„Meine Suppe ess‘ ich nich“ – Streit um den Kinderteller

Essen muss Kindern schmecken

Wissenschaftler haben deutschlandweit Kindergerichte in Speisekarten ausgewertet, eine Studie, die für viel Diskussion sorgte. Ist der familiäre Restaurantbesuch Ursache für eine ungesunde Ernährung?

Die Studie ist noch gar nicht erschienen, da sorgte das Interview von Professor Sven Schneider vom Mannheimer Institut für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung bereits für allgemeine Aufruhr. Nach einer Untersuchung von 1.800 Speisekarten kam man zu dem Ergebnis, dass das Angebot der Kindermenüs in Deutschland unter dem Niveau amerikanischer Systemgastronomie läge. Chicken Nuggets, Schnitzel, Fischstäbchen und irritierenderweise südosteuropäische Fleischgerichte sowie Süßspeisen dominieren also die Käpt’n-Blaubär-, Biene-Maja- und Pumuckl-Teller. Explizit ausgenommen waren übrigens jene sonst problematisierten Systemgastronomie-Etablissements. Die Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft schlägt Alarm, deutsche Verbraucherschützer geraten in freudige Aufruhr und die Berichterstattung darüber ist allgegenwärtig.

Beispiel von Kindermenüs in einer Speisekarte
Beispiel von Kindermenüs in einer Speisekarte.

Schließt Vielfalt auch Pommes Frites ein?

Der familiäre Restaurantbesuch soll also Ursache für die ungesunde Ernährung unserer Kinder sein? Dr. Angela Kohl, Ökotrophologin und Teil der wissenschaftlichen Leitung beim  Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde, winkt ab: Im Allgemeinen sei der Restaurantbesuch eher ein besonderer Anlass, ob man jetzt einmal die Woche essen gehe oder einmal im Monat. Der wichtigste Aspekt für die Ernährung eines Kindes sei Vielfalt und Abwechslung. Das schließe auch den Genuss von Pommes Frites mit ein, der ja doch nicht täglich sei:

„Anders gesagt: Die Vielfalt schließt sowohl Chicken Nuggets als auch mageres Hühnchen auf Reis ein.“

Ernährungswissenschaftlerin Dr. Angela Kohl, BLL

Richtig frittieren

Auch die oft in Kritik stehende Garmethode Frittieren ist bei richtiger Umsetzung unbedenklich: Die richtige Temperatur und regelmäßiger Fettwechsel setzen die Bildung von Acrylamid und den Fettgehalt auf ein Minimum. Es sei wichtig, die korrekten Arbeitsschritte und Anweisungen weitestmöglich innerhalb gastronomischer Betriebe zu verbreiten und bekannt zu machen. Dr. Kohl gibt trotz der generellen Empfehlung bei Kohlenhydraten auf Vollkornprodukte zurückzugreifen zu bedenken, dass diese zwar hervorragend sättigen, aber bisweilen auch einen höheren Fettgehalt aufweisen, weil das gesamte Korn verwendet wird.

Kleine Portionen, mehr Vielfalt

Die Ökotrophologin bleibt angesichts der Kindertellerdebatte entspannt und rät, dass einer der besten Wege sei, à la carte zu wählen und kleinere Portionen zu bestellen. Ansonsten könne man den Gastronomen nur ans Herz legen, auch im Kindermenü eine größere Vielfalt anzubieten, um für Kinder den kulinarischen Horizont zu erweitern.

Kind im Restaurant
Kind stibitzt eine Pommes vom Elternteller.
Foto: Irina Schmidt – stock.adobe.com

Kinderernährung in Gänze betrachten

Trotzdem muss für sie eine gesunde Kinderernährung im Großen und Ganzen betrachtet werden, und da erscheint der Anteil der Kinderteller im Restaurant doch eher marginal. Die Verantwortung bliebe bei den Eltern. Das bedeutet auch, dass im Falle einer zu einseitigen Speisenauswahl für Kinder die Eltern durchaus auf das Restaurant zu gehen sollten und gemeinsam abklären, welche Möglichkeiten es für die Küche gebe, auf die individuellen Bedürfnisse des Kindes einzugehen.

„Damit habe ich bislang gute Erfahrungen gemacht und bestelle für meinen Sohn meistens Nudeln mit Gemüse, was er gerne isst und das ist meistens problemlos möglich.“

Dr. Angela Kohl, BLL

Denn am Ende helfe es nicht, auf gesunde Ernährung zu achten und dann schmecke es den Kindern nicht.

Doch was schmeckt Kindern?

Biochemiker Professor Dr. Wolfgang Meyerhof erklärte dazu in einem Interview, dass der Geschmack von Kindern sich noch entwickele und sich von heute auf morgen verändern könne. Menschen schmecken Süßes, Saures, Bitteres, Salziges und Umami. Bitteres wird bereits von Säuglingen abgelehnt. Diese Empfindlichkeit hat sich genetisch und evolutionär durchgesetzt, da so die Menschen schnell erkannten, ob eine Pflanze giftig ist. Ebenso warnt das verzogene Gesicht bei saurem vor unreifen Obst oder verdorbenen Lebensmitteln. Salziges Essen wiederum signalisiert Mineralstoffe, die der menschliche Körper in Maßen benötigt, und deswegen sensibel dafür ist, ob ein Essen schmackhaft oder versalzen ist. Ebenso bedeutet umami eiweißreiches Essen. Was lernt man daraus? Ausgerechnet bei Pommes Frites und Schokolade treffen sich alle kindlichen Geschmäcker evolutionsbedingt, immerhin sind süß und fettig Garantie für lebensnotwendige Kalorien.

Saures Essen
Geschmacksvorlieben sind auch in unserer Evolution angelegt.
Foto: julenochek – stock.adobe.com

Anbieten statt Abfragen

Karan Gengatharan ist Koch in der Villa Kreuzberg. Auf der Speisekarte finden sich neben bewährten Würstchen, Hähnchenschnitzel und Pommes Frites mit Ketchup auch Hähnchengeschnetzeltes mit Nudeln und eine Kidsbowl mit Gemüse, dazu eine Kartoffelspirale mit Sour Cream, sowie Streifen von gegrilltem Hähnchen. Was wünscht man sich mehr? Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine Reaktion auf die Kindertellerdebatte, sondern dies steht bereits seit letztem Jahr auf der Karte. Auch Kinderportionen von anderen Gerichten auf der Speisekarte begrüßt er ebenfalls: Besser so, als die Reste einer ganzen Portion wegwerfen zu müssen.

Doch wie schaut die Rückmeldung aus, begeisterte Eltern, leuchtende Kinderaugen? Weit gefehlt, die bewährten Klassiker laufen wie eh und je.

„Die Verantwortung liegt bei den Eltern. Die Kinder werden daran gewöhnt, Pommes Frites zu essen. Anstelle nach Bewährtem zu fragen, was das Kind essen möchte, wäre es wesentlich sinnvoller, etwas Neues anzubieten und davon auswählen zu lassen.“

Koch Karan Gengatharan, Villa Kreuzberg

Angenehme Atmosphäre schaffen

Der deutsche Hotel und Gaststättenverband DEHOGA hat das Thema Kinder und Familie nicht zuletzt wegen des demografischen Wandels fest im Blick. Gerade wird die Publikation „Kinder in der Gastronomie“ in Zusammenarbeit mit der Deutschen Gesellschaft für Ernährung überarbeitet. Die Arbeit konzentriert sich dabei nicht nur auf Kinderteller, sondern auch auf einfache Maßnahmen, wie Malbücher als kleine Aufmerksamkeit, um Familien eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, damit es gar nicht erst zu gelangweilten, quengelnden Kindern kommt und den damit verbundenen Konflikten, wie Nebentische, die sich belästigt fühlen könnten. Denn: Kinder sind die Gäste von morgen.

Beitragsfoto: irena_geo – stock.adobe.com

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