Mexiko – eine Bühne für Lateinamerika

Die Fußball-Weltmeisterschaft ist vorbei, Mexiko war ein toller Mit-Gastgeber, und es scheint, als würden die deutsch-lateinamerikanischen Bande enger. Zumindest war das der Eindruck fürs lebensmittelmagazin.de beim Auftaktevent der mexikanischen Botschaft zum Latin Food & Dance Festival.

„Freude, gutes Zusammensein mit seinen Lieben, schöne Musik mit ausgelassenem Tanzen und gutes Essen dazu, das ist das, was die Kultur unserer Gastfreundschaft ausmacht“, begrüßte seine Exzellenz, der Botschafter Mexikos, Francisco José Quiroga Fernández, seine Gäste beim Auftaktpresseevent in der mexikanischen Botschaft. „Berlin Goes Latin – Eat. Dance. Feel the Rhythm“ ist das Motto, unter dem an Wochenende 25./26. Juli das erste Latin Food & Dance Festival im Jules B-Part im Park am Gleisdreieck steigt und den Ort für ein Wochenende in eine Bühne lateinamerikanischer Lebensfreude verwandelt.

Ein Vorgeschmack

Doch auch am Montagabend zuvor bewies Mexiko sich als hervorragender Gastgeber und bot den kulinarischen Nachbarländern Lateinamerikas eine wunderschöne Bühne – inmitten der Ausstellung „Aus einer Dimension namens Mexiko“, die Arbeiten von mehr als 40 mexikanischen Kreativen aus Design, Mode und Kunst versammelt: eine Verschmelzung aus spanisch-arabischem Barockerbe und indigenem Geist mit Moderne und Globalisierung.

CaliPapi aus Kolumbien brachte eine bunte Vielfalt an Empanadas für die hungrigen und neugierigen Gäste mit Fleisch, Hühnchen, vegetarisch und, besonders spannend, Käse mit Guave, eindeutig die lateinamerikanische Variante des hiesigen gebackenen Camembert mit Preiselbeeren. Die Salsas dazu, mit und ohne Avocado, würzig-scharf oder fruchtig, waren fantastisch.

Empanadas mit verschiedenen Füllungen
Foto: Johannes S.

Die auf mexikanisches Streetfood spezialisierten Papalo Chilaquileros feierten eben jenes: Chilaquiles, in Salsa Verde geschmorte Tortilla-Stücke mit Toppings wie Bohnen, Hühnchen und Käse – der perfekte Snack zum ausgeschenkten Ron con Cola mit Limette.

Chilaquiles mit Bohnen und Hühnchen Tapping
Foto: Latin Food & Dance Festival

Geradezu göttlich muteten die Gorditas von Tonantzin Fogones an, gefüllte Maisfladen: einmal mit Chicharrón prensado, gepresster Schweineschwarte, einmal vegetarisch mit Bohnen und Pico de Gallo, Tomaten-Zwiebel-Salsa. Das Label ist benannt nach der aztekischen Muttergottheit Tonantzin, „unsere verehrte Mutter“.

Gorditas von Tonantzin Fogones
Foto: Johannes S.

Harina in Love aus Argentinien zeigte mit Mini-Empanadas und verschiedenen Chimichurri-Saucen eine andere erfreuliche kulinarische Seite des Landes. Dass Churros weit mehr können als bloßes Weihnachtsmarkt-Gebäck, bewies Churros My Love mit köstlich knusprigen, kaum fettigen Exemplaren und Lavendel-lila eingefärbter weißer Schokolade.

Churros mit verschiedenen Chimichurri-Saucen
Foto: Johannes S.

Ein Vorgeschmack

Auch wenn „lateinamerikanische Küche“ im Alltag oft als ein Topf behandelt wird, unterscheiden sich die Länder kulinarisch stark, je nach indigenen Wurzeln, Kolonialgeschichte und geografischen Gegebenheiten. In Mexiko bildet die von Azteken und Maya geprägte Maiskultur das Rückgrat der Küche – Tacos, Tamales und die komplexe Chili-Schokoladen-Sauce Mole stehen stellvertretend für eine schier endlose Vielfalt an Chilisorten, die je nach Region völlig unterschiedliche Schärfe- und Aromaprofile liefern. Venezuela und Kolumbien teilen sich die Arepa, ein gegrilltes oder frittiertes Maisfladenbrot, meist mit Käse, Fleisch oder Bohnen gefüllt; in Kolumbien kommen dazu tropische Einflüsse wie frittierte Kochbananen und, an der Karibikküste, Fisch und Meeresfrüchte.

Arepa sind in Venezuela und Kolumbien sehr beliebt
Foto: Johannes S.

Anders geprägt sind Argentinien und Uruguay, wo das Rind im Zentrum steht und das offene Feuergrillen, das Asado, fast schon Ritualcharakter hat, während Empanadas und die mit Dulce de Leche gefüllten Alfajores den starken spanisch-italienischen Einwanderungseinfluss zeigen. Peru gilt kulinarisch als eines der raffiniertesten Länder der Region: Das in Limettensaft „gegarte“ Ceviche ist die Ikone einer Küche, die indigene Anden-Zutaten wie Kartoffeln und Quinoa mit spanischen, afrikanischen und asiatischen Einflüssen verbindet. Chile setzt, begünstigt durch den kalten Humboldtstrom, stärker auf Fisch und Meeresfrüchte. Churros wiederum sind eigentlich spanisches Erbe, haben sich aber über den ganzen Kontinent verbreitet.

Als Außenminister Wadephul Anfang Juni Mexiko-Stadt besuchte, hatte er das Thema Agrarprodukte ebenfalls auf der Agenda. Mexiko liefert an Deutschland vor allem Avocados und Tequila, mit wachsender Bedeutung auch Beeren, Mangos und Paprika – wobei Avocados aus Mexiko einen überraschend geringen Anteil am deutschen Markt ausmachen, hier dominiert Peru. Seine eigentliche Agrarstärke zeigt Mexiko beim Bier: als weltweit größter Bierexporteur mit rund 6,5 Milliarden US-Dollar Exportwert im Jahr 2024, getragen vor allem von den international bekannten Marken Corona und Modelo – wobei der Löwenanteil in die USA geht, während für den deutschen Markt eher Tequila und Mezcal die kulinarischen Botschafter bleiben. Politisch bekommt dieser Agrarhandel gerade neuen Schwung durch ein modernisiertes EU-Mexiko-Abkommen, das fast alle Zölle abschafft und 2026 vorläufig in Kraft treten soll.

Bei den Nachbarländern zeigt sich ein deutlich diverseres Bild landwirtschaftlicher Spezialisierung. Argentinien punktet mit Rindfleisch, ist weltweit führend bei Sojabohnenöl und bringt außerdem Wein hervor – allen voran die Rebsorte Malbec, die für argentinischen Rotwein steht wie kaum eine andere und der dort sogar ein eigener Feiertag, der Malbec World Day, gewidmet ist. Auch Mate-Tee findet hierzulande zunehmend Anhänger. Kolumbien steht traditionell für Kaffee, ist aber auch weltgrößter Produzent von Nelken und zweitgrößter Schnittblumenexporteur nach den Niederlanden, mit Rosen als weiterem Aushängeschild. Peru und Chile haben sich auf höherpreisige Nischenprodukte spezialisiert: Peru über Avocados, Weintrauben und Spargel – und ist damit für Deutschland das wichtigste Avocado-Lieferland überhaupt –, Chile über Tafeltrauben, Äpfel und Lachs sowie Wein, bei dem die Rebsorte Carménère die Weinregale prägt. Die Traube stammt ursprünglich aus Bordeaux, wo sie im 19. Jahrhundert der Reblaus zum Opfer fiel und als verschollen galt, bis ein französischer Önologe sie 1994 in Chile wiederentdeckte, wo man sie jahrzehntelang für Merlot gehalten hatte. Heute gilt sie neben Cabernet Sauvignon als das eigentliche Markenzeichen chilenischer Rotweine.

Spaß für alle

Wer angesichts des Latin Food & Dance Festivals verwundert in den Kalender blickt und feststellt, dass am selben Wochenende der Christopher Street Day Berlin die Stadt in Atem hält, sei darauf hingewiesen: Die mexikanische Botschaft engagiert sich besonders für ihre LGBTQIA-Community. Nach dem Demonstrieren auf dem Straßenumzug kann und soll entsprechend direkt im Gleisdreieckpark weitergefeiert werden.

Das Festival versteht sich nicht nur als kulinarisches Format, sondern als sinnenfreudiges Gesamterlebnis: Die Tanzschule La Mambita bietet Tanzkurse jenseits deutscher Tanzschulsäle, etwa für Salsa, Bachata, Tango Argentino, Kizomba, ChaChaChá und Mambo. Es heißt, der Botschafter werde am Sonntag mit vier professionellen Tänzern selbst auftreten. Organisiert wird das Festival übrigens neben der Deutsch-Mexikanischen Gesellschaft Berlin von den Food-Festival-Profis von True Italian. Es bleibt also viel zu erwarten, eine bunte Party mit spannender Gastro, Tanzkultur und bilateralem Kulturaustausch. Immerhin heißt es auf dem Flyer: „It’s not just food, it’s a vibe.“

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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