Auf einen Tee in die Normandie – bei Kusmi Tea

Nicht nur in Deutschland wird gerne Tee getrunken, auch Frankreich mag es genussvoll. Lebensmittelmagazin.de macht einen kurzen Ausflug nach Le Havre in der Normandie zum Luxustee-Hersteller Kusmi.

Gewinner einer Paris-Reise beim Online-Gewinnspiel von Kusmi Tea mit rund 2.500 Teilnehmer:innen zu sein, wie oft passiert das wohl im Leben? Und wenn man praktisch schon vor Ort ist, kann man auch einen kleinen Abstecher von Paris in die Normandie zur Kusmi-Tea-Zentrale in Saint-Vigor-d’Ymonville machen.

Kusmi Tea ist eine französische Marke, die im 19 Jh. in Russland gegründet wurde. Sie zeichnet sich aus, durch die farbenfrohen Dosen, die in Kaufhäusern wie dem Berliner KaDeWe, dem Hamburger Alsterhaus, aber auch im Duty-Free aus einem breiten Angebot luxuriösen Genusses verheißungsvoll entgegenleuchten. Nicht nur Farbauswahl, sondern auch die Teevielfalt scheint das gesamte Spektrum abzudecken, ob als Eistee, Wellnessmischungen, oder klassisch-russische Rezepturen, die zum Teil über hundert Jahre alt sind.

Aus Zarenträumen wiedererweckt

Für die Renaissance der Marke verantwortlich zeigt sich Unternehmer Sylvain Orebi, der 2003 das traditionelle Teehaus aus dem Dornröschenschlaf in der Pariser Avenue Niel erweckte. Bis dahin war Kusmi lediglich ein Geheimtipp der russischen Gemeinde in Paris. Ursprünglich war die Marke, die von Pawel Kousmichoff im Jahr 1867 gegründet wurde, in St. Petersburg ansässig. Die Kousmichoffs waren Hoflieferanten der Zaren. Wie so viele Russen, so floh auch die Familie Kousmichoff im Zuge der russischen Revolution aus ihrer Heimat. Noch heute erinnert das Art Nouveau-Label der Marke mit der Silhouette der Petersburger Isaaks-Kathedrale, die sich im Fluss Neva spiegelt, daran. Der besonders aufmerksame Betrachter vermag in diesem Label oben links Peter den Großen, auf dem aufsteigenden Pferd erkennen.

Der Blick von Sylvain Orebi verklärt sich, als er zurückdenkt an die Wiedererweckung der traditionellen russischen Marke in Paris:

„Die großen Teedosen waren noch von Hand beschrieben und der Tee wurde mit der Schaufel abgefüllt. Das Geschäft war etwas dunkel und Lager und Produktionsstätte befanden sich unterhalb des Gebäudes.“

Heute allerdings liegt die Kusmi-Tea-Zentrale in Saint-Vigor-d’Ymonville, Normandie, 20 Minuten entfernt von Le Havre – viel Grün, wenig Handyempfang. Hierher kommen alle Tees und Inhaltsstoffe wie Gewürze, Früchte und andere Zutaten. Und von hier aus wird Kusmi Tee in 45 Länder auf der ganzen Welt geliefert, nicht nur nach Frankreich und Europa, sondern auch in die USA, nach Kanada und nach Asien, der Heimat des Tees.

Während der Pandemie

Aber auch an Kusmi sind die vergangenen zwei Jahre nicht spurlos vorbeigegangen. In Deutschland ist die Marke momentan nicht direkt in Kusmi-Boutiquen vertreten, sondern im Handel bei Zweitanbietern und natürlich online. Joséphine von Klitzing, DACH-Chefin von Kusmi, erinnert sich: „In der Industrie wurde während COVID weitergearbeitet, auch wenn es in den ersten Tagen einige Unklarheiten gab, um die Protokolle zu definieren und Arbeitsmethoden neu zu entwickeln, um die Mitarbeiter vor allem in der Logistik und der Produktion zu schützen. Die Logistikteams waren die ersten, die auf freiwilliger Basis zurückkehrten, um die Webbestellungen sowie die noch offenen Verträge oder die Lieferungen für die großen Supermärkte vorzubereiten. Die Produktion wurde mehrere Wochen lang gestoppt und arbeitete dann langsamer, da die Nachfrage stark zurückgegangen war. In den Büros arbeiteten alle weniger und wechselten zwischen Kurzarbeit und Homeoffice. Auch wenn die Aktivitäten auf Sparflamme liefen, gab es viel Kommunikations- und Koordinationsarbeit mit Kunden und Lieferanten. 2021 war also praktisch „as usual“ in St. Vigor trotz runtergefahrener Gastronomie sowie Travel-Retail-Bestellungen.“

Tees wurden hier für ein Cupping, also eine Aufguss-Probe vorbereitet.
Foto: Johannes S. – lebensmittelmagazin.de

Jagd auf beste Bioware

Die Produktionsanlage liegt auf 2.400 Quadratmetern plus knapp der anderthalbfachen Lagerfläche von insgesamt 6.000 Quadratmetern. Sebastien Duho ist hier Betriebsleiter mit 85 bis 90 Mitarbeiter:innen in der Hauptsaison, die von August bis September dauert. 98 Prozent der Gesamtproduktion erfolgt hier. Seit 2020 hat das Unternehmen sein gesamtes Teesortiment auf Bio-Qualität umgestellt. Es war laut Duho einfach, den Tee in Bio-Qualität zu erhalten, dafür sei es herausfordernd gewesen, die übrigen Zutaten wie Fruchtstückchen, Gewürze und Aromen in qualitativ zufriedener Bio-Qualität zu erhalten. Zulieferer beispielsweise aus Spanien, aber auch Hamburg liefern vierteljährlich Rohstoffe für die Jahresproduktion, z. B. Minze aus Ägypten. Viele andere Zutaten kommen zum Beispiel aus südosteuropäischen Ländern wie Kroatien.

Produktionsleiter Laurent Dennebey führt durch die Anlage. Vor der großen Produktionshalle liegt das Labor, in dem in Reih und Glied unterschiedliche Tees für ein Cupping, also eine geschmackliche Brühprobe, aufgestellt sind. Sie werden getestet, um final die optimale Qualität für die Kusmi-Rezepturen zu gewährleisten. In der ersten Halle duftet es nach Pampelmuse. In der Mitte steht ein Mischer von der Größe eines Kleinwagens und dreht unaufhörlich seine Kreise. Im Inneren sorgen Drehstäbe dafür, dass die Aromen vollständig in die Blätter ziehen und alles gut durchgemischt wird. Dennebey erläutert: „Die Charge einer Mischerfüllung umfasst ungefähr 200 Kilogramm, wobei aber berücksichtigt werden sollte, dass das spezifische Gewicht von Früchtetee durchaus schwerer ausfällt. Die Prozedur dauert normalerweise eine halbe Stunde, bei größeren Blättern wie beim Weißen Tee verlängert sich der Prozess auf 50 Minuten um die optimale Verteilung zu gewährleisten. Zitrusfrüchte wie die Pampelmuse sind bei uns eine wichtige Zutat. Wir beziehen sie aus Sizilien und Kalabrien. Eine besondere Herausforderung bei den Zitrusfrüchten ist zum Beispiel die Bergamotte, Grundlage für Earl-Grey-Tea, da ist die Nachfrage insgesamt sehr groß und deshalb ist sie schlecht verfügbar.“

Mais statt Musselin

In der Halle nebenan werden im Sekundentakt Teebeutel aus einem schier unendlichen „Nylonstrumpf“ geschweißt. Es sind 80 Teebeutel pro Minute, wie Dennebey stolz berichtet. Die ganze Halle duftet noch nach den herben Zitrusfrüchten aus der vorherigen Charge „Anastasia“. Bislang waren die Teebeutel von Kusmi ganz vornehmen und exklusiv aus Musselin, die sich optisch und haptisch aus dem allgemeinen Teebeutel-Angebot hervorhoben. „Früher haben wir die Teebeutel aufwendig in Marokko herstellen lassen. Diese waren aus Baumwoll-Musselin, deren Produktion einen massiven Wasserverbrauch verursachte.  Zu unseren Strategien gehört heute Regionalität und Nachhaltigkeit, Kusmi-Teebeutel werden hier vor Ort hergestellt und machen rund die Hälfte der Teeproduktion aus. Statt Baumwolle bestehen die Teebeutel heute aus Maisstärke“, erklärt der Produktionsleiter.

In der nächsten Halle mutet es schon recht weihnachtlich an. Glögg, ein Früchtetee benannt nach dem gleichnamigen schwedischen Punsch, wird in Dosen abgefüllt. Auf die Frage, ob man den Früchtetee auch direkt im Rotwein als Punsch zweckentfremden kann, schaut Laurent Dennebey über den Rand seines Brillengestells hinweg und antwortet lapidar: „Direkt im Rum.“ Direkt fällt ein weiteres Detail auf: Auch wenn die Dose vom Druck her zwar festlich dekoriert, aber eindeutig als Kusmi erkennbar ist, so hat sich die Form der Dose im Vergleich zu früheren etwas verändert. Jetzt ist sie luftdicht verschweißt und lässt sich per Dosenlasche aufziehen, ähnlich einer Erdnussdose.

Genuss, aber ökologisch nachhaltig!

Im anschließenden Gespräch mit Sylvain Orebi kommt noch einmal die Frage auf, warum die Teebeutel nicht mehr so hübsch im Musselin-Säckchen verkauft werden. Der Unternehmer schmunzelt: „Viele Dinge sehen hübsch aus und fassen sich gut an, sind aber schlecht für die Umwelt. Überlegen Sie mal, wie hoch der Wasserverbrauch bei der Baumwollherstellung ist.“ Er erklärt die Zero Plastics-Strategie von Kusmi: „Ziel ist es, bei der Verpackung weitestgehend auf einmal verwendeten Kunststoff zu verzichten, beispielsweise durch die Aluminiumdosen, die sich hervorragend heraussammeln und recyceln lassen. Bei den Teebeuteln können wir zwar gegenwärtig aus lebensmittelhygienischen Gründen nicht auf eine Kunststoffhülle insgesamt verzichten, aber auch hier arbeiten wir an mittelfristigen Alternativen im Zusammenhang mit der Beschichtung.“ Energieaufwand der Produktion und Distribution sowie Lüftung und Beleuchtung laufen in seiner Firma natürlich mit sauberer Energie. Auch die Wiederverwertung ist ein großes Thema: Mit Stolz zeigt er auf Fotos, die eine Kusmi-Nachfüllstation mit Silos in einem französischen Supermarkt abbilden.

Tiger, Brustkrebs und Brigitte

Ähnliches Engagement, wie zur nachhaltigen Prozessoptimierung, zeigt die Marke aber auch mit diversen sozialen und ökologischen Aktionen, über die es sich lohnt mehr zu sprechen. „Tchai of the Tiger“ unterstützt das TX2-Projekt des WWF. Orebin betont: „Es ist Jahr des Tigers im chinesischen Kalender. Gegenwärtig leben weltweit ungefähr 3.000 wilde Tiger, um 1900 waren es noch mehr als 100.000. Das Ziel des Projekts ist es, die Verdoppelung der Population zu erreichen.“ Dass der Rückgang der Tiger unmittelbar mit Faktoren wie wirtschaftlicher Nutzung des Lebensraums der Tiere im Zusammenhang steht, lässt im Weiteren die Frage aufkommen, inwiefern sich der Teeanbau einer biozertifizierten Plantage unterscheidet. Eben jener Schwarztee für „Tchai of the Tiger“ käme beispielsweise von der Thiashola Plantage in den Nilgiri Hills im Südwesten Indiens – eine Gegend, wo beispielsweise geschützte Tiger leben. „Am eindrücklichsten war die Tatsache, dass es auf der gesamten Plantage keine Autos mit Vergaser gab, sondern ausschließlich Elektroautos, um die Luft zu schonen. Dieser Tee ist dann zwar als Bio-Tee 30 Prozent teurer, allein schon, wenn man an die Inflation denkt, andererseits muss man sich vergegenwärtigen, um wieviel höher die umweltbedingten Kosten noch ausfallen werden“, meint der Unternehmer.

Angesichts der Tatsache, dass 75 Prozent der Kundinnen und Kunden Frauen sind, 70 Prozent seiner Mitarbeiter:innen ebenfalls weiblich sind und nicht zuletzt Orebi Vater zweier Mädchen ist, hat das Thema Geschlechtergleichheit und Frauenförderung einen hohen Stellenwert bei Kusmi. So werden beispielsweise in Indien Projekte zur Frauenbildung in Mumbai gefördert und die Teemarke engagiert sich stark gegen Brustkrebs. Zum einen bietet der Unternehmer innerbetriebliche Brustkrebsprävention, zum anderen startet seit sieben Jahren im Brustkrebsmonat Oktober eine Sonderedition, die Projekte zur Bekämpfung des aggressiven Krebses unterstützt. Dafür, und für viele weitere Kooperationen, gestalten alljährlich prominente Künstler:innen die Dose, wie zuletzt Chantal Thomass, aber auch Ines Fressange und Jean Paul Gaultier haben beispielsweise ihre Handschrift hier hinterlassen. Noch ein besonderer Tee soll zum Schluss erwähnt werden – Petit déjeuner à l’Elysée – zur Unterstützung der Renovierung des Élysée-Palasts. Orebi versichert, vielleicht etwas schalkhaft, dass Madame et Monsieur Macron ihn jeden Morgen zum Frühstück einnehmen – Tee als Alternative zum Espresso mit George Clooney?

Der kreative Prozess: Wie kommt es zu diesen Mischungen?

Melissa ist Mixologin bei Kusmi Tea und damit zuständig für die kreativen Kompositionen der Tees. Im Gespräch gibt sie Einblicke in ihren außergewöhnlichen Arbeitsalltag.

Bei Kusmi basieren die Teemischungen auf grünem Tee, schwarzem Tee, Früchte-/Kräutertee und Matetee (und weißem Tee). Inwiefern unterscheiden sich die Aromenspektren der verschiedenen Teesorten?

Alle Tees, unabhängig von ihrer Farbe, haben ihre eigene Identität und ihr eigenes Aromaprofil. Man kann in allen Teesorten Süße, blumige Aromen oder Bitterkeit finden. Aber vereinfacht gesagt, kann man davon ausgehen, dass weiße Tees milder und feiner, grüne Tees fruchtiger und pflanzlicher, Oolong-Tees blumiger und schwarze Tees kräftiger, bitterer und manchmal erdiger sind.

Wie läuft der kreative Prozess ab?

Jede Kreation beginnt mit einer langen Überlegung über das Konzept, das man kreieren möchte. Sobald dieses Konzept feststeht, wird man die passende Teebasis auswählen und die ausgewählten naturbelassenen Tees mischen. Anschließend wird man zahlreiche Aromatisierungsversuche unternehmen, um einen zufriedenstellenden, originellen und vor allem mit dem im Produkt enthaltenen Versprechen übereinstimmenden Geschmack zu finden.

Trends folgen oder Trends setzen?

Wir versuchen immer innovativ zu bleiben (sagt sie grinsend).

Inwieweit spielen Süßstoffe in der Zusammensetzung eine Rolle?

In unseren Mischungen sind nie Süßstoffe enthalten. Wir verwenden natürliches Lakritz, wenn wir einen süßen Geschmack erzielen müssen (wie in Tsarevna oder Label Imperial).

Was sind die Unterschiede zwischen der Verwendung von Aromen und der Verwendung von getrockneten Fruchtstücken, Kräutern u. ä.?

Dies sind ergänzende Zutaten, die wir je nach ihrem Geschmack und ihrer Fähigkeit, sich in unserem Rezept zu vermischen, verwenden.

Wie ist die Qualität der Aromen?

Alle unsere Aromen sind 100 Prozent natürlich und werden aus hochwertigen Früchten oder Blumen von weltweit führenden Aromatiseuren gewonnen.

Welche Mischungen können wir in Zukunft erwarten? Ich persönlich würde mich über eine Mischung mit Wakame und Yuzu freuen.

Yuzu ist eine Frucht, die schwer erfolgreich im Tee zu verwenden ist … Zitronenthymian wird wahrscheinlich Teil unserer zukünftigen Mischungen sein, aber der Rest ist ein Geheimnis.

Artikel-Teaserbild (oben): DN6 – stock.adobe.com

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.