Unterricht am Kochtopf

Ernährung im Curriculum: was Politik, NGOs und viele andere fordern, setzt die dritte Klasse einer Kreuzberger Grundschule mit Hilfe der Kochschule Neun um. Lebensmittelmagazin.de begleitete die Kids beim Ackern und Kochen.

„Wo soll die Pestoblume hin?“, fragt ein Neunjähriger mit einer Basilikumpflanze in der Hand, während die Kindergruppe sich anschickt, ein Kräuterbeet zu bepflanzen. Ein anderer Junge weiß zu berichten: „Nicht das Wasser direkt auf die Blätter gießen, sonst verbrennen die in der Sonne.“

Nur die Harten kommen in den Garten

Die Kreuzberger „Stadtpflanzen“ zeigen sehr unterschiedliche bisherige Erfahrungen mit Natur und Acker. Beim Jäten wird jeder Egerling bestaunt und ein Regenwurm kann auch schon mal ein „Iiih“ hervorrufen. Und irgendwie ist es schon putzig, wenn Naturerlebnisse eine buchstäbliche Sprachlosigkeit hervorrufen, dann fliegt eben auch schon mal eine „Limette“ am Gartenteich der Gartenarbeitsschule in Friedrichshain.

Vorher durften die Klasse bereits eine andere Parzelle jäten. Wobei bei den anleitenden Gärtnern, Holger und Anne, bemerkenswerterweise nicht von Unkraut, sondern von „Überlebenskünstlern“ die Rede ist – dazu gehört unter anderem auch Rucola. Die Kinder sind überrascht, dass dieses Salatblatt frisch vom Acker senfigscharf schmeckt; umso ärgerlicher ist es für ein Mädchen, von einer langwurzeligen, pieksigen Distel aktiven Widerstand zu erfahren.

Die Kinder jäten die Parzellen
Foto: Johannes S.

Gärtner Holger geht mit den Kindern durch den Garten, lässt sie Kräuter wie den wunderschön blau blühenden Borretsch probieren, die scharfe Kapuzinerkresse, aromatischen Oregano und, weil gerade Saison ist, auch Stachel- und Johannisbeeren direkt vom Busch.

Die Gartenbesichtigung
Foto: Johannes S.

Parallel dazu sitzt die andere Schülerinnengruppe im Gewächshaus und lernt mit Legosteinen die Auswirkungen von Zucker und Stärke – kurz- und langkettigen Kohlenhydraten – auf den Körper. Die Gefahr etwa von Karies durch Zucker war den Kindern gemeinhin bekannt.

Einfach Zucker

Um das Erlernte direkt umzusetzen, dürfen die Kids vor Ort eine Limonade selbst machen, mit Honig gesüßt. Es ist schon spannend zu beobachten: „Tunnelgriff!“, ruft ein Mitarbeiter des Vereins alle paar Minuten über den Tisch, um zu verhindern, dass sich jemand beim Zitronenhalbieren mit dem ungeübten Küchenmesser die Finger abhackt. Andere sind schon recht souverän bei der Sache und helfen ihren Klassenkameraden etwa beim Auspressen. Ein paar Kinder, Jungs wie Mädchen, berichten, dass sie ihren Eltern in der Küche helfen, etwa beim Kartoffelschälen, Eierkochen und Gemüseschnippeln.

Brot und Pesto selbstgemacht

Von der Gartenarbeitsschule Friedrichshain geht es zur Markthalle Neun in Kreuzberg. Hier trifft sich die Klasse zwischen Bäckerei, Gemüsestand und Metzgerei, um gemeinsam zu kochen. Aus mitgebrachten Kräutern wie Basilikum und ein bisschen Rucola, zusätzlich zu Petersilie und Knoblauch, sollen die Kinder ein Pesto zubereiten. Sie hacken die Kräuter und pürieren alles zum Schluss mit einem ordentlichen Schluck Olivenöl.

Die Klasse macht gemeinsam Pesto
Foto: Johannes S.

Ein kleiner Stolperstein: Parmesan, der als Parmigiano Reggiano eine geschützte Ursprungsbezeichnung trägt, wird mit tierischem Lab aus dem Magen von Kälbern hergestellt. In der Europa-Klasse sind einige Kinder aus Indien, die zwar Milch und Milchprodukte verzehren dürfen, für die aber Lab aus kulturell-religiösen Gründen tabu ist, weil dafür junge Rinder geschlachtet werden. Spontan gibt es zwei Pestos, mit und ohne Käse.

Passend zum Pesto haben die Kochlehrerinnen und -lehrer bereits am Abend zuvor einen Vollkornhefeteig für die Kids im Kühlschrank angesetzt, aus dem sich Ringe, Brötchen oder auch Herzchen formen lassen, die dann im Ofen gebacken werden. Die Kinder lassen es sich schmecken. Würden sie es genauso genießen, wenn man ihnen Brot und Pesto einfach so vorgesetzt hätte?

Ringe aus Vollkornhefeteig
Foto: Johannes S.

Ernährungsbildung

Die Kochschule Neun ist das Bildungsprojekt des gemeinnützigen Kulturvereins Markthalle Neun e.V., der seit 2012 Ernährungsbildung für die Nachbarschaft in Kreuzberg anbietet und seit 2021 auch Kochkurse für Grundschulklassen durchführt. Vom Senat gefördert, vermitteln sie Kindern zwischen der dritten und sechsten Klasse Wissen über Ernährung und Landwirtschaft. Ungesunde Ernährung hat viele Ursachen, aber das Wissen darüber können wir beeinflussen. Und praktische Erfahrungen mitgeben.“, sagt Leiterin Jonna Meyer-Spasche. Dabei geht es nicht darum, den Kindern zu sagen, was „gut“ und „schlecht“ sei – höchstens, wovon man nur gelegentlich etwas genießen sollte.

Für die Klassenlehrerin ist die Ernährungswoche übrigens Premiere: „Ich habe das Angebot bekommen und fand das spannend für die Klasse.“  Auf die Frage, wie zufrieden sie mit dem sei, was die Schülerinnen und Schüler jeden Tag zum Frühstücken aus den Taschen holen, grinst sie: „Das ist teilweise schon sehr unterschiedlich.“ Und was soll man sagen: In der Pause werden Fruchtgummi, Chips und Co. nach wie vor aus den Tornistern hervorgezaubert.

Landpartie

Zwei Tage später: Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis der Bus mit den Schulkindern endlich im brandenburgischen Bad Saarow auf dem Demeterhof Marienhöhe ankommt.

Bäcker Helmut führt die Gruppe als Erstes durch die Felder und erklärt ihnen anhand der Feldpflanzen das Prinzip der Fruchtfolge, wie Klee als Gründünger den Boden mit Nährstoffen anreichert und mit der Sense als Heu für die Tiere geerntet wird.

Die Kinder bekommen einen Rundgang über die Felder
Foto: Johannes S.

Marienhöhe ist der älteste Demeter-Hof Deutschlands, in der wahrscheinlich trockensten, sandigsten Gegend des Landes – gegründet vor 90 Jahren. „Wenn man hier 30 cm tief buddelt, stößt man auf weißen Sand“, erklärt Helmut. Die Hecken, wie jene, die heute beschaulich Schatten am Rand des Weizenfelds spenden, wurden damals vom Hofgründer Erhard Bartsch auf dem im 19. Jahrhundert hart gerodeten Land bewusst als Windfänger angepflanzt, um die Bodenerosion einzudämmen.

Ein paar Felder weiter tuckert ein Fendt GT zwischen den Möhren. Diese sind in erster Linie fürs winterliche Viehfutter der Kälber bestimmt.

Man schaut dem Traktor beim Fahren übers Feld zu
Foto: Johannes S.

Auf Hunderten kleiner Feldquartiere bauen die Landwirte der Hofgemeinschaft über 80 Feldkulturen in genau vorgesehener Abfolge an – für eine optimale Nutzung der Böden ganz ohne künstlichen Dünger oder Pflanzenschutzmittel. Allerdings wurde die Aufmerksamkeit der Kinder, dem Bäcker zu folgen, dabei von „Killerameisen“ auf die harte Probe gestellt – was aber auch wirklich spannend zu beobachten war.

Die im Koben herumtobenden Ferkelchen haben dafür überhaupt kein Problem, die Kids zu begeistern. Hier war eher die große Herausforderung, die Begeisterung bei den sensiblen Tieren im Zaum zu halten. Leider verhinderte der Zaun sämtliche Anstrengungen, wenigstens eins der Sattelschweine mal zu streicheln.

Der Schweinestall mit kleinen Ferkeln
Foto: Johannes S.

Und wer hätte gedacht, dass es im Sommer bei über 30 Grad Außentemperatur im Kuhstall vergleichsweise angenehm ist. Unter den pfeilschnell fliegenden Schwalben warteten die Bullen in getrennten Ställen, besonders eindrucksvoll war Lophra, ein gewaltiger 1.000-Kilo-Bulle mit Nasenring, der sich behutsam am Kopf streicheln ließ. Bäcker Helmut erklärte dazu: „Der Ring hilft den Landwirten, mit dem Bullen umgehen zu können. Wenn er unruhig wird, kann man ihn mit einer Stange am Ring ruhig halten“, rein körperlich wäre er ansonsten haushoch überlegen. Das Rote Höhenvieh, eine seltene Rasse, von der es nur vier Herden in Deutschland gibt, wird als Mehrnutzungsrind vor allem als Milchvieh gehalten. Die Milch wird old school in die Kanne gemolken und drei Meter weiter in der angrenzenden Molkerei verarbeitet. Auch wichtig: Helmut erklärt den Kindern den Unterschied zwischen Gülle, Jauche und Mist und wie diese hier im Stall voneinander getrennt werden, kleine, aber wichtige Details, die die Neun- bis Zehnjährigen zumindest schon einmal gehört haben.

Lophra der 1000kg Bulle mit dem Nasenring
Foto: Johannes S.

Kein Bauernhofbesuch ohne praktische Verkostung: Die Kinder können Rohmilch und selbstgemosteten Apfelsaft trinken sowie selbstgebackene Cracker, Rohkost und Käse genießen, sie lassen es sich schmecken, wobei mit Rohmilch beim einen oder der anderen etwas gefremdelt wird. 

Ländersache

Obst, Gemüse, Fleisch, Milchprodukte, Brot und vieles mehr – Wissen, das im regulären Lehrplan erst ab der fünften Klasse vorgesehen ist. Zwar gibt es zahlreiche Initiativen, die diese Lücke schließen, etwa die Sarah Wiener Stiftung, die Kochschule Neun oder Angebote von Krankenkassen. Dabei handelt es sich jedoch um einzelne Projekte und kein flächendeckend im Lehrplan verankertes Bildungsangebot auf Grundlage gemeinsamer Standards der Kultusministerien beziehungsweise der Kultusministerkonferenz.

Gemeinsames Essen mit den Eltern
Foto: Johannes S.

Als krönender Abschluss am Freitag wurden die Eltern in der Schule von ihrem Nachwuchs mit einem Drei-Gänge-Menü überrascht: vorab eine Linsensuppe, Hummus mit Rohkost und gekochtem Getreide sowie eine Quarkspeise mit Knuspermüsli, super! 

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