Nicht nur zum Abputzen, sondern auch zum Verputzen: der Weihnachtsbaum

Er ist einer der zentralen, traditionellen Bestandteile des Weihnachtsfestes – der Weihnachtsbaum. Nach dem Abputzen ist er noch lange nicht reif für die Entsorgung, sondern im besten Fall durchaus noch verzehrfähig. Lebensmittelmagazin.de lässt es nadeln.

Kaum sind die letzten Silvesterböller verhallt und die heiligen drei Könige haben Gold Weihrauch und Myrrhe abgeliefert, ist ihr Ende nahe: Ab Anfang Januar landen die Weihnachtsbäume am Straßenrand. Sie werden dann beispielsweise gesondert von der Berliner Stadtreinigung (BSR) entsorgt, in Berlin sind das rund 340.000 Bäume pro Jahr. Die abgeholten Bäume werden geschreddert und anschließend in Biomassekraftwerken verwertet. Dort entstehen aus dem zerkleinerten Material Fernwärme und Strom. Die Energie aus 340.000 Weihnachtsbäumen reicht aus, um knapp 490 Haushalte ein Jahr lang mit Wärme und Strom zu versorgen. Die Entsorgung in der Biotonne ist übrigens nicht sinnvoll, weil sich die Tannenbäume für die Vergärung in der Biogasanlage nicht eignen.

Tierischer Snack

Andererseits kommt ein Großteil der noch nicht verkauften, unbehandelten Weihnachtsbäume zum Berliner Zoo und in den Tiergarten. Rentier, Elch & Co. freuen sich über das außergewöhnliche Spielzeug bzw. die Nascherei, die sonst nicht auf dem Speiseplan der großen Zoobewohner steht. Aber das Nadelgehölz wird auch als Rückenkratzer, Zahnstocher oder Massagebürste eingesetzt. Für mehr Abwechslung bei der Beschäftigung sorgen die Bäume dafür, dass bei den Tieren keine Langeweile aufkommt, was das Wohlbefinden der Zoobewohner steigert. So bekamen die Braunbären im Zoo bereits zu Weihnachten geschmückte Tannenbäume – Paprikaringe und Honigmelonen dienten als Weihnachtskugeln.

Ein Braunbär im Berliner Zoo riecht an einem Weihnachtsbaum, der mit Paprikaringen geschmückt ist.
Auch die Braunbären haben zu Weihnachten einen Baum bekommen, die Paprika-Ornamente blieben aber nicht lange dran.
Foto: Zoo Berlin

Augen auf beim Weihnachtsbaumkauf

Wem aber der Duft des eigenen Baums besonders gut gefällt, der kann sich selber daranmachen, den Christbaum kulinarisch zu verarbeiten. Victoria Lorenz ist Kräuterpädagogin, das bedeutet, sie vermittelt Kenntnisse über essbare Wildkräuter, etwa in der Erwachsenenbildung. So schrieb sie beispielsweise ein Kochbuch über Nadelbäume.

Sie selber hat bei sich keinen Weihnachtsbaum aufgestellt, sondern erfreut sich an den Tannen in der Nähe ihres Grundstücks am Rande der bayerischen Alpen. Ihr wichtigster Hinweis vorab ist: „Vor der kulinarischen Verarbeitung des Nadelbaumes ist es wichtig sich zu vergewissern, ob dieser gespritzt wurde. Auch Biobäume gewährleisten diesbezüglich keine Sicherheit.” Im Idealfall stamme der Baum aus einem Naturschutzgebiet, die aber eher selten sind: „Vor Weihnachten geben die Förster bisweilen einige Bäume zum Selberschlagen frei, um die Schonungen zu lichten. Diese Bäume sind dann garantiert nicht gespritzt worden.“ Ansonsten gilt: Wenn aus dem Wald, dann einen Weihnachtsbaum aus ökologischer Waldwirtschaft. Diesen erkennt man am FSC-Siegel. Wer einen Biobaum gekauft hat und die Nadeln verwenden möchte, der sollte auf jeden Fall den Produzenten seines Vertrauens fragen, was er im Laufe der vergangenen Vegetationsphase gemacht hat, denn es gibt viele Bio- aber auch konventionelle Produzenten, die sogar ganz auf Pflanzenschutzmittel verzichten. Und wenn die Nadeln nicht zu vertrocknet sind, sollte man die Zweige, wie jedes andere Lebensmittel eben auch, vorab unter fließendem Wasser abwaschen.

Damit man keine giftigen Bäume erwischt, wie etwa die Eibe, sollte der Baum eindeutig bestimmt werden. Hierfür bietet Victoria Lorenz einen Onlinekurs an. Kulinarisch interessant sind beim Weihnachtsbaum in erster Linie die Nadeln. „Wenn man die Nadeln zerbricht, kann man die ätherischen Öle riechen. Das sind zitrisch-balsamische Noten, etwa bei Fichten. Weißtannen duften nach Mandarine und Douglasien nach Orange zum Beispiel, während die Waldkiefer etwas Pfeffriges an sich hat. Die typische Nordmanntanne hat im Vergleich ein eher schwach ausgeprägtes Duftprofil”, informiert die Expertin.

Nicht nur zur Weihnachtszeit

Andere Teile des Baumes sind zwar zum Verzehr eher unüblich, aber das Harz beispielsweise eignet sich, sobald es erhärtet ist, hervorragend für Salbe. Dafür muss man das Harz in Öl lösen und Bienenwachs hinzugeben. Die Zapfen der Waldkiefer wiederum lassen sich, wenn sie im Mai jung und noch weich sind, in Sirup einkochen. Dieser schmeckt, nachdem er ein wenig im Glas durchgezogen ist, beispielsweise hervorragend über Eiscreme. Die Expertin mahnt aber zur Mäßigung: „Man sollte dem Baum nicht zu viele Zapfen entnehmen. Dabei steht nachhaltiges und achtsames Pflücken an oberster Stelle, außerdem sollte man sich vorher vergewissern und etwaige gesetzliche Bestimmungen vor Ort beachten. Die Bäume bilden in den letzten Jahren viele Zapfen aus, sogenannte Mastjahre. Normalerweise wechseln sich ertragreiche mit schwächeren Jahren ab. Es scheint aber so, dass durch den klimawandel-bedingten Stress die Bäume in den vergangenen Jahren mehr Zapfen ausgebildet haben.” Die jungen Maitriebe der Nadelbäume selber finden sich als Delikatesse zubereitet in der Frühjahrssaison auf den Speisekarten der Sterne-Gastronomie wieder.

Aber auch jetzt lassen sich die Nadeln, sofern sie noch nicht zu vertrocknet und bar ihrer leicht flüchtigen ätherischen Öle sind, verarbeiten. Zugegeben, als Gemüse-Zubereitung sind sie nicht mehr interessant, aber durchaus als Gewürz und in eben dieser Dosis sind sie laut Victoria Lorenz auch bekömmlich. Fichtenbäume und deren Nadeln enthalten Harze, ätherische Öle, vor allem Bornylacetat, Limonen, Camphen, Pinen, Borneol, Vitamine wie Vitamin C sowie Flavonoide, Terpene und Gerbstoffe.

Zum Kochen, Backen, Trinken und Genießen

Man kann die Nadeln beispielsweise hervorragend zum Beizen von Fischen verwenden. Dafür nimmt man Salz und Zucker zu gleichen Teilen und fügt Fichtennadeln sowie Orangenschale hinzu und bedeckt damit großzügig das Fischfilet. Das lässt man über Nacht durchziehen und der Fisch, zum Beispiel Saibling, nimmt den Geschmack gut an. Für eine Fichtenbutter, die sich sowohl zum Backen, als auch zum Würzen von Fleisch und Gemüse nutzen lässt, hackt man die Nadeln ganz besonders fein und knetet sie mit wenig Salz in die Butter. Wenn die Fichtennadeln schon etwas trockener sind, lässt man sie ganz durchtrocknen und pulverisiert sie dann im Blender. „Ich würde sie im Anschluss noch durchsieben, Fichtennadeln tendieren dazu zu fasern.” Wovon Lorenz abrät, ist der Verzehr der Nadeln im Ganzen, wie etwa bei Rosmarin: „Ich habe einmal Ofengemüse mit Fichtennadeln gemacht, die sind einfach verbrannt und piekten beim Essen.”

Das Nadelpulver hingegen findet vielfältige Einsatzmöglichkeiten: „Man kann Butter darin wälzen oder auch Frischkäse. Außerdem lässt sich das Pulver zum Backen und Kochen verwenden, was dem Essen ein zitrisch-harzigen Geschmack, der frisch an Wald erinnert, verleiht. Das macht sich gut bei Weihnachtsplätzchen, Vanillekipferl mit Tannenpuderzucker etwa”, weiß die Expertin.

Auch bei Hochprozentigem kann man mit dem Weihnachtsbaum arbeiten. „Während es beispielsweise im Schwarzwald einen Gin gibt, der mit Fichtennadeln als Botanical gebrannt wird, kann man relativ einfach durch Mazeration den Christbaumgeschmack zum Gin gewinnen. Dafür lässt man für drei bis vier Wochen die Nadeln in Wodka ziehen.” Die frischen Nadeln lassen sich zudem als Tee genießen, bzw. das getrocknete Pulver im heißen Wasser aufkochen und dann abseihen.

Für Cocktail-Experimente hat die Kräuterpädagogin noch einen Tipp parat: „Die frischen Nadeln kann man mit Zitronensaft im Blender mixen, das gibt nicht nur einen zusätzlichen tollen Geschmack in Cocktails, sondern auch eine intensive grüne Farbe.“ Bevor man jetzt also in den kommenden Tagen den Weihnachtsbaum wie im Werbespot aus dem Fenster wirft oder doch konventionell auf dem Weg vom Wohnzimmer an die Straße alles vollrieselt, könnte man ja die eine oder andere kulinarische Option ausprobieren.

Artikel-Teaserbild (oben): Natascha – stock.adobe.com

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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