Mehrweg-Frischeboxen mit loser Ware

Lebensmittel und Verpackung: Kommt gar nicht in die Tüte?

Plastiktüte, Konservendose oder Marmeladenglas – viele Lebensmittel werden in einer Verpackung angeboten. Angesichts der Ressourcen- und Klimaproblematik ist insgesamt eine Verpackungsreduktion zielführend. Wieviel Verpackung ist nötig und welche Alternativen gibt es?

Johanna Koch arbeitet in München für die NGO rehab republic e. V., die mit verschiedensten Aktionen die Bevölkerung auf Müll und dessen Vermeidung aufmerksam machen will. „Immer nach dem Motto ‚Yeah statt buh‘“, so Koch. „Wir haben beispielsweise einen drei Meter hohen Kippenberg angehäuft, um auf das gehäufte Problem der weggeworfenen Zigarettenkippen hinzuweisen. Eine weggeworfene Zigarettenkippe verunreinigt aufgrund ihrer Giftigkeit eine Badewanne voll Wasser“, sagt die Aktivistin. Open-Air-Jukebox-Partys, mit eingesammelten Kronkorken als Währung, sollen die Besucher zum Plogging, Müll sammeln, animieren. „Der beste Verpackungsmüll ist derjenige, der gar nicht erst anfällt“, ist Johanna Koch überzeugt.

Tupperdosen, Schraubglas oder Metalldose

Die Idee zum Projekt „Einmal ohne, bitte!“ entstammt einem persönlichen Plastikfasten im Jahr 2018, um Müll zu reduzieren. 2018 hatte das Bayerische Staatsministerium ein Merkblatt zum Umgang mit kundeneigenen Behältnissen in Lebensmittelgeschäften und Gastronomien herausgegeben. „Auch Hamburg hat jetzt kürzlich ein dementsprechendes Merkblatt herausgegeben“, berichtet Johanna Koch.

Dabei möchte „Einmal ohne, bitte!“ keineswegs ein neues Pfand- oder Recyclingsystem implementieren, sondern verweist auf bereits vorhandenes Material: „Jeder hat doch zu Hause eine Schublade mit Tupperdosen, wo man für gewöhnlich erstmal den Deckel suchen muss“, gibt die Aktivistin zu bedenken. Auch Schraubdeckelgläser seien optimal geeignet, vom Material her seien natürlich Metalldosen am langlebigsten. Wichtig sei, dass die Behälter bei über 60 Grad gereinigt werden können. Während Systeme wie der wiederverwertbare Kaffeebecher Recup oder das Takeaway-System Rebowl gewinnorientierte Unternehmen seien, möchte „Einmal ohne, bitte!“ rein gemeinnützig arbeiten und bundesweit mit Städtepartnern und Privatpersonen kooperieren. Geschäfte und Restaurants sollen Kund:innen mit Stickern an Ladentür und Frischetheken signalisieren,  dass sie hier Lebensmittel in mitgebrachten Behältern erwerben können.

Sticker der NGO-Kampagne "Einmal ohne, bitte!" an einem Geschäft.
Sticker der NGO-Kampagne „Einmal ohne, bitte!“ an einem Geschäft.
Foto: Pressefoto „Einmal ohne, bitte!/Svenja Hübinger

Loser Verkauf auch in Coronazeiten

Auch jetzt, in Zeiten erhöhter Sensibilität für Hygiene, bleibe das Konzept sinnvoll, findet Johanna Koch. Die vorhandenen Merkblätter sollen die Unsicherheiten seitens Verkaufspersonal und Verbraucher:innen beseitigen. „Nur bei Wurst und Käse wird es aufgrund der Abstandsvorgaben etwas schwieriger.“ Mitmachen könne indes jeder, „allerdings reicht es nicht, nur Obst und Gemüse lose zu verkaufen, davon gehen wir als selbstverständlich aus“, sagt die Aktivistin.

Das Konzept von „Einmal ohne, bitte!“ trage bereits erste Früchte, sowohl in Großstädten als auch auf dem Lande: „Meine Oma erzählte mir neulich, dass sie ihre Haferflocken jetzt lose bei ihrem Bäcker kauft. Auf dem Lande ist es nicht möglich, mal eben schnell einkaufen zu gehen, dafür kaufen die Menschen bewusster ein.“ Angenehmer Nebeneffekt sei es, dass dadurch die lokalen Strukturen vor Ort gestärkt werden.

Schutz für Kund:in und Verkäufer:in

Auf die Frage nach der im Merkblatt beschriebenen, etwas kompliziert anmutenden Vorgabe, die geöffnete Tupperdose für die Befüllung auf einem Tablett abzustellen, lacht Dr. Sieglinde Stähle, Lebensmittel-Technologin und Teil der wissenschaftlichen Leitung des Lebensmittelverbands Deutschland, der Herausgeber mehrerer Merkblätter zum hygienischen Umgang mit Kundenbehältnissen ist. „Das Tablett steht für den Kompromiss bei der Lösungsfindung. Im Zweifelsfall ist es eine Frage des Kontexts: Bei Kartoffeln, die weiterverarbeitet werden, sind derartige Maßnahmen unnötig, aber der private Kaffeebecher, der ansonsten möglicherweise neben der Sahnetorte stünde, ist da schon relevanter.“ Die Theke im Verkaufsraum gelte als Hygieneschranke, um Kreuzkontamination zu verhindern und wechselseitigen Schutz von Kund:innen und Verkäufer:innen zu gewährleiten.

„Auch jetzt in Zeiten von Corona gibt es keine Veranlassung, auf Mehrweg zu verzichten, aber dafür das Bewusstsein für Hygiene zu schärfen!“, erklärt die Hygiene-Expertin. Das Tablett diene in dem Fall als risikominimierende Brücke zwischen beiden Seiten. In diesem Zusammenhang behandelt eines der Merkblätter den Umgang mit kundeneigenen Bechern für den Coffee-to-go, ein weiteres das Vorgehen bei Pool- und Pfandsystemen. Systeme in diesem Zusammenhang, wie beispielsweise Recup, ersetzen den To-go-Pappbecher durch ein Pfandsystem, bei dem die gebrauchten Mehrweg-Kaffeebecher wieder eingesammelt und zentral gespült werden, bevor sie wieder verwertet werden.

Eklig, aber nicht gefährlich

Auch bei privatem Geschirr gibt Dr. Stähle Entwarnung: „Ein nicht einwandfrei sauberer Kaffeebecher ist im Zweifelsfall zwar ekelerregend, aber nicht gesundheitsgefährdend.“ Sauber bedeute nicht steril. Für die Reinigung benötige Geschirr ausreichende Zeit im Wasser, eine ausreichende Temperatur – wobei heißes Wasser aus dem Wasserhahn bereits ausreichend sei – im Zusammenwirken mit Lauge und den Tensiden aus dem Spülmittel.

Ganz ohne Verpackungen geht es nicht

Konventionelle Verpackungen dienen dem mikrobiologischen und physikalischen Schutz von Lebensmitteln, beim Transport, in der Logistik und der Lagerung, sowohl im Geschäftals auch später Zuhause. Darüber hinaus dienen Verpackungen als Träger von Information und Werbung. „Aber“, erklärt die Expertin, „es gibt keine natürliche Grenze für Lebensmittel, die nicht lose verkauft werden könnten. Es passt nur oft nicht mehr zu unseren Versorgungsstrukturen und unserer Vorstellung von Qualität.“ So sei es früher durchaus üblich gewesen, Milch lose zu verkaufen oder sich mit dem Bierkrug beim Ausschank für zu Hause zu versorgen. „Ihr Bier ist dann nur leider schal, wenn Sie zu Hause ankommen und auch die Milch ist wesentlich begrenzter haltbar“, so die Technologin.

Ein Pfandsystem mit der für Milch-Flaschen notwendigen Spülung und Sterilisation wäre weitaus aufwändiger als die konventionelle Verpackung. Ob Recycling oder Pfandsysteme generell effizienter seien, mag Dr. Stähle indes pauschal nicht beurteilen: „Das hängt auch vom Grad des Recyclings ab, der bei Glas beispielsweise sehr hoch ist oder im Fall von PET-Flaschen bei fast 100 Prozent liegt.“

Komplexe Thematik

Worin sich aber sowohl die Lebensmittelexpertin als auch die Aktivistin einig sind: Bioplastik, wie es bei Einweggeschirr verwendet wird, ist als Alternative nur eine Scheinlösung: „Es muss gesondert gesammelt und in einem bestimmen Verfahren enzymatisch abgebaut werden. Wenn Sie das auf dem heimischen Komposthaufen entsorgen, finden sie das noch in 10 Jahren unverändert vor“, erklärt die Technologin. Insgesamt bleibe das Thema komplex. „Die Zielkonflikte bei Geschirrkreisläufen und Hygiene beginnen bereits im Kopf der Verbraucher und sind praktisch schwierig miteinander zu vereinbaren.“

Haupt-Artikelbild (oben): Africa Studio – stock.adobe.com

Welche Funktionen Verpackungen haben, erklärt der Lebensmittelverband auch in einem Video:

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk, Nachhaltigkeit und Trends – von etablierten Unternehmen bis zu jungen Startups. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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