Vom Stillleben zum Foodporn: Food-Fotografie in der Retrospektive

Wolfgang Tillmans, summer still-life, 1995

Das Fotografieren von Essen mit dem Smartphone gehört heute zum Alltag dazu. Doch die Geschichte der Food-Fotografie reicht weit zurück. Eine Ausstellung in Berlin zeigt das anschaulich.

„Halt! Noch nicht essen! Ich muss erst fotografieren!“ – 346 Millionen Treffer sind gegenwärtig unter dem Hashtag #food bei Instagram zu finden. Manch einem mag dieser Trend als Unsitte erscheinen, zumal sich die Gastronomie der Social-Media-Präsentation der Speisen, inklusive Berücksichtigung der optimalen fototechnischen Beleuchtung immer öfter anpasst.

Essen als Ausdruck von Identifikation

„Mit Blick auf die Kunstgeschichte muss man die Abbildung von Speisen und Lebensmitteln als sehr wichtiges Sujet betrachten. Essen ist nicht nur eine Bedürfnisbefriedigung, sondern auch Ausdruck von Familie und Gemeinschaft, Geschlechterrollen, Prestige, Kultur und Ritualen und letztendlich ist es Ausdruck von Identifikation“,

meint Ann-Christin Bertrandt, Kuratorin des C/O Berlin im Amerika-Haus.

Die Ausstellung Food for the Eyes präsentiert eine Retrospektive der Food-Fotografie von Beginn bis heute: Künstlerische Arbeiten, in und wider der Tradition der Malerei, kommerzielle Beispiele aus Kochbüchern und Werbung, alles Zeugnisse und Spiegel ihrer Zeit. Diente Fotografie zunächst wissenschaftlichem und dokumentarischen Zweck, findet sie erst seit den 1970er Jahren breite künstlerische Akzeptanz.

Emanzipation der Food-Fotografie

Der erste Bereich der Ausstellung Stillleben zeigt die Emanzipation der Food-Fotografie: Roger Fentons Decanter and Fruit von 1860 weist beispielsweise noch direkte Bezüge zum klassischen Stillleben auf. „Hinzukommen die ungewöhnlich abgerundeten Ecken, die eindeutig den künstlerischen Anspruch aufweisen“, sagt Ann-Christin Bertrandt. Bereits im Rahmen des neuen Sehens der 1930er Jahre dienten Lebensmittel als geometrisch abstrahiertes Objekt, wie bei Edward Steichens Moth Balls and Sugar Cubes (Dress Fabric) von 1927.

„Bis in die 40er Jahre hinein war übrigens Farbfotografie der Werbung vorbehalten“, verweist Bertrandt hinblicklich Paul Outerbridge, der mit seinen Avocado Pears von 1936 die Farbfotografie in die Kunst brachte. Irving Penn mit seinen Frozen Foods von 1977 war schließlich derjenige, der Lebensmittel skulptural arrangierte und für das Foto den Taumoment abpasste, sodass die Farben der Früchte- und Gemüsewürfel unter dem Eis gerade eben hervortraten. Wolfgang Tillmans präsentierte Mitte der 1990er Jahre scheinbare Schnappschüsse, die en détail durchkomponiert waren. „So einfach und simpel das Bild auf den Betrachter wirkt, der Künstler hat einen Stapel an Anweisungen beigefügt, auf welche Weise das Bild zu hängen hat“, berichtet die Kuratorin. Foodporn am nächsten kamen die Bilder aus The Banquet, 1993 von Nobuyoshi Araki, welche durch die provokante Unmittelbarkeit eine sinnliche Obszönität erzeugen, die auch durch seine aggressiv-erotischen Bilder entstehen lassen.

Nobuyoshi Araki, The Banquet, 1993
Nobuyoshi Araki, The Banquet, 1993, RP-Pro Crystal Print
© Nobuyoshi Araki, Courtesy Taka Ishii Gallery, Tokyo (via Pressematerial C/O Berlin)

Von alten Kochbüchern, Rassismus und Weight Watchers

Bei Around the Table nimmt das soziale Umfeld gegenüber den Lebensmitteln einen weitaus größeren Raum ein, als bei den Bildern zuvor. Schon Food Spread, Daffodils für das McCalls-Magazin aus dem Jahr 1946 von Nicholas Murray nimmt die Ästhetik der kommenden Jahrzehnte vorweg: Stark leuchtende Farbkontraste und kunstvoll arrangierte Menüs, die aufgrund des zeitlichen Aufwands für die Fotografie bereits den Einsatz von Hilfsmitteln, wie Haarspray und Rasierschaum erfordern – Essen nur noch für die Ansicht, nicht mehr für den Verzehr geeignet.

„Nach entbehrungsreichen Jahren des zweiten Weltkriegs bietet die Food-Fotografie wieder Projektionsfläche für Pracht Protz, Genuss und Schlemmerei“,

erklärt Ann-Christin Betrandt.

So zeigt die Ausstellung immer wieder private Familienaufnahmen, Aufstellung vor der Geburtstagstorte, beim Picknick oder am festlich gedeckten Tisch – Essen als Symbol gemeinsamer Feste und Riten. Ein ambivalentes Vergnügen bereiten die ausgewählten Kochbuchdeckel der 50er bis 80er Jahre die teils auf bedrückende Weise altmodische Rollen- und Rassenklischees demonstrieren, wie von der amerikanischen Lebensmittelmarke Aunt Jemima, die eine stereotype afroamerikanische Haushaltshilfe zeigt: Übergewichtig, gutmütig und jederzeit bereit, Pfannkuchen zu backen. Noch eindrücklicher zeigt ein Foto zwei schwarze Studenten die in einem Restaurant von den weißen Kellnerinnen argwöhnisch beäugt, aber nicht bedient werden. Das einzige Essen ist ein Stück Torte unter einer Kuchenhaube – Segregation in den frühen 60er Jahren der USA. Ebenfalls mit Stereotypen arbeitet Martin Parr, dessen Fotos Wells, Somerset, England aus dem Jahr 2000, dem Betrachter sofort ihre Herkunft verraten: Beans on Toast, Tea and Biscuit als Ausdruck und Klischee britischer Identität.

Ähnliches Amüsement verbreiten die ausgestellten 70er-Jahre-Weight-Watchers-Karten, farbgewaltige Alpträume in Sülze und kühn-architektonisch konstruierte Mahlzeiten, die alles sind, aber keineswegs appetitanregend.

Unbekannter Fotograf, Weight Watchers Recipe Cards, 1974
Unbekannter Fotograf, Weight Watchers Recipe Cards, 1974 (via Pressematerial C/O Berlin)

Du sollst (nicht) mit dem Essen spielen!

In der letzten Sektion Playing with Food treiben die Künstler auf ihren Bildern mit Lebensmitteln allerlei Schabernack. So kreieren die Schweizer Peter Fischli und David Weiss mit ihren Wurstbildern Dioramen von Unfällen, Geschäften und sogar einer Modenschau.

Großformatig zeigt die Ausstellung die Videoinstallation Meat Joy NYC der Künstlerin Carolee Schneemann von 1964: In einem orgiastischen Ballett arbeiten die Tänzer mit rohen Hühnern und Fischen, fernab jeder Moralvorstellung der adretten Hausfrau in ihrer sauberen, hübschen Küche.

Peter Fischli und David Weiss, Modenschau,1979
Peter Fischli und David Weiss, Modenschau, 1979, aus der Wurstserie
© Peter Fischli und David Weiss, Zürich 2018 . Courtesy Sprüth Magers, Berlin, Matthew Marks Gallery, New York und Galerie Eva Presenhuber, Zürich (via Pressematerial C/O Berlin).

Ausstellung noch bis 7. September

Die Ausstellung Food for the Eyes – die Geschichte des Essens in der Fotografie von C/O Berlin läuft noch bis zum 7. September 2019 im Amerika Haus. Vielleicht versöhnt die Retrospektive den nächsten Restaurantbesuch, wenn am Nachbartisch wieder das Smartphone gezückt wird. Das uralte Bedürfnis des Bilds vom Essen hat lediglich durch die technische Entwicklung seine Exklusivität verloren, über den künstlerischen Anspruch mag man im Einzelfall entscheiden.

Weitere Veranstaltungen im Rahmen der Ausstellung

  • 30. Juli 2019, 19:00 Uhr:
    Food for the Eyes, Sommerkino-Filmvorführung „Eat Drink Man Woman“ (Comedy/Drama, Taiwan, 1994, 124 Min.). Im Anschluss Showkochen mit Sternekoch Tim Raue. Ticket 95 Euro (inkl. Ausstellung, Film & Dinner mit Weinbegleitung). Erhältlich online und bei C/O Berlin.
  • 13. August 2019, 18:30 Uhr:
    eat! Berlin Gastspiel mit Sebastian Frank; Restaurant Horváth, Marco Müller; Restaurant Rutz, Max Strohe; Speiselokal Tulus Lotrek, Karina Appeldorn; Restaurant Steinplatz und Bernhard Moser. Ticket 149 Euro (inkl. Führung, 4-Gang-Menü mit Weinbegleitung). Erhältlich unter: https://www.eat-berlin.de
  • 23. August 2019, 18:30 Uhr:
    Food for the Eyes, Sommerkino-Filmvorführung „NOMA – My Perfect Storm“ (Dokumentation,UK, 2015, 100 Min.). Gespräch mit Ditte Isager, Fotografin NOMA und Felix Hoffmann, Hauptkurator C/O Berlin Foundation. Begleitet von einer exklusiven Auswahl an Naturweinen. Ticket 39 Euro (inkl. Aperitif, Filmvorführung, Ausstellung, Gespräch, Wein, Käse & Brot). Erhältlich online und bei C/O Berlin.

Artikelbild (oben): Wolfgang Tillmans, summer still-life, 1995 © Wolfgang Tillmans. Courtesy Galerie Buchholz, Berlin/Köln, Maureen Paley, London und David Zwirner, New York (via Pressematerial C/O Berlin)

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