Honigbienen auf dem Weg in den Bienenstock

Summ, summ, summ! – Ein Besuch bei den Honigbienen

Ob auf dem Sonntagsbrötchen oder in der Tasse Tee, Honig versüßt uns den Genuss auf besondere Weise. Wir haben die Bienen besucht und dabei Einblicke in einen spannenden Mikrokosmos gewonnen.

Seit mehr als 50 Jahren arbeitet Dr. Benedikt Polaczek als Imkermeister, 30 davon im Garten der Veterinär-Biochemie der Freien Universität Berlin und unterstützt dort die Lehre mit seiner praktischen Expertise. Es ist warm, die Bäume blühen und die Luft ist erfüllt vom niederfrequenten Brummen der Bienen. „Bis zum 20. April fliegen ausschließlich die großen Hummelköniginnen, die sich schon im letzten Jahr gepaart und Überwintert haben“, sagt Polaczek. „Bienenköniginnen werden aufgezogen, wenn ein Volk sie braucht und es Brut gibt. Sie können sich aber nur so lange paaren, wie es Drohnen gibt und es warm genug ist –  von April bis September. Und dies im Übrigen nicht einmal, sondern mit dutzenden Drohnen in mehreren Hochzeitsflügen.“

Die Romanze endet jedoch jedes Mal tragisch –  nach der Paarung sterben die Männchen. „Ganz anders jedoch die Königin, die kann theoretisch bis zu fünf Jahre alt werden, aber das habe ich selber noch nicht erlebt“, erklärt der Imker. Aus den weiblichen Bienenlarven wird am ersten oder zweiten Lebenstag die designierte Königin ausgewählt, die in der Königinzelle mit viel Gelee Royal gefüttert wird, das die übrigen Larven nur in den ersten  drei Tagen in kleinen Mengen erhalten.

Nicht nur lecker, auch gesund

Gelee Royal ist ein enzymreicher Futtersaft, den die Biene direkt in einer Drüse am Kopf produziert. Ein Rohstoff, der gelegentlich Verwendung in Kosmetik findet. „Der Gedankengang dahinter ist wohl, wenn mit Gelee Royale aus einer normalen Biene eine Königin wird, wie muss es erst bei mir wirken – die Reichweite der Wirksamkeit bleibt wohl bei diesem Aspekt“, meint Dr. Benedikt Polaczek. Anders verhält es sich mit Propolis, das Bienen aus den Spätsommerknospen von Kastanien, Pappeln und Kiefern gewinnen. „Das ist Bienenmedizin“, erklärt der Experte. Er selber habe positive Erfahrungen parat: Bei ihm wurden Polypen auf den Stimmbändern diagnostiziert, die operativ entfernt werden mussten. Um die Zeit bis zum OP-Termin zu überbrücken, gurgelte er mit Propolistinktur. Bei der OP-vorbereitenden Untersuchung stellte der Arzt fest, dass die Operation obsolet geworden war.

Dr. Benedikt Polaczek zeigt seine Honigbienen
Dr. Benedikt Polaczek zeigt seine Honigbienen.
Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

Honig: Mehr als ein Lebensmittel?

„Die Imkerei kam in unsere Familie durch meinen Opa. Mein Vater erkrankte in jungen Jahren am Herzen und der Arzt gab ihm wenig Hoffnung, aber den Rat Bienenprodukte zu nehmen. Er ist 83 geworden.“ Es gebe wissenschaftlich fundierte Tests mit Kita-Gruppen, bei denen zu 50 Prozent Honig in der Ernährung implementiert war und diese zu 25 Prozent weniger krank waren. „Neben Zucker, Wasser, Pollen enthält Honig Bienen-Enzyme, Vitamine und Spurenelemente. Damit die Enzyme nicht zerstört werden, sollte der Honig nicht zu stark erhitzt werden. Das heißt beispielsweise, dass Tee Trinktemperatur haben sollte, bevor man ihn mit Honig süßt.“

Honig, aber sicher!

Deutschland gehört zu den Ländern mit dem höchsten Pro-Kopf-Verbrauch an Honig. „Ungefähr 1,1 Kilogramm sind das, das entspricht einer Gesamtmenge von ca. 90 000 Tonnen Honig.“ Das drücke auf dem Markt ordentlich den Preis, „zumal sie im Supermarkt Honig schon für zwei bis 3 Euro bekommen können“. Die Industrie bezahle für das Kilogramm Honig inzwischen weniger als einen Euro. Deutsche Imker produzieren ungefähr 20 bis 25.000 Tonnen. Der Rest komme aus dem Ausland. Das Problem sei dabei oft die mangelnde Sicherheit. Etliche Proben aus dem Ausland seien aufgefallen, mit Reissirup gestreckt und mit zugesetztem Pollen kaschiert worden zu sein. Laut EU Food Fraud Network führen Fette und Öle die Liste an, aber Dr. Benedikt Polaczek ist überzeugt: „Honig gehört zu den meistgefälschten Lebensmittel!“ Mit dem Siegel des deutschen Imkerbunds sei die Sicherheit des Honig gewährleistet, am besten kaufe man seinen Honig beim kleinen lokalen Imker.

Von hell bis dunkel

Apropos sicher – woher weiß der Imker, dass die Bienen eigentlich nur zu der Pflanze fliegen, die auf dem Etikett steht? Zunächst gebe es nur hellen Frühlingshonig, mit Ausnahme vom dunklen Ahorn. Sommerhonige sind ebenfalls zuerst hell, wie Lindenhonig zum Beispiel. Später färbt Honigtau ihn dunkel und der Imker nennt ihn dann Spätsommerhonig.   „Natürlich könnten Sie auch eine Probenanalyse wegschicken, um den Leitpollen zu ermitteln, aber das würde das Glas bei 10 Kilogramm Honigernte dann durchschnittlich 2 Euro teurer machen“, so Polaczek.

Honig in verschiedenen Farben
Honig in verschiedenen Farben.
Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

Es gebe schon große Unterschiede zwischen den Nektarquellen beim Honig. „Zunächst muss man zwischen dem dunklen Blatthonig und hellem Nektarhonig unterscheiden. Der Blatthonig stammt von Honigtau, der von Blattläusen ausgeschieden wird. Das ist das, was im Sommer auf dem Fahrradsattel klebt, wenn man unter einem Baum parkt. Die Bienen sammeln diesen vor allem von blütenlosen Bäumen, wie Fichten oder Kiefern, aber beispielsweise auch von Lindenblättern. Der letztjährige Lindenhonig war größtenteils hell, aber der letzte im September aus Charlottenburg war schwarz wie Teer, das lag am hohen Zuckergehalt“, meint der Imkermeister. „Bei Blatthonig müssen wir im Herbst aufpassen, denn es besteht Gefahr für die Bienen, weil er die Verdauung anregt. Im Sommer draußen in der freien Natur ist das unproblematisch, im Winter besteht das Risiko, dass die Bienen das Volk verlassen, um zu koten, aber nicht zurückkommen. Wenn es zu kalt ist, koten sie im Volk, was zum sicheren Tod des Volkes führt.“

Auf der anderen Seite werde der Honig vom Ahorn ebenfalls sehr dunkel. Dagegen ist Robinie wie Wasser.

Für jeden Geschmack

Natürlich gibt es auch Besonderheiten im Duft und Geschmack. „Buchweizenhonig schmeckt besonders gut im Kaffee, aber wenn man das Glas frisch öffnet riecht es nach Kuhstall. Der häufige Rapshonig schmeckt mir persönlich überhaupt nicht. Die Unterschiede sind schon enorm und für jeden Geschmack ist etwas dabei“, erläutert der Bienenexperte: „Das beste Qualitätskennzeichen ist übrigens, wenn der Honig im Glas auskristallisiert. Der so geschätzte flüssige Honig ist in den meisten Fällen überhitzt worden.“ 50 bis 70 Kilogramm des Honigertrags pro Jahr benötigt das Bienenvolk selber. Der Imker kann einen Teil von maximal 20 Prozent davon durch Zuckersirup ersetzen ohne die Bienen zu benachteiligen.

Vielerlei Gefahren

Benachteiligung und Gefährdung der Bienen ist ein wichtiges Thema: „Es ist schon absurd! Weltweit steigt zwar die Bienenvölkerzahl, trotzdem sind wir nach jedem Winter momentan froh, wenn der Ausfall unter 10 Prozent bleibt. Das war früher nicht so schlimm“, meint Benedikt Polaczek.

Vasilij Vitriak ist einer seiner Auszubildenden: „Das Bienensterben ist ein multifaktorielles Problem, es reicht nicht, das beim Pflanzenschutzmittel abzuwälzen. Die Varroamilbe und Monokulturen sind ebenfalls ein großes Problem.“ Die Varroamilbe ist eine invasive Tierart aus Asien, die aktuell mehr denn je Viren auf die Bienenlarven überträgt. „Nach der Honigernte und Honigraumabnahme im August müssen wir die Völker behandeln. Letztes Jahr haben wir den Stand erst im September behandelt und deswegen 6 von 20 Bienenvölker verloren.“ Hinzu käme als Problematik der hohe Bienendichte in Berlin und der Imker, die keine Behandlung durchführen. Das Problem mit Monokulturen sei, dass dort zwei, drei Wochen lang alle Pflanzen gleichzeitig blühen und danach nichts mehr. „Eine größere Diversität der Pflanzen sorgt dafür, dass die Blühzeit sich insgesamt verlängert. Hinzu kommt, dass manche Bauern bei Raps-Monokulturen inzwischen mehr auf windbestäubende Sorten setzen, um unabhängig vom Imker zu sein“, erklärt der Azubi. „In der Stadt messen wir starke Verunreinigungen beim Pollen durch den durch Verkehr verursachten Feinstaub, dessen Konsequenzen für Bienen noch nicht abschließend untersucht wurde. Auf dem Land wiederum weisen wir vermehrt chemische Stoffe im Pollen nach.“ Eine andere Gefahr sieht Imker Polaczek noch bei einem weiteren Punkt: „Wir haben hier ganz brave Carnica-Bienen gezüchtet, bei denen wir ungeschützt arbeiten können. Das war vor 40 Jahren noch ganz anders, die Bienen waren weitaus aggressiver. Leider gibt es Hobbyimker, die der Meinung sind, aggressiven Arten holen zu müssen. Gerade hier in der Stadt müssen wir doch auf die Anwohner Rücksicht nehmen!“

Beruf für Bienenfans

Worüber sich der Imker freut, ist das wachsende Interesse bei Frauen: „Immerhin ist es ein Knochenjob und galt früher als ein Beruf, bei dem man Mut braucht wegen der Insekten.“ Auszubildende Sarah Kirstein winkt ab: „Man wird gelegentlich schon gestochen, aber es schmerzt nicht so doll wie beispielsweise bei einer Wespe.“ Daneben ist der Arbeitsaufwand recht hoch. Neben dem Honigschleudern müssen die Imker:innen dafür sorgen, dass die Rahmen mit den Waben danach einwandfrei sind und wenn die Waben dunkel und verunreinigt sind, müssen sie entfernt werden. Dazu gibt der Imkermeister auch einen Rat: „Manche kaufen am liebsten den Honig mit Wabenstücken. Dabei ist darauf zu achten, dass der Honig dunkel sein kann, wie er will, aber auf keinen Fall die Wabe!“

Die Faszination des Imkers für seine Tiere hat in all den Jahren keineswegs abgenommen. Allein die Kommunikation der Tiere untereinander, der „Schwänzeltanz“ zur Vermittlung von Koordinaten sei einzigartig und hochspannend. Die Wertschätzung für Honig fasst der Bienenmann treffend zusammen: „Für ein Kilogramm Honig fliegt die Biene bis zu sechs Mal um die Erde.“

Jegliche Aussagen zu Eigenschaften von Honig in diesem Artikel sind direkte Wiedergaben der Angaben des begleiteten Experten. Für die Prüfung und Zulassung gesundheitsbezogener Angaben von Lebensmitteln ist die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit zuständig. Sämtliche bislang zugelassenen Aussagen sind in einer Liste veröffentlicht. Zu Honig sind keine dabei.

Artikelbild (oben): C. Schüßler – stock.adobe.com

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk, Nachhaltigkeit und Trends – von etablierten Unternehmen bis zu jungen Startups. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.