Totengedenken in bunten statt gedeckten Farben. In der mexikanischen Botschaft feiert man den Auftakt zum Día de Muertos mit Mezcal und Tamales statt Kaffee und Kuchen. Lebensmittelmagazin.de feiert mit.
Kulinarisch bedeutet Allerheiligen bei uns in Deutschland wahrscheinlich eher: Nach dem gemeinsamen Friedhofsbesuch, bei dem man Grabgestecke ablegt und Kerzen anzündet, gedenkt man der teuren Verblichenen mit der Familie im Café oder zu Hause bei selbstgemachtem Kuchen, Kaffee und vielleicht noch einem Selbstangesetzten. Falls die Lästereien dann zu erheblich ausfallen, mahnt womöglich ein „De mortuis nihil nisi bene“, sich am Riemen zu reißen. Dieses „Über die Toten nichts außer Gutem“ wird in Mexiko zu diesem Anlass noch ganz anders beherzigt: Den Verstorbenen wird am Tisch extra ein Platz reserviert, und zur Feier des Tages kommen die besten Sachen auf den Tisch.
Keine Angst vor Skeletten
Vor der mexikanischen Botschaft in Berlin saß Anfang Oktober, wenige Wochen vor Allerheiligen, eine gewaltige Catrina-Skulptur namens „La Tejedora“ (Die Weberin) von Luis Enrique Reyes Ponce de León, die anlässlich des mexikanischen Tags der Toten dort ausgestellt ist. Die Skelett-Figur stammt aus Atlixco und stellt symbolisch eine Weberin dar. Sie verkörpert das kunstvolle Verweben von Leben und Tod, die reiche mexikanische Textiltradition sowie die kulturelle Verbindung zwischen Mexiko und Deutschland. Atlixco ist berühmt für sein Kunstfestival Valle de Catrinas und zieht jedes Jahr Heerscharen von Touristen an.

Foto: Johannes S.
Lasst Blumen sprechen
In den Sälen der mexikanischen Botschaft fielen die Massen an orange leuchtenden Tagetes ins Auge, auf Nahuatl „cempasúchil“ („zwanzigblütig“), die in üppigen Girlanden die Wände schmückten. Mit ihrer leuchtend orange-gelben Farbe und ihrem intensiven Duft sollen sie den Seelen der Verstorbenen an Allerheiligen den Weg vom Friedhof zum Altar im Haus und zurückweisen. Daneben stehen sie für die Sonne und das Leben. Die Farbe verbindet die Welt der Lebenden mit der der Toten. Die Blume war schon in vorspanischer Zeit mit Totenritualen verbunden, der Brauch hat sich also mit dem katholischen Allerheiligenfest verbunden, statt daraus zu entstehen. Seit 2008 sind die indigenen Feierlichkeiten zu Ehren der Toten auf der Repräsentativen Liste des Immateriellen Kulturerbes der Menschheit der UNESCO verzeichnet.

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Knöcherne Schönheiten
Viele Gäste erschienen in festlicher Tracht: Frauen in weiten, aufwendig bestickten Kleidern mit Rosen- und Blütenmotiven. Besonders eindrucksvoll waren ihre bunten, außergewöhnlichen Blumenkronen. Mehrere Frauen waren als Calavera Catrina geschminkt, mit Totenkopf-Make-up, dunklen Augen und aufgemalten Linien an Mund und Wangen. „Calavera“ heißt Schädel. Die Figur der Catrina, der eleganten Skelettdame, geht auf den Zeichner José Guadalupe Posada zurück, der sie um 1910 als Spott auf Mexikos feine Gesellschaft schuf. Später machte der Maler Diego Rivera sie in einem Wandbild berühmt, und heute steht sie für den Gedanken, dass der Tod alle gleich macht und man ihm festlich statt trauernd begegnet.
Altar für die Toten
Die anmutig anzublickenden Damen drehten sich und präsentierten sich vor dem festlichen, stufenförmigen Altar, der über und über mit Tagetes geschmückt war. Auf den Stufen leuchtete das Papel picado in Pink, Gelb, Blau, Orange und Violett, landestypische Scherenschnitte aus Seidenpapier mit Blüten- und Sternmotiven. Auf dem Altar standen Maiskolben, Paprika, Zitrusfrüchte, Guaven und Ananas, aber auch Kerzen, Keramikschalen und Krüge sowie hier und da eine Flasche Mezcal zu Ehren der Toten. Gebaut hat ihn ein Team aus Huejutla de Reyes im Bundesstaat Hidalgo, in der Tradition des Xantolo, wie das Totenfest in der Huasteca heißt. In Huejutla ist Xantolo eines der wichtigsten Feste für Familien und Gemeinschaften, eine Zeit des Erinnerns und Zusammenkommens, getragen von Geschichte, Identität und der Liebe zu den Angehörigen.
Erinnerungen
So stand oben auf dem Altar ein Bilderrahmen mit dem Porträt Carmen Moreno Toscanos, einer der prägenden Diplomatinnen Mexikos. Sie vertrat ihr Land unter anderem in Costa Rica, Guatemala und Nicaragua sowie bei der Organisation Amerikanischer Staaten. Früh setzte sie sich für Menschenrechte und die Gleichstellung der Geschlechter ein, etwa bei der Weltfrauenkonferenz 1975 in Mexiko-Stadt. Sie starb im Juli dieses Jahres im Alter von 88 Jahren, und ihre Freunde und Kollegen gedachten ihrer so passenderweise.

Foto: Johannes S.
Dazwischen stehen Kerzen, Tonkrüge, Maiskolben und Früchte, ganz oben ein Schwarzweißporträt mit Tagetes-Rahmen. Daneben zeigte die Botschaft die Ausstellung „Tenangos: Erzählungen, Mythen und Rituale“ mit der Stickereikunst der Region und eine Fotoausstellung über die Huasteca von Hidalgo. Die Porträts von Korbflechtern, Töpferinnen und Tänzern erzählen von derselben Idee wie der Altar: Erinnerung lebt im Handwerk, in den Händen der Alten und im Alltag der Familien. Zu sehen sind außerdem Tenango-Stickereien, Masken aus der Sierra von Hidalgo und eine Auswahl traditionellen Kunsthandwerks des Bundesstaates.

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Getragen wird die Initiative vom Netzwerk The Americas Research Network (ARENET) in Zusammenarbeit mit der Botschaft von Mexiko in Deutschland, der Regierung des Bundesstaates Hidalgo, den Gemeinden Huejutla de Reyes, San Agustín Metzquititlán und Chilcuautla, der Deutsch-Mexikanischen Gesellschaft Berlin e. V., der Global Cultural Embassy und dem INAH Hidalgo.
Auf Leben und Tod
Nicht nur für die Toten, sondern, Gott sei Dank, auch für die lebenden Anwesenden gab es allerlei Köstlichkeiten, etwa Tamales, die im Maisblatt gegarten Teigtaschen, die zu den ältesten Gerichten Mexikos zählen. Diese hier waren vegetarisch mit Käse. Das nicht mitzuessende Maisblatt, in denen sie eingewickelt waren, gab etwas vom Geschmack ab.

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Xantolo beziehungsweise Día de Muertos fällt mit dem Ende der Maisernte zusammen, deswegen steht der Mais selbst auf dem Altar, als Gabe für die Verstorbenen und als Gericht, das die Familie nach dem Fest gemeinsam isst.
Was auch nicht fehlen darf, ist Mezcal, der Nationalgetränk Mexikos. Sein Name leitet sich vom Nahuatl-Wort „mexcalli“ ab, gebackene Agave. Anders als Tequila, der zwar mit Mezcal verwandt ist, aber nur aus Blauer Weber-Agave entsteht, kann Mezcal aus Dutzenden Agavenarten gebrannt werden. Espadín ist die häufigste, Wildagaven wie Tobalá oder Tepeztate gelten als Raritäten. Für das typische Raucharoma werden die Herzen der Pflanze in Erdgruben über Holz oder Holzkohle gegart, anschließend zerkleinert, vergoren und in Kupfer- oder Tonbrennblasen destilliert. Die Herkunft ist geschützt: Neun mexikanische Bundesstaaten besitzen eine Ursprungsbezeichnung, der Großteil stammt aus Oaxaca im Süden des Landes.

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Mezcal hat schon ordentlich Bums: Ein klassischer Mezcal beginnt nach Angaben der Hersteller bei etwa 46 % Vol. und kann bis zu 56 % reichen, „was darunter liegt, ist meist für den europäischen Markt“, erklärt Stephen Clarke, Beverage Sales Consultant von Agavera, einem Berliner Importeur für Agavendestillate. Er war für einen sehr guten Cocktail mit Meteoro Joven von Mezcal Marca Negra zuständig, gemixt mit Hibiskus und Grapefruit-Tonic, so farbenfroh wie der Xantolo-Altar und viel zu gut zu trinken und als Einstieg sehr zugänglich.
Bei allen Unterschieden, mit denen ein solcher Feiertag zelebriert werden kann, möchte Botschafter Francisco José Quiroga Fernández das Fest als Brücke zwischen den Kulturen sehen. Es gehe nicht darum, Unterschiede zu betonen, hieß es, sondern zu vermitteln, dass der Tod die Bande der Liebe nicht zerreiße und dass Erinnern selbst ein Grund zum Feiern sein könne. Aus diesem Grund kann man das diesjährige Motto eher als liebevollen Scherz denn als Kampfansage sehen: „Das ist nicht Halloween. Das ist Día de Muertos.“ Oder eben hierzulande Allerheiligen.



