Schwarze Kunst aus dem Norden: Lakritze

Lakritze liebt oder hasst man: Glatt, salzig, gezuckert oder scharf, Hauptsache schwarz! Lebensmittelmagazin.de ist in der Sommerfrische an der Ostsee und informiert sich über die norddeutsche Spezialität.

„Südlich von Hannover gibt es fast keine Lakritze mehr“, behauptet der Naschikönig. „Deswegen kommt ganz Deutschland hierher, je nachdem welches Bundesland gerade wann Ferien hat, um Lakritze und andere Süßigkeiten zu kaufen.“ Seit 17 Jahren residiert der Naschikönig mit seiner Frau im Busen der Natur am sanft-hügeligen Ufer der Schlei, unweit von Eckernförde in Schleswig-Holstein in seinem hölzernen Kiosk, umzäunt und jetzt coronabedingt mit großen Hinweistafeln „Einlass nur nach Aufforderung“. „Im Hochsommer kann die Schlange hier durchaus schon mal anderthalb Stunden dauern, es sind auch schon vier Stunden geworden“, zwinkert er.

Der Kiosk vom Naschikönig am Ufer der Schlei, unweit von Eckernförde in Schleswig-Holstein.
Foto: Johannes S. – lebensmittelmagazin.de

Audienz beim Naschikönig

Die Kundinnen und Kunden dürfen zwischen vorverpackten Döschen mit Naschkram oder Zettel und Papier entscheiden. Bei Letzterem ist man konfrontiert mit einer gewaltigen Auswahl an Naschwerk. „600 Sorten Süßigkeiten insgesamt, davon allein 120 Sorten Lakritz in allen erdenklichen Formen und Geschmäckern aus dem In- und Ausland. Ich arbeite mit circa 35 Lieferanten, jeden zweiten Tag kommen die Kartons und Paletten rein. Die Logistik ist die Hölle, macht aber auch großen Spaß!“ Auch wenn die Haltbarkeit der süßen Glücklichmacher bei ungefähr zweieinhalb Jahren läge, sei das Meiste doch innerhalb von einer Woche wieder nachzubestellen.

Auf riesigen Tafeln stehen die Süßigkeiten mit Kurzinformationen zu Geschmack, Herkunft, Aussehen und sonstigen wichtigen Eigenschaften.
Foto: Johannes S. – lebensmittelmagazin.de

Auf riesigen Tafeln stehen die Listen an Süßigkeiten mit Kurzinformationen über Geschmack, Herkunft, Aussehen und sonstigen wichtigen Eigenschaften. „Eine Sache ist mir sehr wichtig. So wie ich Lakritze nach jeweiligen Sorten in ihren Kiste lagere, so verkaufe ich Lakritze in einzelnen Tüten, sortiert nach glatt, gesalzen, gezuckert und scharf, damit sich das nicht durcheinander mischt. Es gibt natürlich einzelne Kunden, die explizit nach gemischten Tüten verlangen. Das sind dann meistens auch die, die innerhalb von zehn Minuten so eine Tüte verdrücken.“ An der Bretterwand hängen Schilder, die auf vegane und diabetikergeeignete Süßigkeiten verweisen. „Veganismus ist für mich erstmal eine Einstellung. Es gibt aber Kunden, die aus gesundheitlichen Gründen drauf angewiesen sind“, erklärt der Naschikönig. Er geht kurz nach hinten und kommt mit einer ziemlich dicken Kladde zurück; in Eigenleistung hat er für jedes Produkt die Zutaten und Nährwerte erfasst.

Wer die Wahl hat, hat die Qual!

Einige Besucher:innen kommen, die große Auswahl scheint sie zu überfordern und so schauen sie sich erstmal um. Das ist die Gelegenheit, selber bei den schwarzen Süßigkeiten zuzuschlagen. Mit Stift und Zettel bewaffnet wandert der Blick über die Tafeln. Bei Veilchenpastillen, Lakritze mit Veilchengeschmack kommt eine vage Erinnerung aus der Kindheit, her damit! Salmiakpulver zum drüberstreuen über Eis und Joghurt klingt spannend, ebenso wie „Hexenheuler“ und „Pfefferlinsen“, die laut Tafel ein außergewöhnliches Geschmackserlebnis während der Autofahrt parat halten. Der Hinweis „Lieblingssorte der Enkelin“ bei den bunten Oktopussen, sorgt für schmunzeln und wird mit Gedanken an die eigene Tochter aufgeschrieben, auch „Himbeersalmiak“, klingt abgefahren und ideal für den töchterlichen Geschmack. „Heavy Metall“ – salzige Salmiaklakritze mit Chili könnten krass sein. „Schulkreide“ wiederum ist ebenfalls eine Kindheitserinnerung als Geschenk vom Apotheker. Die Dose Belcanto mit Lakritz gegen Halsschmerzen und für die Stimme erscheint eine erfreuliche Alternative zum Salbeibonbon zu sein. Die „XXL Einhörner“ sind hinsichtlich der Tochter unumgänglich. Zuletzt kommt noch eine fertige Dose mit einem Potpourri salziger Lakritze für die Patentante dazu und ab mit der Liste und der Dose zum Naschikönig.

Eine kleine Auswahl des umfangreichen Sortiments – mit XXL-Einhorn und einer Dose Belcanto.
Foto: Johannes S. – lebensmittelmagazin.de

Die Weisheit des Naschikönigs

Er nimmt die Dose und schaut ernst: „In dieser Dose sind nur Einzelstücke. Deswegen solltest du ein Tempo auf den Tisch legen und jedes einzelne fotografieren, bevor du es genießt. Du glaubst gar nicht, mit was für Beschreibungen die Leute hinterher schon zu mir gekommen sind, weil sie die Sorte nochmal haben wollten.“ Auf Nennung der einzelnen Sorten zaubert der Naschikönig innerhalb weniger Sekunden aus hunderten von Dosen hinter sich das Gewünschte hervor und packt es in die jeweilige Tüte. „Himbeersalmiak“? Er stockt: „Da fehlt noch was davor oder danach, so macht es bei mir nicht klick.“ Keine Chance, angesichts der unüberschaubaren Bestelltafel ist der Himbeersalmiak nicht wieder auszumachen und fällt leider raus. „Deswegen sage ich den Kunden, sie sollen ganz exakt den Namen aufschreiben.“ Während der Unterhaltung, dem Griff nach hinten, dem Verpacken in die jeweilige Tüte, schiebt der Naschikönig scheinbar nebenbei die Perlen eines Abakus zur Seite. Kurzer Blick, dann sagt er: „Macht 5,90 Euro. Ohne Abakus kann ich mich nicht unterhalten. Am Anfang musste ich deswegen oft die Tüten nochmal ausschütten um nachzurechnen.“

Unterstützung für den Naschikönig – der Abakus.
Foto: Johannes S. – lebensmittelmagazin.de

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2 thoughts on “Schwarze Kunst aus dem Norden: Lakritze

  1. Großartiger Artikel über einen besonderen Menschen . Seine Frau genauso. Ein Besuch beim König ist immer ein Erlebnis.

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