Reife Äpfel in Brandenburg

Nicht weit vom Stamm: Äpfel aus Werder

Er ist das Lieblingsobst der Deutschen, rund 25,5 Kilogramm verzehrt jede:r durchschnittlich im Jahr. Jetzt hat der Apfel Saison. Wir besuchen Werder, den Obstkorb Berlins, wo gerade die Apfelernte läuft.

Kilometerweit erstrecken sich die Apfelplantagen entlang des Werderaner Panoramawanderwegs durch die sanften Hügel des Havellandes. Mannshoch in Reih und Glied stehen hier die Apfelwände. Die Bäume hängen voller Früchte, die darauf warten geerntet zu werden. Vom Weg führen die einzelnen Wege zu den Höfen, wie dem Obsthof Lindicke. Nach Jahrhunderten des Weinbaus der Zisterzienser im naheliegenden Kloster Lehnin und den Havelfischern war es letztendlich der große Kurfürst, der den Obstanbau hier maßgeblich etablierte. Reblausplagen und die harten Winter beendeten den Weinbau und mit der Urbanisierung Berlins wuchs auch die Bedeutung Werders für die Bevölkerung.

Apfelanbau in Werder (Havel)
Apfelanbau in Werder (Havel).
Foto: Johannes S. / lebensmittelmagazin.de

Ein Sommer voller Obst

1995 gründete und baute Stefan Lindicke seinen Obsthof. „Ich bin familiär vorbelastet. Mein Vater ist Obstbaulehrer, allerdings ohne eigenen Hof“, erklärt der gelernte Obstbaumeister. Zurzeit bewirtschaftet er zusammen mit einem festen Mitarbeiter, sowie vier Teilzeitkräften im Marketing und vier weiteren Saisonkräften 20 Hektar Land. Im Juni beginnt für ihn die Saison mit Erdbeeren, gefolgt von Kirschen im Juli, dann Pflaumen und Zwetschgen im August. Dann kommen schon die ersten Äpfel im August und die Saison schließt dann im Oktober mit Quitten.

Der Apfelkalender

„Gerade sind wir mitten in der Apfelsaison. Mit circa 20 Apfelsorten sind wir hier besonders breit aufgestellt. Bereits Mitte August ernten wir die Sommeräpfel. Sie sind nicht sehr lagerfähig und müssen schnell innerhalb von 3 bis 4 Wochen abverkauft werden“, erklärt Lindicke. „Davon haben wir vier bis fünf Sorten. Am bekanntesten ist vielleicht der Klarapfel. Allerdings ist der kaum anbauwürdig, da gibt es bessere Sorten, wie Piros, Sunrise oder Discovery. Sie eignen sich am besten zum Frischverzehr, was auch daran liegen mag, dass es noch beste Pflaumenkuchen-Saison ist“.

 Geerntete reife Äpfel auf dem Obsthof Lindicke.
Mitten in der Apfelsaison: Geerntete reife Äpfel auf dem Obsthof Lindicke.
Foto: Johannes S. / lebensmittelmagazin.de

Das Erbe der DDR

Ende August bis Anfang März kommen die Frühherbst-Äpfel, bei denen die Lagerzeit schon besser ist, wie der Delbar Estival und Alkmene. „Dazu gehört auch Golden Delicious, der hier zu DDR-Zeiten Gelber Köstlicher hieß, man vermied ja alles Englische. Das Problem war, dass man kaum andere bekam, so dass man heutzutage schon mal häufiger von Kunden zu hören bekommt ‚Danke nee, den hatten wir 40 Jahre‘“, berichtet Stefan Liedickes Frau Bettina Lindicke. „Der wurde im Volksmund auch Grüner Grässlicher genannt, weil er oft zu früh geerntet wurde.“ Denn anders als beispielsweise Bananen reifen Äpfel in der Lagerung nicht nach, sondern benötigen dafür die Versorgung am Baum und Sonne.

Andere Äpfel wie Gravensteiner oder James Grief, die in diesen Zeitraum fallen, werden wegen der begrenzten Lagerfähigkeit kaum noch angebaut, manche Deutschen kennen sie eher aus dem eigenen Garten.

Zucht und Ordnung

Neben der Lagerfähigkeit ist für Stefan Lindicke in allererster Linie der Geschmack Hauptaugenmerk bei der Zucht, wobei angesichts der Sortenvielfalt hier die Bandbreite ausgesprochen weit ist. „Die Vorlieben zum Verhältnis von Säure und Süße sind sehr individuell und manchmal muss es auch einfach ein schlichter Apfel wie der Gala sein, den man so wegisst, ohne über ein komplexes Aroma nachdenken zu müssen“, sagt Bettina Lindicke. Aber auch Arbeitsoptimierung und Wirtschaftlichkeit sind Zuchtziele beim Apfel. „Der Cox Orange zum Beispiel ist sehr aufwendig, krankheitsanfällig und die Fruchtgröße ist suboptimal, wird aber vom Verbraucher sehr gefragt.“

Dem Cox Orange per Züchtung zu optimieren, ist dabei leichter gesagt als getan. „Das kann man vielleicht mit nachgemachten Parfums vergleichen, die im ersten Moment mit dem Original identisch riechen, aber nach einigen Stunden vielleicht in eine vollkommen andere Richtung gehen“, erklärt Obstbauer Lindicke. Ein positives Beispiel dafür sei der Wellant, bei dessen Züchtung man den Stammbaum vom Elstar zurückgegangen ist und in der Großeltern-Generation manipuliert hat. „Wellant wird vielleicht in 10, 20 Jahren den Elster als beliebtesten Apfel ablösen.“

Wenn Namen mehr als Schall und Rauch sind

Die Rubinette klinge nach einem alten, etablierten Apfel, sei aber erst vor wenigen Jahren per Zufall gefunden worden im Schweizer Rafz und hieß zunächst Rafzubin. „Mit diesem Namen wird das natürlich nichts, der Rest ist also alles eine Frage des Marketings. Im Übrigen wandeln sich manche Namen im Laufe der Zeit. So heißt der Berlepsch eigentlich Freiherr von Berlepsch und selbst der Boskop heißt ursprünglich Schöner aus Boskop.“

Dass es den Boskop noch gebe, liege allein an der Tatsache, dass in manchen Koch- und Backbüchern explizit Boskop gefordert ist. „Dabei ist zum Backen jeder säuerlicher Apfel geeignet, ausschließlich Boskop ist Quatsch“, erklärt der Werderaner.

We are the Schampions

Mitte des Herbstes kommen dann die Lagersorten Elstar, Gala, Boskop, Rubinette, Wellant, Pinova, Topaz oder auch der in Sachsen und Thüringen populäre Schampion. „Shampion stammt ursprünglich aus Tschechien als Versuch den Elstar nachzuzüchten. Elster war eine holländische Züchtung. Und daher war es nicht möglich, ihn in der DDR zu erhalten. Mein Lehrer hat dazu gesagt, dass der Elstar geschmacklich 20 Prozent besser sei, der Shampion aber insgesamt 20 Prozent anbauwürdiger sei.“

Zuletzt reifen die sehr gut lagerfähige Sorten Jonagold, Idared und Braeburn. Der populäre Granny Smith hat übrigens keine Möglichkeit, hier in Mitteleuropa zu reifen. Er wird in Südeuropa angebaut, kommt aber vor allem aus Neuseeland und Australien.

Verschiedene Apfelsorten im Hofladen des Obsthofes Lindicke.
Verschiedene Apfelsorten im Hofladen des Obsthofes Lindicke.
Foto: Johannes S. / lebensmittelmagazin.de

Die Apfelsaison 2020

Jetzt, 2020 ist das dritte trockene Jahr in Folge. „Es ist ein wenig besser, als in den beiden Vorjahren, aber definitiv viel Luft nach oben. Es gab späte Frostschäden und Trockenperioden, vor allem können die Bäume nach drei Jahren Trockenheit das nicht mehr abpuffern.“ Hier müsse man dann vor allem bei den Sorten nach den unterschiedlichen Ausfallquoten schauen. Cox Orange liefert vielleicht 50 Prozent Ausfälle, die dann in den Saft kommen. Natürlich macht der Obstbauer auch aus seinen Äpfeln einen Apfelwein, der aber mengenmäßig nur 20 Prozent beispielsweise des Kirschweins ausmacht. Die Tradition des Obstweins ist in Werder mit seinem alljährlichen Baumblütenfest berühmt-berüchtigt.

Auf die Größe kommt es an

„Wichtig für den Handel ist die Größe 70 bis 75 Millimeter. Das ist das Ideal. Unter 65 Millimeter nimmt der Handel es gar nicht an“, berichtet Lindicke. „Außer natürlich so Besonderheiten wie Rockitäpfel, die mit Miniapfel-Marketing direkt in Tennisball-Röhren verkauft werden oder sonst als Kinderapfel im Beutel vermarktet werden.“

Clubbing beim Apfel

Dass ein Apfel nicht schlicht ein Apfel ist, sondern Marketing bereits jetzt von zentraler Bedeutung ist, zeige die Erfolgsgeschichte von Pink Lady, einem schmackhaften, sehr knackigen Apfel. Dieser wird von Vertragspartnern in Südfrankreich angebaut, im schönen, bunten Kisten verkauft, und mit Plakataktionen, Radio und TV-Spots erfolgreich beworben. „Das Konzept dieser Clubsorten wird zukünftig noch wichtiger werden“, vermutet Stefan Lindicke. „Man tritt einem Club bei und verpflichtet sich, eine bestimmte Apfelsorte anzubauen.“ Bis zur Marktsättigung erhält man so einen guten Festpreis, bis der Preis zusammen mit der Nachfrage sinkt. „Mit dem Konzept kann man ganz gut gewinnen“.

– Und kam die goldene Herbsteszeit: Birnen aus Ribbeck –

So ist es auch weiter nicht verwunderlich, dass neben der Werderaner Wachsrenette, der Kaiser-Wilhelm- sowie der Prinz-Albrecht-Apfel in der Region weitverbreitete Apfelsorten sind. Ein weiteres Beispiel ist der Apfel Natyra beim Bioland-Bau, den es zwar auch konventionell im Supermarkt zu kaufen gibt, allerdings nicht unter dem Namen Natyra. „Noch ist Bio-Anbau in Werder standortbedingt eher problematisch. Die Infrastruktur und Verfügbarkeiten beispielsweise von Biodünger sind im Sinne einer Demeter-Kreislaufwirtschaft noch nicht gegeben“, erklärt der Obstbauer.

Apfelsorten Redlove, Nashi und Santana
Apfelsorten Redlove, Nashi und Santana im Verkauf auf dem Obsthof Lindicke.
Foto: Johannes S. / lebensmittelmagazin.de

Eine Besonderheit noch zum Schluss: Die besondere Apfelsorte Redlove hat es in sich. Nicht nur, dass er erfrischend säuerlich und lecker ist, mit erhöhtem Anthocyangehalt, in seinem Inneren verbirgt er ein pinkes Herz.

– Sauregurkenzeit: Ein Besuch im Spreewald. –

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk, Nachhaltigkeit und Trends – von etablierten Unternehmen bis zu jungen Startups. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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