Lebensmittel für Afghanistan: das World Food Programme

Mit dem Abzug der NATO-Truppen und dem Wiedererstarken der Taliban-Gruppe wird die Weltgemeinschaft gerade Zeuge der humanitären Katastrophe bei der afghanischen Bevölkerung. Lebensmittelmagazin.de hat mit dem Pressesprecher des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) gesprochen, um zu erfahren wie Hilfsgüter und Nahrungsmittel zu den Hungerleidenden gelangen.

Mit der sukzessiven Eskalation der Lage in Afghanistan bemühen sich zahlreiche Organisationen und Regierungen um Abzug ihrer Leute aufgrund der Unsicherheit aus dem Risikogebiet. „Die Organisationen der Vereinten Nationen stehen auch in diesen schweren Zeiten der Bevölkerung zur Seite. Ähnlich wie das Rote Kreuz und der Roter Halbmond sind sie als globale internationale Organisation den humanitären Prinzipien verpflichtet. An die Helferinnen und Helfer, die dabei ihr Leben lassen, erinnern wir jedes Jahr am 19. August, dem Welttag humanitärer Hilfe“, erklärt Martin Rentsch, Pressesprecher des World Food Programme in Berlin. Das WFP ist eine Organisation innerhalb der Vereinten Nationen, die mit 20.000 Mitarbeitern in 88 Ländern für die Nahrungsmittelversorgung bei Krisen und Naturkatastrophen zuständig ist. „Neben der Ernährungshilfe für die notleidende Bevölkerung ist das UN-Welternährungsprogramm insgesamt für die humanitäre Logistik innerhalb der Vereinten Nationen verantwortlich. Dafür hat die Organisation weltweit eine Flotte von 5.600 LKWs, 50 Schiffe sowie 92 Flugzeuge im Einsatz. 650 Lagerhäuser halten Nahrungsmittel für 115 Millionen hungernde Menschen bereit.

Hunger ist nicht gleich Hunger

Auf die Frage, welchem Anteil an hungernden Menschen weltweit insgesamt das entspräche, erwidert Martin Rentsch, dass Hungersnot ein fest definierter Begriff sei, aber man sagen kann, das weltweit über 800 Millionen Menschen hungrig zu Bett gehen. „Diesbezüglich unterscheiden wir fünf Krisenlevel (IPC Level), Stufe 1 entspricht der Situation hier in der Bundesrepublik Deutschland, während beispielsweise in einigen Teilen des Jemens Stufe 5 herrscht. In Afghanistan war aber die Situation bereits vor dem Abzug prekär. Das World Food Programme ist seit 1963 im Land. Durch den letztjährigen dürrebedingten 40-prozentigen Ernteausfall sind die Nahrungsmittelpreise dramatisch gestiegen, was die Bevölkerung bis in die Mittelschicht hinein mit einem Versorgungsengpass bedroht. Jede dritte Afghanin und jeder dritte Afghane, ca. 14 Millionen Menschen, leiden Hunger. Der Krisenlevel in Afghanistan entspricht Stufe 3 aufwärts“, beschreibt der WFP-Pressesprecher. Mobile Teams erfassen die Notwendigkeiten durch Bedarfsanalysen. Diese erfassen beispielsweise, dass viele Familien aus dem gesamten Land aufgrund der Unruhen in die Hauptstadt Kabul geflüchtet sind und dort campieren. Das bedeutet dann, neben der Versorgung durch Unterkünfte unter anderem auch einen besonderen Bedarf an Spezialnahrung für Stillende und Kleinkinder. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben Zugang zu allen Provinzen und verfügen über sechs Büros, nicht nur in Kabul, sondern auch unter anderem in Kandahar und Masar-i-Scharif.

Verteilung von Nahrungsmitteln in Herat, als Teil der Nothilfe des WFP für Menschen, die Hunger leiden und humanitäre Hilfe benötigen.
Foto: © WFP Photolibrary

Wer übernimmt die Kosten?

Finanziert wird die UN-Organisation von den freiwilligen Beiträgen der einzelnen Länder, sowie private Spenden. „Für das Jahr 2021 sieht der Finanzplan einen Bedarf von rund 15 Milliarden US-Dollar vor, um 139 Millionen hungernde Menschen zu erreichen. Die Realität schaut allerdings so aus, dass jedes Jahr nur ein bisschen mehr als die Hälfte zu Verfügung steht, 2020 achteinhalb Milliarden. Das bedeutet, dass wir unsere Programme und Maßnahmen priorisieren müssen. Vor allem, weil zweckgebundene Spenden schwerlich zwischen den Programmen verschoben werden können, deswegen bitten wir oft um flexible Spenden, um auch auf unvorhergesehene Krisen reagieren zu können“, erklärt Rentsch. In anderen Krisenregionen, wie beispielsweise in Afrika, wo Flüchtende vielleicht wochenlang hungern mussten, wird dann in den sicheren Auffanglagern mit Vitaminen und Nährstoffen angereicherte Erdnusspaste gegeben, damit diese möglichst schnell wieder zu Kräften kommen. Jetzt am Montag werde die Geberkonferenz für Afghanistan einberufen, bis zum Ende des Jahres wird humanitäre Hilfe im Gesamtvolumen von 200 Millionen Dollar benötigt. „Vor allem die Geografie des Landes und der Winter machen es notwendig, sofort zu handeln, bevor Teile des Landes nicht mehr erreichbar sind“, beschreibt der WFP-Pressesprecher.

Jeder Haushalt erhält zwei Monate lang Weizenmehl, gelbe Erbsen, Speiseöl sowie energiereiche Kekse und nährstoffreiche therapeutische Lebensmittel zur Vorbeugung und Behandlung von Unterernährung von Müttern und Kindern.
Foto: © WFP Photolibrary

Nahrungsmittel aus dem eigenen Land

Da es in Afghanistan ja durchaus noch Lebensmittel gebe, kommen 60 Prozent der Lebensmittel aus Afghanistan selber, wie Reis, Linsen, Bohnen und Weizen, sowie auch beispielweise Öl. Martin Rentsch erläutert: „Damit unterstützen wir die Wirtschaft gleichzeitig vor Ort und vermindern so Abhängigkeiten. Außerdem geben wir den Leuten Bargeld, damit sie eigenständig einkaufen gehen können. Aufgrund des Stadt-Land-Gefälles werden auf dem Land eher direkt Lebensmittel verteilt.“ Die Lebensmittel sind robust verpackt, mit aufgedruckter Inhaltsangabe, Mindesthaltbarkeitsdatum, sowie dem Hinweis, dass diese Lebensmittel nicht auf dem Markt verkauft werden dürfen. „Wir versuchen die Transportwege so lokal wie möglich zu halten, aus Deutschland direkt kommt zum Beispiel gar nichts, das ist ineffektiv. Güter wie Kinderspezialnahrung kommt aus dem benachbarten Pakistan, die Transportroute ist nach wie vor offen für den Warenverkehr. Mit dem Flugdienst von Pakistan nach Kandahar und Masar-i-Scharif werden vor allem medizinische Güter und humanitäre Helfer über eine Luftbrücke transportiert, das Gros der Hilfe kommt auf dem Landweg.“

Arbeiter verladen Lebensmittel auf einen Lastwagen in einem Lager des Welternährungsprogramms in Mazar-i-Sharif.
Foto: © WFP/Arete

Taliban oder Warlords

Auf die Frage, ob sich bei der Zusammenarbeit mit den afghanischen Ansprechpartner:innen jetzt mit der Rückkehr der Taliban etwas geändert hat, verneint der Pressesprecher: „Unsere Hauptaufgabe ist es, notleidende Menschen weiterhin zu erreichen. Unsere Hilfe ist unabhängig und neutral. Das gebieten die humanitären Prinzipien. Mit wem wir zusammenarbeiten, muss uns erstmal egal sein, auch bei der gegenwärtigen Unsicherheit der Situation. Den Ansprechpartner können wir uns jedenfalls nicht aussuchen. Tatsächlich hat aber vielerorts der Ansprechpartner gar nicht gewechselt. Dort, wo ein Wechsel stattgefunden hat, konnten bereits neue Kanäle etabliert werden.“ Der Erfolg beruhe in erster Linie darauf, dass die Nahrungsmittel direkt an die Menschen gehen, unabhängig von staatlichen Kanälen. Über 400 nationale und internationale Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen bilden die letzte Rettungsleine für die Bevölkerung, in Ermangelung alternativer Versorgungsstrukturen. „Dabei muss man sagen, das besonders die einheimischen Mitarbeiter das Rückgrat der Operation vor Ort bilden“, meint Martin Rentsch.

Spenden sind über folgenden Link https://donatenow.wfp.org/ möglich.
Alternativ kann auch direkt auf das Konto der Maecenata-Stifung überweisen werden, die in Deutschland steuerabzugsfähige Privatspenden abwickeln.
Maecenata-Stiftung
IBAN: DE 50 700 2050 0000 8878700
BIC: BFSWDE33MUE
Kreditinstitut: Bank für Sozialwirtschaft
Verwendungszweck: WFP – Name und Adresse
Beispiel: WFP – Karin Mustermann, Musterstr. 1, 22222 Musterhausen, Nothilfe

Haupt-Artikelbild (oben): © WFP/Arete

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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