Frühstücken wie ein König: Full English Breakfast

„Herzinfarkt auf dem Teller“, wie der britische Schauspieler Michael Caine es mal nannte oder Highlight der Hotelfrühstücksbuffets dieser Welt? Einer der populärsten Exporte britischer Kulinarik ist das Full English Breakfast. Lebensmittelmagazin.de musste dafür nicht weit reisen – auf Empfehlung ging es nach Potsdam.

Neben lauwarmem Bier und Lamm mit Minzsoße gehört das Full English Breakfast zu den berühmt-berüchtigten Ikonen der britischen Küche. Es gibt kein mondänes Sternehotel rund um den Globus, das nicht auf seinem Frühstücksbuffet Bainmaries mit Speck, Würstchen, Eiern und Bohnen in süßglänzender Tomatensoße als herzhaften Kontrapunkt zum sogenannten kontinentalen Frühstück bereithält.

Das süße Landleben

Dabei ist diese Institution gar nicht so altehrwürdig, wie sie es vorgibt. Heinrich der VII. wird vermutlich noch kein Full English Breakfast genossen haben – allein schon, weil sich Kartoffeln und Tomaten erst im 18. Jahrhundert in England als Nahrungsmittel etabliert hatten.

Bereits im 17. und 18. Jahrhundert war in England jedoch ein reichhaltiges Frühstück mit Speck und Eiern verbreitet, zumindest in der Upper Class. Vor allem im viktorianischen Zeitalter diente ein opulentes Frühstück auf Landsitzen als Ausdruck von Wohlstand und Gastfreundschaft. Aufgetischt wurden neben Speck und Eiern auch Würste, Fisch, Pasteten oder andere Fleischgerichte. Interessanterweise waren gerade Eier lange vor der landwirtschaftlichen Intensivierung im 20. Jahrhundert besonders exklusiv.

Zu Kräften kommen

Erst im Laufe des 20. Jahrhunderts entwickelte sich daraus das heute bekannte „Full English“. Mit der Industrialisierung, der zunehmenden Verfügbarkeit von Eiern und Fleisch sowie dem Aufstieg der Mittelschicht verbreitete sich das herzhafte Frühstück in Hotels, Pensionen und Cafés.

Die Popularität des Full English Breakfast ließ sich zu jener Zeit, nach dem Ersten Weltkrieg, auch darauf zurückführen, dass es das exklusive Leben auf dem Land widerspiegelte. Nicht zuletzt aufgrund des Personalmangels nach dem Krieg waren die Menschen gezwungen, in die Städte zu ziehen. Gleichzeitig sollte das Full English Breakfast dazu dienen, die Arbeiterklasse nach den Jahren des Mangels wieder zu kräftigen und körperlich zuzulegen – im Sinne des wirtschaftlichen Wachstums. Speck und Eier wurden so in den Nachkriegsjahrzehnten zum wenig abwechslungsreichen Standardfrühstück, das aber im gesamten Commonwealth an Popularität gewann. So reichhaltig wie heute war es bei weitem nicht: Gelegentlich sorgten Röstkartoffeln aus den Resten des Vorabends mal für zusätzliche Abwechslung.

Klassisches Englisches Frühstück
Foto: envato

Im Laufe der 1960er und 1970er Jahre wurde das Full English Breakfast dann mit den üblichen Verdächtigen angereichert: Würstchen, Champignons, gegrillte Tomaten, Beans on Toast und Hash Browns, eine Art Rösti, sowie optional Black Pudding – alles so typisch britisch wie der King und One Direction. 

Neben dem klassischen Full English Breakfast gibt es in Großbritannien noch zahlreiche regionale Varianten. In Schottland zum Beispiel findet man häufig das Full Scottish Breakfast mit Haggis, Black Pudding und Lorne Sausage, einer flachen Wurst. Das Full Welsh Breakfast setzt auf regionale Spezialitäten wie Laverbread, ein Algenstew oder Lamb Sausages. In Irland wiederum gehört oft White Pudding, Grützwurst zum Full Irish.

Bis in die 1960er Jahre wurde zum Full English Breakfast ausschließlich Tee gereicht; die Alternative mit Kaffee erfreut sich bis heute wachsender Beliebtheit.

Klassenlos

Dabei genießen alle gesellschaftlichen Klassen das Gericht. Auf Sandringham gehört es zur royalen Weihnachtstradition, dass die Männer am Weihnachtsmorgen ein Full English Breakfast mit zusätzlich Kippers, Räucherhering und Nierchen zu sich nehmen. Andererseits bekommt man es in manchen Pubs auch als ganztägiges Angebot, bisweilen stehend vom Pappteller. Angesichts der wachsenden Nachfrage von Vegetariern entwickelt sich das Full English Breakfast stetig weiter.

Während diese reichhaltige Mahlzeit in der Vergangenheit zunächst Wohlstand, später Aufbaudiät bedeutete, ist das Full English Breakfast mit der Kaloriendichte des durchschnittlichen halben Tagesbedarfs heute eher vor einer Gebirgswanderung, Treibjagd oder anderer ausdauernder, anstrengender Leistung sinnvoll. Bei normalem Lebenswandel sollte es eine Besonderheit bleiben, die man im Idealfall mit Familie und Freunden genießt.

Um ein Full English Breakfast zu genießen, muss man nicht zwingend ins Vereinigte Königreich reisen. Klischees werden auch in Potsdam voll erfüllt: Am Vormittag regnet es cats ´n dogs und in einem der Innenhöfe unweit des holländischen Viertels liegt das englische Café „A Slice of Britain“ etwas versteckt, klein, gemütlich und sehr gut geheizt. Auf der reichhaltigen Speisekarte findet man erwartungsgemäß das Full English Breakfast. Aus der Küche hört man ordentlich das Fett brutzeln. Umso größer ist die freudige Überraschung, als nach einer ganzen Weile endlich die Platte kommt: leicht angetoastetes Sauerteigbrot, zwei wachsweiche Spiegeleier, ein paar Kartoffel-Wedges, gegrillte Tomaten, viel zu wenig Champignons sowie Speck und Irish Pork Sausages mit eigentümlich weicher Konsistenz.

Der Eingang zum Café „A Slice of Britain“
Foto: Johannes S

Besonders erwähnt werden sollten zwei Dinge: die köstliche Schale mit hausgemachtem Bohnen: gesprenkelten Borlotti, weiße Canellini, rote Kidney und schwarze Turtlebohnen in Tomatensoße, die sehr an das Original aus der Dose erinnert, und die Salatgarnitur, die mit Rohkost, Sprossen und Früchten ein sinnvolles Gegengewicht zu den deftigen Köstlichkeiten bildet. Auf die vegetarischen Optionen angesprochen, erklärt die freundliche Kellnerin, dass es neben veganen Würstchen, Speck und Patties auch Scrambled Tofu als Eier-Alternative gibt. Schön, dass es pflanzliche Optionen gibt, und man darf sich auf raffinierte Rezepte freuen, die sich im Laufe der Jahre noch etablieren werden.

Das Full English Breakfast vom Café „A Slice of Britain“
Foto: Johannes S

Herz, was begehrst du mehr?

Wer britisch frühstücken und dabei auf die Gesundheit achten möchte, dem sei noch ein anderes Gericht von der viktorianischen Frühstückstafel empfohlen: Kedgeree, dieses Reisgericht mit geräuchertem Schellfisch, Eiern und mildem Currypulver geht auf seine kolonialen Wurzeln in Indien zurück. 

Laut einer letztjährigen Studie im Fachjournal „The American Journal of Clinical Nutrition“ ist das Gericht aufgrund des hohen Gehalts an Vitamin D und Omega-3-Fettsäuren in Kombination mit Kaffee optimal zur Verlangsamung des biologischen Alterns sowie zum Schutz von Herz, Gehirn und Kreislauf. Schon der Dichter William Somerset Maugham ließ sich mit folgendem Bonmot zitieren: “Um in England gut zu essen, sollte man dreimal am Tag frühstücken – und zwar mit Kedgeree.”

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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