Trauben der Rebsorte Riesling am Rebstock

Burgunderwunder im Rieslingland: Deutscher Wein in seinen Facetten

Wie könnte man jetzt in der Coronazeit die Abende besser verbringen als mit leckerem, geliefertem Essen aus dem Lieblingsrestaurant und dazu einem guten Wein? Weinexperte Ernst Büscher macht im Gespräch noch mehr Appetit darauf: Von Trend-Sorten bis Online-Weinproben.

Knapp die Hälfte des weltweit getrunkenen Rieslings stammt aus Deutschland – immerhin knapp 25 Prozent der hiesigen Rebfläche, 24.049 Hektar, fallen auf den frischen Weißwein. „Deswegen steht Riesling im Ausland als Synonym für deutschen Wein“, erklärt Ernst Büscher, Pressesprecher des Deutschen Weininstituts in Mainz. Riesling wird bereits 1435 urkundlich im Rheingau erwähnt. In den 1990er Jahren wurde Chardonnay quasi mit Weißwein gleichgesetzt. Da dieser mit seiner butterigen Note omnipräsent war und durch den Trend seine Individualität verloren hatte, „setzte die ABC-Bewegung ein – Anything But Chardonnay“, schmunzelt Weinexperte Büscher. Der fruchtige, säurebetonte Riesling bietet den perfekten Gegenentwurf dazu.

Rebsortenwein Riesling
Rebsortenwein Riesling im Glas.
Foto: Deutsches Weininstitut.

Burgunder in aller Munde

Seit Anfang der 2000er Jahre gibt es den Trend hin zum Grauburgunder, angefacht durch italienischen Pinot Grigio und französischen Pinot Gris. „Der ist unglaublich vielseitig! Man kann ihn sehr opulent ausbauen, wenn man ihn spät erntet und dann möglicherweise im Barriquefass ausreifen lässt“, sagt Ernst Büscher. „Dann ist er sogar als Alternative zum Rotwein beim Essen geeignet“. Andererseits habe man einen sehr fruchtbetonten, leichten Weißwein, mit Aromen von Birnen und gelben Früchten, „wenn man ihn etwas früher erntet“, beschreibt der Weinexperte.

Grauburgunder im Glas
Vielseitiger Wein im Trend: Grauburgunder.
Foto: Deutsches Weininstitut.

Die Nachfrage ist riesig: Lag die Ertragsfläche 2008 noch bei 4.481 Hektar, so wird der Grauburgunder jetzt auf 7.069 Hektar angebaut. Burgunder sei insgesamt eine sehr mutationsfreudige Rebsorte mit großer Familie, zu der auch der Weißburgunder, Frühburgunder, Schwarzriesling, aber auch der Chardonnay, sowie der Spätburgunder gehören, deren Anbaufläche insgesamt mit 30.000 Hektar sogar den Riesling übersteigt – ein regelrechtes deutsches Burgunderwunder. Spätburgunder ist der wichtigste Rotwein in Deutschland und gleichzeitig ist die Bundesrepublik drittgrößtes Anbauland weltweit.

Die Rotweinrevolution aus der Eifel

„Wer an der Ahr war und weiß, dass er da war, der nicht an der Ahr war!“ – Im Ahrtal, vor Jahrzehnten Zielort für „Sauftourismus“ aus dem Ruhrgebiet und Heimstätte berüchtigter Exzesse mit lieblichem Rotwein minderer Qualität, startete laut Büscher in den 1980er Jahren die Spätburgunderrevolution. Auch heute tun sich immer wieder junge Winzer:innen zusammen und fahren in die Heimat der Rebsorte ins Burgund und lassen sich von 1.000 Euro teuren Burgunderflaschen inspirieren, wie man aus der Rebsorte qualitativ hochwertigen Rotwein ausbaut – mit Erfolg.

Wein für jedes Essen

Wobei der Rotweinkonsum zugunsten von Weißwein und Rosé insgesamt eher rückläufig ist. „Die Vermutung liegt nahe, dass sich junge Kunden mehr für die fruchtigen Bouquets von Weißwein begeistern können. Zu der zeitgeistigen leichten Küche passen Rosé und Weißwein oft besser. Die fruchtige Süße und Aromatik eines Rosés passen zum Beispiel hervorragend zu scharfem Thai Curry.“

Die frische Schärfe von Meerrettich harmoniert nicht mit Wein.

Nur bei ganz wenigen Gerichten sei die Weinempfehlung schwieriger. Die frische Schärfe von Meerrettich etwa harmoniert nicht mit Wein. „Da würde ich Ihnen einen Sekt empfehlen, die Kohlensäure kommt mit der Schärfe klar“, empfiehlt der Weinexperte, „und zu Matjes würde ich ihnen zum Bier raten.“

Im Kontext des Weißweintrends könne man auch den Hype bei Sauvignon Blanc verstehen. Als Sauvignon Blanc fumé wird er als Spezialität mittlerweile öfter in Tonneaus, 500-Liter-Holzfässern, ausgebaut, deren Dauben zuvor unter Wasserdampf standen. Heraus kommt ein hervorragender Essensbegleiter, beispielsweise zu Fisch.

Oldie but Goldie

„Andererseits sollte man die vermeintlich altmodischen Rebsorten nicht vergessen. Ein eigentlich einfacher Weißwein wie der Müller-Thurgau wird eindrucksvoll am Bodensee angebaut. Dort auf 400 Metern gewinnt er an Säure und Frische und wird dadurch ausgesprochen charaktervoll“, so der Pressesprecher. Ähnliches gelte für die Rebsorten Portugieser und Trollinger, die von der Zeitschrift Vinum als Unterschätzteste Rebsorten geführt werden.

Portugieser am Rebstock
Portugieser am Rebstock.
Foto: Deutsches Weininstitut.

Hinzu komme, dass die Schalen vieler klassischer deutscher Rotweinsorten recht dünn sei und deswegen oft vor der Maischegärung Saft abgezogen werden muss, um die Farbstoffe anzureichern. Der Wein aus diesem hellen Saft wird dann später als Blanc de Noir vermarktet. Qualitativ dem Grauburgunder ähnlich, verbinde er aber „das Beste aus beiden Welten“, wie Ernst Büscher betont.

Wein 2020?

Über die Qualität des Weinjahrgang 2020 lässt sich bislang nur mutmaßen, weil die Weine noch in den Fässern reifen. „Mengenmäßig liegen wir etwa 2 Prozent unter dem Vorjahr, aber wir haben sehr gesunde Trauben, kein Befall. Vieles spricht für einen qualitativ hervorragenden Wein aus diesem Jahr.“

Die Zukunft des deutschen Weins

Trotzdem ist der Klimawandel für die Winzer:innen in der Bundesrepublik allenthalben großes Thema: „Man kann sagen, dass die Trockenheit seit nunmehr drei Jahren bundesweit ein großes Problem darstellt. Bei den Ausmaßen muss man allerdings wesentlich kleinparzelliger denken“, so Büscher. Während die Winzer:innen des Gebiets Saale-Unstrut dieses Jahr von der Trockenheit wieder ziemlich gebeutelt worden seien, so kam man auf Böden mit guter Wasserspeicherkapazität, wie etwa in Teilen Rheinhessens, besser mit dem geringen Niederschlag zurecht. „Trotzdem müssen wir uns mittel- und langfristige Strategien zum Weinbau im Klimawandel überlegen.“

Maßnahmen gegen Trockenheit und Schädlinge

Einen Hoffnungsschimmer räumt der Weinexperte direkt beiseite: „Es gibt keine trockenheitsresistente Rebsorte, nur alternative Erziehungsmethoden. In Spanien lassen sie beispielsweise die Reben über den Boden kriechen, was für eine Bodenbeschattung sorgt und die Taubewässerung des Tag-Nacht-Wechsel optimiert.“ Auch stärker wachsende Unterlagen, also der wurzelbildende Teil, auf denen die Reben aufgepfropft werden, sind eine Maßnahme. „Sie schaffen es bei geringer Wasserverfügbarkeit tiefer ins Erdreich vorzudringen. Künstliche Bewässerung wiederum ist eine teure Angelegenheit, die vor allem bei jungen Anlagen in Betracht zu ziehen ist.“

Der Einsatz von Unterlagsreben, meist amerikanische Rebsorten sei eine Konsequenz der verheerenden Schäden durch die Einfuhr der amerikanischen Reblaus Ende des 19. Jahrhunderts. „Die Wurzeln amerikanischer Rebsorten sind gegen die Reblaus sehr viel widerstandsfähiger als die europäischen, deren Blattwerk wiederum der Reblaus widersteht und deren Vermehrung verhindert“, so Ernst Büscher.

Wein im Wandel

Inzwischen experimentieren auch immer mehr Winzer:innen mit mediterranen Rebsorten, wie Merlot und Cabernet Sauvignon. Das sind in Deutschland mit rund 1.000 Hektar etwa ein Prozent der gesamten Rebfläche. Selbst Tempranillo, eine spanische Rotweinsorte, wächst in Deutschland inzwischen auf 13 Hektar.

Klassischer Trollinger verträgt auch die Hitze auf den Terrassen württembergischer Steillagen nicht mehr so gut. Aber auch die Trauben anderer Sorten bekommen bei Temperaturen bis zu 40 Grad einen Sonnenbrand.

Trollinger am Rebstock
Trauben der Rebsorte Trollinger am Rebstock.
Foto: Deutsches Weininstitut

„Einen kontinuierlichen Temperaturanstieg stellen wir im Südwesten Deutschlands seit 1988 fest“, erzählt Büscher. „Aber auf der anderen Seite wird auch geschätzt, dass im 15. Jahrhundert dreimal so viel Wein in Deutschland hoch bis nach Mecklenburg-Vorpommern angebaut wurde. Der Dreißigjährige Krieg sowie die Kleine Eiszeit im 16. und 17. Jahrhundert hatte damals die Rebfläche wieder stark dezimiert.“

In der digitalen Winzerstube

Die aktuelle Corona-Situation stellt auch die Winzer:innen vor eine Herausforderung. Die Weinprobe vor Ort gibt es so nicht mehr. „Dafür floriert momentan der Weinversand“, wie Büscher betont. Und was die Weinprobe betrifft, so sei dies kein Problem: „Man bestellt sich einen Karton zur Online-Weinprobe nach Hause und kostet dann gemeinsam mit dem Winzer über YouTube, Zoom und im Chat die Weine und tauscht sich dann im Internet aus.“

Gemeinsam Weintrinken: In Coronazeiten geht das auch digital
Gemeinsam Weintrinken: In Coronazeiten geht das auch digital.
Foto: Vane Nunes – stock.adobe.com

Mehr zu Online-Weinproben gibt es beim Deutschen Weininstitut.

Beitragsbild (oben): Deutsches Weininstitut.

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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