Heute noch in Hamburg, vielleicht morgen schon im heimischen Supermarktregal. Beim achten Food Innovation Camp in der Hamburger Handelskammer pitchen Start-ups um die Wette und buhlen unter anderem um die Gunst des Lebensmitteleinzelhandels und der Investorenlöwen. Lebensmittelmagazin.de war an der Alster.
Pumpen statt Pausen: Protein- und Functional-Drinks
Zukünftig gibt es keine Entschuldigung mehr für einen nicht geschwollenen Musculus pectoralis major: Zuckerfreie Erfrischungsgetränke mit Protein waren definitiv der letzte Schrei auf dem achten Food Innovation Camp am 22. Juni und in vielen Varianten in der beeindruckenden Halle der Hamburger Handelskammer vertreten, etwa bei Juuz als klassische Limonade in den Geschmacksrichtungen Cola, Orange, Zitrone und Berry. Wer es abgedrehter mag, konnte beim Mitbewerber Nxtup das Ganze auch in den Sorten Erdbeer-Kiwi, Blaubeere-Cassis und Mango-Passionsfrucht bekommen, natürlich alles sprudelig erfrischend und ohne Zucker – es gab allerdings auch die stille Variante als Eistee mit Proteinen und ohne Zucker. Insgesamt war Functional Food gerade im Erfrischungsgetränkebereich ein riesiges Thema des diesjährigen Food Innovation Camps.

Foto: Johannes S.
Bei „Dein Newcomer 2026″, einer gemeinsamen Initiative von REWE und dem Food Innovation Camp, gehörte Juuz dann auch zu den drei Finalisten. TV-Löwe Ralf Dümmel, Andreas Persigehl von REWE Nord und Holger Stanislawski vom REWE Markt Winterhude kürten unter der Proteinlimonade, dem fast zuckerfreien Fruchtgummi von Nalu und Fruit Rebel mit Apple Fries Letzteres zum Sieger. Dies war mit einer Listung bei REWE Nord, starker Medienpräsenz und direktem Zugang zu einem einflussreichen Investoren- und Händlernetzwerk verbunden. Dafür gewann Juuz den Medienpreis von EAT SMARTER auf der Pitch-Bühne, wo 32 junge Unternehmen um die Jurygunst und ein crossmediales Marketingpaket im Wert von 30.000 € konkurrierten.
Als geradezu tapfer muss man dagegen das dänische Unternehmen Pure Powersport nehmen, das mit seinen Energy-Bars auf Haferbasis und seinen Sportgetränken dafür stand, dass Fitness nicht nur aus Muskelaufbau besteht, sondern auch Cardio seine Berechtigung hat und leichte, bekömmliche, lang verfügbare Kohlenhydrate benötigt.
Während auf der Bühne die Löwen entschieden, lief im Hintergrund das eigentliche Geschäft des Food Innovation Camps: Über 100 Food-Start-ups trafen dort auf über 1.000 Fachbesucher, darunter Entscheider aus Handel, Gastronomie, Investment, Politik und Presse, für Kooperationen und spannende wirtschaftliche Weiterentwicklungen.
Kokoswasser, Sirup und nüchterner Genuss
Genauso oft wie Protein-Soda war auf dem Food Innovation Camp Kokoswasser zu finden, das bei den gegenwärtigen sommerlichen Temperaturen optimale Erfrischung bietet. Dabei konnte man lernen, dass Kokoswasser nicht einfach nur Kokoswasser ist, sondern dass es davon noch unterschiedliche Sorten gibt – wie beispielsweise die King Coconut von Pondi, die sich sublim von bereits Bekanntem unterschied.

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Passend zum Zeitgeist, der sich zunehmend von alkoholischen Getränken distanziert, setzte das Start-up Nüchtern auf alkoholfreien Genuss. Bereits 2020 machte es mit Berlins erstem alkoholfreien Pop-up-Späti im Kreuzberger Halleschen Haus von sich reden. Auf dem Food Innovation Camp präsentierte es nun alkoholfreie Spritzgetränke, unter anderem in der wohlschmeckenden Variante Yuzu-Minze – ganz lecker und erfrischend und man bekommt keinen Schwips.

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Polarisierende Pioniere
Anders als auf sonst üblichen Messen trat hier aber auch eine Riege von Start-ups hervor, die eher herausstechen – und vielleicht sogar polarisieren wollten: Bio Speckup präsentierte Rindfleisch als Gewürztopping – Rinderspeck, der wie Beef Jerky getrocknet wird, wird pulverisiert und verleiht Eierspeisen, Suppen und vielem mehr den vollmundigen Fleischgeschmack. Auf den ersten Blick wirkt das schon dekadent hoch drei: Der Zeitgeist setzt auf Kala Namak, Sellerie, Algen & Co., um den vollen fleischigen Geschmack zu simulieren, und Speckup dreht den Gedanken quasi um, um mit minimalem Einsatz den Genuss von Fleisch doch zu implementieren. Sowohl vom Nose-to-Tail-Prinzip her als auch wahrscheinlich wirtschaftlich macht sich diese Zweckentfremdung margenschwacher Fleischabschnitte bezahlt, preislich ist das Luxusgewürz jedenfalls nicht ohne. Dafür gab es 2022 die Trophäe des Bioprodukts des Jahres der Bio Österreich Messe Wieselburg.
Ähnlich ambivalente Reaktionen lösten die Sachets von GeschmackSack aus. Statt viele Gewürze im Schrank haben zu müssen, gibt man jetzt einfach die fertigen Säckchen zum jeweiligen Gericht wie Gulasch, Rotkohl oder Apfelpunsch hinzu, und fertig. Während eine Besucherin den Wegfall des sinnlichen Erlebnisses, ein Essen zu würzen, sehr bedauerte, strahlte eine andere Besucherin neben ihr, die aufgrund ihrer Arbeit nicht oft zu Hause zum Kochen käme, über die Arbeitserleichterung. Bei 5 Euro für ein Säckchen pro Mahlzeit müssten für viele die Gründe bestimmt ähnlich schwerwiegend sein. Andererseits sind die hübsch verpackten Säckchen bestimmt eine nette Beigabe für Geschenke.

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Noch einen Schritt weiter ging das französische Label Cosmic Dealer mit mit unterschiedlichen Nussbuttern gefüllten Schokoladenpasteten, sogenannten „Chocolate Chakras“ – zuckerreduziert und Clean Label, mit spannenden Zutaten wie Löwenmähne oder Kurkuma. Die Täfelchen in Yogastudio-Optik schmeckten hervorragend.

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Fürs persönliche Wohlbefinden zuträglich waren auch die Weingummis für Erwachsene von Vinomente aus dem Raum Meißen, die den Begriff „Weingummi“ mit zehn Prozent Weinanteil und ein paar Umdrehungen mal ernst nahmen.

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Kein neues Rad, aber ein großer Aha-Effekt
Nicht jeder auf dem Food Innovation Camp wollte provozieren, manche überraschten einfach mit der Qualität des Altbekannten: Jomaa Spirulina aus der Nähe von Hamburg demonstrierte mit seinen Spirulina-Flakes, dass die Mikroalgen mit dem beeindruckenden Vitamin-, Nähr- und Mineralstoffspektrum nicht zwingend nach einem umgekippten Teich schmecken müssen. Grund hierfür ist das schonende, mehrtägige Trocknungsverfahren, bei dem, anders als beim Sprühtrocknen, die Zellwände intakt bleiben und der Zellsaft nicht oxidiert. So kann das Superfood hervorragend beispielsweise zu Nudeln verarbeitet werden, wie Maarten Heins am Stand demonstrierte.

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Ähnliches gilt für The Pickle Company aus Berlin mit ihren Essiggürkchen. Im Vergleich zum konventionellen Angebot im Supermarktregal sparen sie mit ca. zwei bis drei Gramm Kohlenhydraten pro 100 g die Hälfte des Zuckers ein. Dafür reichern sie das Geschmacksprofil üppig mit Gewürzen an: Neben dem Klassiker mit Senfsaat und der Kimchi-Variante mit Chili bieten sie auch eine hochgradig köstliche orientalische Variante mit Kurkuma und Kreuzkümmel an, die sich für den Hummus-Bagel geradezu anbietet. Dafür gab es den Sieg beim Pitchwettbewerb. Gründerin Michelle Fleer besuchte seinerzeit einen Kochkurs in Paris mit Fokus auf Einmachen und erlebte in den USA eine Pickle-Tradition gänzlich ohne Zucker.

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Wenn man schon mal beim Einmachen ist: Großen Spaß bereiteten auch die pflanzlichen Fischalternativen vom Bremer Start-up Knollenkutter, zum Beispiel Möhrenlax: fein gehobelte Bio-Möhren, mariniert mit Meeresalgen, Dill und Kapern, lassen Räucherlachs beinahe vergessen. Sellerie Vorellerie ahmt als marinierter Knollensellerie Räucherforelle nach. Beete di Mare wiederum entpuppte sich als geräucherte und marinierte Rote Bete im Heringssalat, nur ohne den Hering. Dafür wurden sie bei der Hot Kitchen Challenge zum absoluten Publikumsliebling gewählt.

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Politisch nicht weniger aufgeladen als die Zuckerreduktion bei den eingemachten Gurken war der Lösungsansatz von Hydro Heroes: Getreu dem Motto, “den Feind mit den eigenen Waffen zu schlagen”, haben sie explizit für Kinder ein Getränk auf Basis von Teeauszügen entwickelt, leuchtend blau und giftig grün, in den Geschmacksrichtungen „Saure Apfelringe“ und „Blueberry Bubblegum“, mit dem feinen Unterschied, dass die Erfrischungsgetränke mit Monkfruit gesüßt sind.

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Dänen lügen nicht
Große Sympathie gab es für Stände aus dem benachbarten Ausland und auch von weiter her, ein kleiner Streifzug über die Halle: In der „dänischen Ecke“ präsentierte unter anderem Northern Greens flüssige Bio-Kräuter auf Basis von Branntweinessig, Salz und Zucker, eine traditionelle Möglichkeit, Kräuter haltbar zu machen und ganzjährig zur Verfügung zu haben. Besonders Dill schmeckte ziemlich gut und lässt sich für die nächste Bärlauchernte gut im Hinterkopf behalten. Zwei Stände weiter gab es den Gegenentwurf zum Protein-Soda: Ziropa präsentierte Sirups: Frucht, Zucker, Zitrone, recht naturbelassen, dafür mit spannenden Geschmacksrichtungen wie Brombeere oder Hagebutte.
Von Dänemark aus ging es weiter nach Finnland: „Die spinnen, die Finnen“, könnte man bei Low-Carb-Sushi von Kiko denken, die als Shari-Dama statt Reis Konjak-Ballen anbieten. Vermutlich raufen sich beim Vergleich traditionelle Sushimeister die Haare, gilt Sushireis doch als das gewisse Etwas guten Sushis. Co-Founder Isko Toiviainen versichert auch, dass man diesbezüglich gar nicht in Konkurrenz treten möchte, sondern beim Takeaway lediglich dieses zusätzliche Low-Carb-Angebot schaffen möchte.

Foto: Johannes S.
Von Finnland führte der Streifzug weiter ans Horn von Afrika: Die pfannkuchenähnlichen Sauerteigbrotfladen zum Linsendip Tumtumo, mit Berbere gewürzt, brachten dank Natna Eritrea Cuisine die Küche Eritreas an die Alster. Gerade diese scharf-fruchtig-herbe Gewürzmischung bereitete viel Spaß und bietet eine spannende Alternative zum ebenfalls auf Hülsenfrüchten basierenden Hummus. „Tumtumo könnte man aber auch gut über Fleisch in die Pfanne geben“, meinte der junge Mann am Stand. Großes Problem nur, dass das ebenfalls hochgradig köstliche Brot sehr langwierig und aufwändig in der Vorbereitung sei.
Und auch Südamerika war kulinarisch vertreten wenn auch über den Umweg Augsburg: Schön ist es, dass man Spezialitäten wie Pao de Queijo, Käsebällchen auf Tapiokabasis, nicht mehr nur in Brasilien, sondern inzwischen auch im heimischen Supermarkt findet, dank Bravalua.

Foto: Johannes S.
Ob kulinarische Horizonterweiterung wie in den letzten Beispielen, polarisierende Ideen oder grandiose Lösungen, eines hatten die Produkte auf dem Food Innovation Camp ’26 gemeinsam: Sie waren alles andere als langweilig.
