bauweise das Bild der Landwirtschaft der 1950er Jahre prägten – eine Zeit, in der Mechanik noch sichtbar und jeder Hebel echte Kraftübertragung bedeutete.

Verschiedene Traktoren auf der Sonderausstellung
Foto: Johannes S.

Den scharfen Kontrast bilden die Giganten der Gegenwart: aktuelle Fendt-Vario- oder John-Deere-Modelle zeigen, wie sehr sich das Berufsbild gewandelt hat. Mit bodenschonenden Reifen, vollklimatisierten Kabinen und digitaler Steuerung sind sie heute eher rollende Rechenzentren als reine Zugmaschinen. Wo früher Ruß und Schweiß dominierten, sorgen heute AdBlue-Einspritzung und satellitengestützte Spurführung für Effizienz.

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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