40 Tage ohne: die christliche Fastenzeit

Für Christen hat am Aschermittwoch die Fastenzeit, die bis Ostern dauert, begonnen. Was steckt hinter Diät und Detox im religiösen Kontext? Lebensmittelmagazin.de macht sich auf zum Kirchgang.

Oliver Cornelius ist leitender Pfarrer der Großpfarrei Berlin-Mitte, zu der unter anderem die Kreuzberger Kirche St. Bonifatius gehört. Das Karnevalswochenende steht zum Zeitpunkt des Gesprächs bevor, doch die Feierlichkeiten fallen nicht nur wegen COVID-19 ins Wasser. „Auch der närrische Gottesdienst weicht dieses Jahr zugunsten eines Friedensgebets“, gibt der Pfarrer hinsichtlich des russischen Einfalls in der Ukraine zu bedenken.

Fleisch, ade!

Der Name „Karneval“ bedeutet etymologisch den Abschied in die fleischfreie Zeit. „Es geht darum, das Leben zu feiern und die Sorgen auf die närrische Schulter zu nehmen. So werden Politik und Alltag beispielsweise in Büttenreden aufs Korn genommen und lächerlich gemacht. Dazu gehört auch Alkohol – natürlich in eigenverantwortlichen Maßen, die nicht auf der Intensivstation enden sollten“, erklärt Cornelius. Karneval sei eine weitgehend katholische Angelegenheit: „Länder, in denen Karneval gefeiert wird, sind katholisch, wie beispielsweise Italien oder Brasilien“. Am Aschermittwoch hat das närrische Treiben ein Ende. „Kehre um und glaube ans Evangelium“ oder auch „Bedenke Mensch, du bist aus Staub und zum Staub kehrst du zurück“, sind die Sätze, die an diesem Tag das Zeichnen des Aschenkreuzes begleiten, womit die Fastenzeit beginnt. Dazu meint der Pfarrer: „Die Fastenzeit soll einladen, den Blick auf das Wesentliche zu lenken, die Rückbesinnung auf das Leben und Gott. Fasten, das Weglassen von Speisen, öffnet mental den Geist und die Wahrnehmung. Es geht in der Fastenzeit aber nicht allein ums Abnehmen und dass ich auf Essen verzichte, um wieder in zu enge Kleidung zu passen und gut auszusehen. Das wäre egozentrisch.“

40 Tage lang

Die Fastenzeit lädt aber auch zum Geben von Almosen und zum Gebet ein. Hierfür sollen geistliche Übungen helfen zu sich und zu Gott zu finden, zum Beispiel Kreuzwegandachten, das Achten auf Morgen- und Abendgebete sowie Tischgebete, der Besuch des Sonntagsgottesdienstes, die Lektüre themenbezogener Predigten und religiöser Literatur, wie beispielsweise das Buch des Papstes „Amoris Laetitia“. „Das Ziel ist, seinen Glauben zu intensivieren“, erklärt Pfarrer Cornelius. Die 40 Tage Fastenzeit bis Ostern entsprächen den 40 Tagen, die Jesus Christus in der Wüste den Versuchungen des Teufels widerstehend, verbrachte. Dabei ist die Berechnung der Fastenzeit trickreich, denn rechnerisch liegen zwischen Aschermittwoch und Ostersonntag 46 Tage. Die Lösung ist die Herausnahme der sechs Sonntage in dieser Zeit, da an jedem Sonntag die Wiederauferstehung des Herrn gefeiert wird. Deshalb wird sonntags nicht gefastet. „Die Protestanten fasten durch, dafür beginnen sie einfach am kommenden Sonntag, um auf 40 Tage zu kommen“, erklärt der Pfarrer. Idealerweise fällt dann das Osterfest mit dem jüdischen Pessach zusammen. Fasten bedeute im Übrigen auch in der Kirche ein Fasten der Sinne: kein Blumenschmuck, weniger Kerzen und wenige liturgische Gesänge. Dafür gäbe es Fastentücher, meistens von Misereor, zu jeweiligen Themen.

Das aktuelle MISEREOR-Hungertuch 2021/2022 „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ der Künstlerin Lilian Moreno Sánchez.
Foto: ©MISEREOR

Kreative Auslegungssache

Die Speiseregeln zur Fastenzeit unterlagen im Laufe der Geschichte immer wieder Änderungen. 590 n. Chr. bestimmte Papst Gregor I. für die Fastenzeit vor Ostern das Speiseverbot von warmblütigen Tieren, also Säugetieren und Vögeln. Auch deren Produkte wie Eier, Milch, Butter und Käse sowie Alkohol fielen unter das Verbot. Außerdem beschränkte sich das Essen auf eine Mahlzeit am Tag. Dies galt bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts, als Papst Julius III. die Speiseverbote auf den Verzicht von Fleisch beschränkte. Wobei von Anfang an Kreativität zur Umgehung der Verbote an den Tag gelegt wurde. In den Klöstern sollen Schweine ertränkt worden sein, um so als Fisch zu gelten. Ein Abt soll z. B. beim Anblick eines fertigen Spanferkels gesagt haben: „Baptisto te carpem“ (Ich taufe dich, Karpfen). Und ausgerechnet eine deftige Fleischspezialität aus dem süddeutschen Raum gilt als klassisches Gericht zum Gründonnerstag. Bei Maultaschen, auf schwäbisch auch „Hergottsbscheißerle“ genannt, dienten sowohl Nudelteig wie auch der hohe Kräuter- und Spinatanteil dazu, das Fleisch vor Gott zu verstecken. Das Gericht soll von Zisterziensermönchen aus dem Kloster Maulbronn stammen. Wobei sich übrigens der Gründonnerstag mitnichten auf die Farbe Grün bezieht, sondern von „greinen“, also „weinen“, abstammt. Noch eine schöne Tradition mit solchem Hintergrund: „Liquida non frangunt ieunum“ (Flüssiges bricht das Fasten nicht) gilt seit dem 17. Jahrhundert auch für Bier. Die Mönche brauten es damals vor allem zur Stärkung bei der Arbeit. Sicherheitshalber wurde beim Papst nachgefragt und um Freigabe gebeten. Die Bierprobe verdarb aber auf der Strecke gen Rom, worauf der Papst befand, dass dieses scheußliche Getränk den Fastencharakter unterstrich. Die noch heutigen Starkbieranstiche gehen auf die Paulaner-Mönche zurück, die 1651 die erste besondere Biersorte brauten.

Ohne oder mit

Die strengen Regeln von damals sind heute nicht mehr aktuell. Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sind nur noch zwei Fasten- und Abstinenztage vorgeschrieben, der Aschermittwoch und der Karfreitag. An diesen Tagen sollten Katholiken nur eine volle und fleischfreie Mahlzeit zu sich nehmen. Pfarrer Cornelius meint dazu: „Außerdem haben wir von den Protestanten ‚40 Tage ohne‘ übernommen, das heißt, 40 Tage lang bewusst auf etwas zu verzichten, das können Süßigkeiten, Alkohol, Zigaretten, Restaurantbesuche oder auch z. B. der Konsum von Fernsehen und Digitalem sein. Der letzte Schrei aber ist ‚40 Tage mit‘. Wenn ich auf Fernsehen verzichte oder den Restaurantbesuch, dann habe ich auf einmal Zeit zur Verfügung, die gefüllt werden muss. Dies kann man auch im Sinne der Fastenzeit umsetzen, sei es mit Kreuzweg-Aktionen, Meditationen oder beispielsweise auch Briefe schreiben, um Kontakte zu pflegen.“

Artikel-Teaserbild (oben): Alexander – stock.adobe.com

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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