Der Solidität verpflichtet: Thiele Tee

Als Beispiel für das Ideal der ehrbaren Kaufmannsfamilie erinnert THIELE TEE schon ein wenig an Thomas Manns Buddenbrooks, nur eben mit Tee statt Getreide: Werte von vier Generationen im Hier und Jetzt mit seinen Herausforderungen und Möglichkeiten. Lebensmittelmagazin.de war auf eine Tasse Tee in Emden.

Bisweilen ist eine Schleife eben nicht nur eine Schleife: Um jede Verpackung, jede Tüte, jeden Präsentkorb findet man eine ebensolche handgebundene. „Das ist die Handschrift unseres Hauses, das Detail, das Sie ansonsten suchen müssen. Da legt insbesondere meine Mutter großen Wert darauf“, erklärt Lennart Thiele, Juniorchef des Emder Teehandelshauses Thiele & Freese in vierter Generation, beim Anblick der Auslage des Teekontors.

Teekultur 

Hier in Ostfriesland ist Tee Teil der kulturellen Identität, seit 2017 immaterielles UNESCO-Weltkulturerbe. Und man mag es kaum glauben: Die Ostfriesen haben weltweit den höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Tee mit 300 Litern im Jahr – elfmal so viel wie der bundesdeutsche Durchschnitt. Thiele gehört zu den wenigen Unternehmen, die ihren Tee als echten Ostfriesentee vermarkten dürfen.

Außenansicht des Geschäftshaus in Emden
Foto: THIELE TEE

Die kulturelle Gravitas erlebt man bereits beim Ausstieg am Emder Bahnhof, wo ein überdimensionales Plakat am Bunker mit Verweis auf die 150-jährige Geschichte des Unternehmens Ankommende begrüßt. Am 1. Mai 1873 gründeten Carl Thiele und Peter H. Freese den Kolonialwaren-Großhandel Thiele & Freese mit Schwerpunkt auf losem Tee, den sie aus Amsterdam und London bezogen. Im Zweiten Weltkrieg wurden Geschäftshaus und Lager 1944 bis auf die Grundmauern zerstört. „Mein Großvater hat das Haus eigenhändig wieder mitaufgebaut“, berichtet Thiele Junior nicht ohne Stolz in der Stimme.

Ein Blick ins Lager mit historischen Kisten
Foto: THIELE TEE

Im direkten Alleingang

In den Nachkriegsjahren entstand unter Leitung der Familie die Marke „Thiele Tee“ mit dem klassischen, exotisierenden Logo. Teemischungen wie der Ostfriesentee „Broken Silber“ stehen inzwischen für die ostfriesische Teekultur, und diese Assoziation schlägt sich im Slogan „Ostfriesen trinken Thiele Tee“ nieder. Gleichzeitig blieb das Unternehmen über Generationen hinweg bis heute in der Führung der Familie.

Im Verlauf der Achtzigerjahre entkoppelte der Vater den Teehandel vom Großhandel, um direkte Handelsbeziehungen mit den Teeproduzenten aufzubauen. Bis heute pflegt das Unternehmen diese langjährigen, engen Verbindungen zu den Anbaugebieten in Assam: „Wir versuchen mindestens einmal im Jahr nach Indien zu reisen, um die Teegärten zu besuchen und uns mit den Produzenten vor Ort auszutauschen.“

Lennart Thiele, Geschäftsführer in vierter Generation
Foto: THIELE TEE

Jetzt, Mitte 30, arbeitet Lennart Thiele in vierter Generation in der Geschäftsführung; Tee floss schon immer durch sein Leben. In der Teeküche stehen wie schon seit Jahrzehnten vier Zinnwasserkessel auf dem Gasherd, in denen das Wasser für die Blindverkostung kocht, das sogenannte Cupping. Dafür werden in allen Tassen exakt drei Gramm Tee für fünf Minuten aufgebrüht, um eine objektive Vergleichbarkeit der Proben zu gewährleisten. Die Tassen haben alle eine charakteristische Zahnung am Tassenrand, durch die der Tee in eine Schale läuft. Nach dem Abgießen prüft man zunächst das Aroma der nassen Blätter am Deckel für einen ersten Eindruck, bevor der Tee in eine Schale gefüllt und lautstark mit viel Luft in den Mund geschlürft wird. Ziel ist es, Nuancen in Geschmack, Farbe und Körper präzise zu bewerten und die Qualität des Blattguts final einzustufen.

Vom Sommerregen auf Backstein 

„Regelmäßig treffen bei uns neue Teeproben ein, sodass wir häufig mehrere 100 Tassen Tee pro Tag verkosten. Dabei hat sich zwischen meinem Vater und mir eine ganz eigene Sprache zur Beschreibung der Eindrücke entwickelt. Wir unterscheiden beispielsweise im Aromenspektrum den Duft von Sommerregen, der auf Asphalt fällt, von dem auf einer in der Sonne aufgewärmten Backsteinmauer. Wichtig ist bei der Beschreibung auch die ‚Guttiness‘, der Bauch, was die Tiefe des Aromas beschreibt“, erklärt der Juniorchef. Denn Tee ist nicht gleich Tee. „Wir haben hier ein Naturprodukt, dessen Qualität von vielen verschiedenen Faktoren abhängt und daher sehr individuell ausfällt – kein Originaltee schmeckt wie der andere, sodass wir immer wieder neu Verkosten, Komponieren und Mischen.“

Verschiedene Sorten Tee zur Blindverkostung, auch Cupping genannt
Foto: THIELE TEE

Umso bemerkenswerter ist es, wenn man bedenkt, dass dies auch innerhalb der einzelnen Teegärten für die Ernte gilt. Zwischen Mitte Mai und Mitte Juli ist traditionell die beste Erntezeit für den sogenannten „Second Flush“ in Assam. Zumindest war die Saison einmal so, denn auch hier sind die Folgen des Klimawandels spürbar; die Ernte verschiebt sich nach hinten.

Bei den Tee-Feen

Die raumfüllende Mischtrommel umfasst 1.000 Kilogramm. In ihr werden je Mischung regelmäßig bis zu 40 verschiedene Originaltees nach immer wieder neu aufeinander abgestimmten Kompositionen gemischt und danach im Silowagen zur Abfüllanlage gebracht, welche den Tee maschinell in die jeweiligen Tütchen abfüllt. Kleine Besonderheit: In einem kleinen, abgetrennten Räumchen sitzen zwei Damen an der Waage mit Tüten und Schäufelchen und füllen den Tee manuell ab. Thiele Junior erklärt: „Die Damen sind unsere Tee-Feen. Bei Sonderbestellungen und ähnlichen Aufträgen wird der Tee bei uns von Hand abgefüllt – wo finden Sie das heute noch?“

Im Hause Thiele Tee werden vakuumierte Rückstellproben der Tees zurückgehalten, so dass sich im Laufe der Jahre eine riesige Menge an Dosen angesammelt hat. Bei besonderen Gelegenheiten werden alte Proben herausgeholt und verkostet, um die Entwicklung im Laufe der Jahre zu bewerten und die Produzenten im Ursprung zu motivieren.

Ein Bild ins Lager der verschiedenen Teesorten
Foto: THIELE TEE

Damit alles so bleibt

So der Tradition verbunden und zurückblickend auf die Werte des Hauses, musste es wohl einem Aufstand gleichgekommen sein, als der Juniorchef anlässlich seines dreißigsten Geburtstags die Digitalisierung im Haus einführte und Thiele Tee online ging. Aber gemäß der elterlichen Vorgabe „Soll und Möge alles unsere Handschrift tragen“, liegt auch hier die Aufsicht und Arbeit im Hause und wurde nicht extern vergeben. Das im Hause Thiele verfolgte Prinzip der Solidität beschreibt Werte wie Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Integrität, die bei Verbraucherinnen und Verbrauchern das Vertrauen schaffen, genau zu wissen, was sie woher erwerben.

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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