Miniburger vegetarisch auf einem Gartentisch

Für immer und ewig – Veggie?

Was kann man an schönen Sommerwochenenden besseres machen, als auf einer Hochzeit zu tanzen? Unser Autor feierte in Ostwestfalen, berühmt für Knochenschinken und Pfefferpotthast, eine vegetarische Hochzeit. Ein Erlebnisbericht.

Cousine Anna-Lena liebte schon als kleines Kind Hühner. Sie malte sie, sie sammelte Figuren und hielt sogar welche auf dem Hof ihrer Eltern – nur auf dem Teller, da mochte sie Hühner noch nie. Auch andere Tiere kamen ihr nicht auf den Tisch. Von frühester Kindheit an war sie Vegetarierin inmitten einer fleischliebenden Familie. Auch ihr Mann Lars isst vegetarisch.

Jetzt heiraten die beiden kirchlich. Aufgrund von Corona musste das Paar seine Trauung von 2020 auf 2022 verschieben. Und ebenso wie das Datum über die lange Zeit feststand, stand auch die Gewissheit im Raum: das Hochzeitsmenü wird komplett vegetarisch. 

Brautpaar der vegetarischen Hochzeit auf einem Tandem
Auf dieser Hochzeit ist nicht nur das Menü ungewöhnlich.
Foto: Johannes S. – lebensmittelmagazin.de

Mehrheitsfähig

Jetzt könnte man darüber entspannt die Schultern zucken – die Planetary Health Diet, das Konzept der Future 50 Food oder auch der Wissenschaftliche Beirat des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) empfehlen allgemein eine pflanzenbasiertere Kost. Laut des Ernährungsreports 2020 des BMEL lebt über die Hälfte der deutschen Bevölkerung inzwischen flexitarisch und reduziert den Fleischkonsum. Auf Fleisch komplett verzichten immerhin zehn Prozent. Der Anteil der Veganer:innen, die tierische Produkte komplett meiden, beschränkt sich auf zwei Prozent.

In vegetarischer Diaspora

In Berlin, einer der deutschen Hochburgen der Veggie-Küche, beweist eine Vielzahl veganer und vegetarischer Restaurants, wie appetitlich und originell pflanzenbasierte Küche schmecken kann.  Allerdings ist es so, dass hier der Bevölkerungsanteil der Vegetarier:innen und Veganer:innen gefühlt höher liegt als in Ostwestfalen – eher einer Hochburg der Fleischliebhaber:innen. Zumindest auf die Verwandtschaft, bei der der eine oder die andere Heinz Strunks „Fleisch ist mein Gemüse“ als kulinarisches Lebensmotto führt, trifft das zu. Was im Rahmen der Entscheidungsfreiheit in Deutschland vollkommen legitim ist. Allerdings ist es ebenso legitim, dass ein Paar sein Hochzeitsmenü vegetarisch nach eigenem Gusto auswählt. Würde man bei einer muslimischen Hochzeit gebratenen Bacon erwarten? Trotzdem ist die Vorstellung fleischloser Kost beim einen oder der anderen sehr abwegig – wird die Brautmutter vorgesorgt haben und Notfallschnitzel in ihrer Küche horten?

Türkisch und mexikanisch

Am Eingang des Hofes bereiten sich am Nachmittag die Mitarbeiter:innen von „Paco’s Tacos“ und „Volle Knolle“ aus Kassel in ihren Foodtrucks auf den baldigen Andrang der Gäste vor. 

Paco’s Tacos serviert den Gästen Burritos sowie Kinderburger. Als Füllung der ausgesprochen würzigscharfen „Eselchen“ nehmen die Köche selbstgemachtes Chili sin Carne und Beyond Chicken Nuggets, vegane Hühnchen-Alternative. Die Klassiker der mexikanischen Küche sind bequem mit der Hand zu essen.

Rein in die Kartoffeln

Bei der anderen Schlange vor dem Stand von Volle Knolle erwartet die Gäste Kumpir, die elaborierte türkische Variante der Backkartoffel, die Erinnerungen an ein wunderschönes Abendessen am Ufer des Bosporus hervorruft Damals wurden in riesigen Kartoffeln Butter und Käse so zusammengerührt, dass sie eine Art Aligot, Kartoffelpüree mit geschmolzenem Käse ergaben. Jetzt, auf der Hochzeit, werden die Kartoffeln etwas pragmatischer mit behandschuhter Faust direkt in der Bowlschüssel zermalmt und dann mit Sour Cream, Käse und Butter angereichert. Dekoriert wird das Ganze mit einer Vielzahl frischer und eingelegter Gemüse wie Tomaten, Mais, Rotkohl, Jalapenos, aber auch angebratenen Champignons, Auberginen- und Zucchini-Würfeln, sowie Feta und Tacochips.

Überzeugungsarbeit

In der Schlange vor Volle Knolle steht einer der Gäste, berühmt-berüchtigt für seine kulinarischen Vorlieben, die eher klassisch deftig-heftig sind. Auf die Frage nach einem O-Ton zum Essen erwidert er mürrisch: „Ich halte hier lieber die Klappe, bevor ich was Falsches sage.“ Dennoch ist zu beobachten, wie er sich mit dem breiten Angebot zur Kartoffel auseinandersetzt, tatsächlich ganz offen und interessiert. Leckere Kartoffeln, die man sich ganz nach Gusto pimpen kann, jeder Bissen eine neue Geschmacksnuance – was möchte man mehr? Foodtrucks zur Hochzeit ist auch mal was anderes als das klassische Buffet, wo im Bain Marie über dem Rechaud langsam aber sicher die Speisen trocken kochen.

Aber das Fleisch ist schwach

Das Gros der Gäste lässt es sich sichtbar schmecken, bestätigt von den langen, aber schnell bedienten Schlangen vor den Foodtrucks. Naja, nicht ganz: eine liebe alte Tante schaut ein wenig bedröppelt drein, auf die Frage ob es ihr geschmeckt hätte: „Ja es hat mir ganz gut geschmeckt, aber mir fehlte dann doch ein bisschen Fleisch.“ Und der Cousin träumt in solch tropischen Nächten plötzlich von Roulade mit Rotkohl. Und so reift zum Schluss die Erkenntnis, dass die Hochzeitsgesellschaft ein gutes Abbild der Bevölkerung ist – den Meisten macht es überhaupt nichts aus, an diesem Tag auf Fleisch zu verzichten, sich also flexitarisch zu ernähren. Warum also nicht mal mutig sein und bei der nächsten Familienfeier ein vegetarisches Buffet organisieren?

Artikel-Teaserbild (oben): Karniewska – stock.adobe.com

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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