So instagramable: Süßes erstrahlt jetzt in Fifty Shades of Lilac mittels einer philippinischen Yamswurzel. Lebensmittelmagazin.de geht dem Trend nach.
Grün ist die Hoffnung, und die Hoffnung stirbt zuletzt – aber sie stirbt! Liegt es also am Klimawandel, der globalen Sicherheitslage oder der allgemeinen wirtschaftlichen Situation, dass Menschen jetzt das erlösende Nirwana herbeisehnen und sich kulinarisch ins mystisch-transzendentale Lila stürzen – zumindest in den einschlägigen Kaffeeketten und fotogen auf Instagram?
Ob als Ube Coconut Cloud, Chunky Ube Brownie oder Tiramisu – mit 760.000 Hits unter #ube bei Instagram erobert die Wasseryams die sozialen Medien und taucht Snacks und Getränke in sattes Purpur. Aber #Matcha bleibt entspannt bei über zehn Millionen Treffern.
Für Einhörner
Davon abgesehen ist das grüne Trendprodukt mit seinem Koffein eher eine Alternative zum Kaffee und mit seinem ausdrucksstarken Geschmack polarisierend – Stichwort „Matschlatsche“. Ube hingegen ist geschmacklich ausgesprochen gefällig: mit zurückhaltender Süße, lila Farbe und ohne Koffein bestens dafür geeignet, kleine Mädchenherzen höher schlagen zu lassen. Für Longevity-Fans sind die antioxidativen, farbgebenden Anthocyane der Ube durchaus konkurrenzfähig zu den ikonisch verehrten Polyphenolen des Matchas.

Foto: Envato
Lila Härtetest
Auf der großen Tafel über der Theke des Kaffeehauskettenkaffeehauses am Gendarmenmarkt sucht man sie vergebens zwischen Cappuccino, Flat White und Co. Freundlich weist der Barista auf das gesonderte, handbeschriebene Spezialitätentäfelchen hin. Die Temperaturen sind Anfang Mai etwas kühler, sodass ein heißer Ube Latte statt einer geeisten Variante erwünscht ist.
Ähnlich wie beim Matcha rührt er zuerst ein blasslila Pülverchen an, mit dem er anschließend ein Latte-Art-Herzchen in den Milchschaum zaubert. Er freut sich: „Das klappt so viel besser als bei der Iced-Version!“

Foto: Johannes S.
Bei grauen Wolken und nasskalten Böen ist es auf jeden Fall schön, ein Heißgetränk in den Händen zu halten. Vermutlich ist man als Vater aber einfach nicht Teil der Zielgruppe. Es fehlt auf jeden Fall Koffein, das einen aus dem Nachmittagstief liebevoll herausreißt. Und Geschmack sowie das etwas griesige Mundgefühl erinnern an schlecht aufgelöstes Babymilchpulver. Aber die Farbe ist wirklich schön.
Im Westen Nichts Neues
Dabei ist Ube im westlichen Markt keineswegs völlig neu. Ende der Nullerjahre tauchte Ube mit dem Aufkommen der ersten Bubble-Tea-Shops in Deutschland vereinzelt als Geschmackszutat unter den kunterbunten Bubbles auf. Den zusätzlichen Schub erhielt die Yamswurzel 2024, als Siruphersteller Monin Ube zum „Geschmack des Jahres“ erklärte. Dabei gab es das lila Phänomen in den USA bereits seit über zehn Jahren.
Apl.de.ap ist Mitbegründer der Black Eyed Peas und Sohn philippinischer Eltern. Auf ihrem Album *The E.N.D.* von 2009 taucht im letzten, stellenweise auf Tagalog gesungenen Lied „Mare“ das philippinische Dessert Halo-Halo auf – ein populäres Dessert auf den Philippinen. Die Yamswurzel gehört dort seit Jahrhunderten zur Esskultur. Historische Funde deuten darauf hin, dass Ube dort bereits seit mehreren tausend Jahren genutzt wird. Bis heute existieren zahlreiche traditionelle Familienrezepte, die von Generation zu Generation weitergegeben werden.
Grüße vom anderen Ende der Welt
Henning, ein Kommilitone des Autors, kommt beruflich gut um den Erdball. Gerade ist er auf den Philippinen stationiert. Natürlich kennt er Ube: „Ube, die süße Rote Bete der Philippinen – die Farbe ist einfach fantastisch. Der Geschmack von Ube ist schon süß, aber nicht zu sehr, erinnert an Süßkartoffel. Alle lieben hier Ube-Eis, Ube-Gebäck, Ube Polvoron, das ist so ein trockener Keks, manchmal auch pur.“

Foto: Henning B.
Von einem Kollegen hat er den Tipp bekommen, dass man die Wurzeln einfach kocht und in Zucker dippt, bevor man sie genießt. Ube wird dort vor allem auf der Insel Bohol angebaut. „35 Prozent des Verkaufs kommen von dort.“ Und das Dessert Halo-Halo sei ausgesprochen köstlich und populär. Er schickt Fotos von Ube-Produkten wie Ube Halaya, einer Art Marmelade, aus dem philippinischen Supermarkt.
Mangelware
Das lässt sich allerdings ebenfalls feststellen: Trotz TikTok und Instagram muss man Ube im deutschen Lebensmitteleinzelhandel suchen. Der große Asia-Supermarkt am Potsdamer Platz beispielsweise bietet zwar aktuell frische weiße Yams an, aber die verarbeiteten lila Produkte basieren auf Taro oder violetter Süßkartoffel. Für das Original muss man eben in die richtigen Cafés und Eisdielen.
Und tatsächlich – keine 50 Meter vom Kaffeehauskettenkaffeehaus am Gendarmenmarkt entfernt liegt das philippinische Restaurant Pinas. Die Speisekarte liest sich köstlich, aber der Fokus liegt auf Halo-Halo. Und so kurz vor Feierabend gibt es nur noch eine Portion, wie die freundliche Kellnerin feststellt.
Was sie serviert, ist ein Feuerwerk aus Farben und Konsistenzen: In der Schüssel vereinen sich Kondensmilch, geschabtes Eis, Cocktailfrüchte, Maiskörner, roter Jelly, Lychee- und Nata-de-Coco-Würfel, Rice Crispies namens Pinipig und obendrauf neben einem Streifen Caramel Flan und einer Kugel Dulce de Leche eben jenes mystisch violett leuchtende Ube-Eis. Halo-Halo bedeutet auf Tagalog eigentlich „Misch-Misch“, aber vorher muss die Ube-Eiscreme pur probiert werden.

Foto: Johannes S.
Das Mundgefühl erinnert an Maroni, der Geschmack ist rund, nussig und ein wenig mit Pistazien zu vergleichen. Einmal durchgerührt genießt man einen süßen, erfrischenden Eisbrei mit spannenden Stückchen – genau das, was man an einem schwülen Sommertag in Berlin-Mitte oder wahrscheinlich rund ums Jahr in Manila braucht.
Die Kellnerin lächelt: „Halo-Halo wird seit vielen Generationen bei uns geliebt, auch wenn es sich im Laufe der Jahrzehnte weiterentwickelt hat.“ Sie bestätigt aber auch, dass es gegenwärtig schwierig sei, an Ube-Produkte zu kommen. Das Restaurant importiert frische Ube direkt von Bauern auf den Philippinen und verarbeitet sie selbst nach philippinischen Rezepten.
Sie empfiehlt deshalb, auf die einfacher verfügbaren violetten Süßkartoffeln als Alternative zu den philippinischen Importen zurückzugreifen.
Aber ein Gedanke vor dem nächsten Instagram-Post: Die internationale Nachfrage nach dem violetten Lebensmittel übersteigt die heimische Produktion auf den Philippinen. Das sorgt vor Ort für eine Verteuerung des Grundnahrungsmittels, das zweimal im Jahr geerntet und oft von kleinbäuerlichen Betrieben angebaut wird. Von dem internationalen Hype werden vermutlich ausgerechnet diese Bauern am wenigsten profitieren.
