Von alten Sorten und Raritäten: Auf der Domäne Dahlem

Egal ob Frühlings-, Sommer-, Kartoffel- oder Kürbisfest, Erntedank oder Weihnachtsmarkt, jedes Berliner Kind sollte mindestens einmal im Jahr zur Domäne Dahlem fahren. Dabei ist der landwirtschaftliche Betrieb ein Hort alter Gemüse- und Obstsorten, sowie bedrohter Haustierrassen. Lebensmittelmagazin.de unterhält sich mit einer Landwirtin und einem Landwirt vor Ort.

Der Traktor mit den Praktikantinnen und Praktikanten des freiwilligen ökologischen Jahres tuckert vorbei, Astrid Masson unterbricht kurz das Gespräch, um sich mit den jungen Erwachsenen auszutauschen. Sie ist hier auf der Domäne Dahlem Landwirtin und neben Kartoffeln und Getreide zuständig für die Zucht und Haltung der vom Aussterben bedrohten alten Haustierrassen. Hauptgrund sei der Erhalt eines möglichst diversen Genpools.

Vielfalt als Zukunftschance

170 Rassen inklusive Geflügel findet man heutzutage auf der Roten Liste. Astrid Masson erklärt: „Typisches Beispiel ist das Sattelschwein, ein Speckschwein. Nach dem zweiten Weltkrieg in der Zeit des Wirtschaftswunders wuchs der Wunsch nach magerem Schweinefleisch. Bis dahin arbeiteten die Menschen mehr körperlich und ihre Ernährung war deswegen darauf ausgelegt, ihnen ordentlich Kalorien zur körperlichen Leistungsfähigkeit zu bringen. Innerhalb von zehn Jahren wandelte sich die Nachfrage hin zu magerem Fleisch. Das deutsche Edelschwein wurde dahingehend umgezüchtet und eine magere Rasse wie das Pietrain-Schwein war auf einmal in. Während ein Speckschwein wie das Sattelschwein einen Magerfleischanteil von 40 bis 55 Prozent aufweist, liegt dieser beim modernen Hybridschwein bei weit über 60 Prozent. Das sind mehr als 10 Prozent Unterschied im Fettanteil. Der hierzulande unbeliebte Speck wird günstig von Wurstfabrikanten aus Italien gekauft und landet anschließend als Pancetta veredelt wieder in der italienischen Feinkostabteilung.“ Faktoren wie der Klimawandel sorgen dafür, dass die Notwendigkeit des großen Genpools auch zukünftig bestehen bleibe, auch wenn der gegenwärtige Fokus auf nur wenige Rassen gerichtet sei. Astrid Masson lädt zum Spaziergang über das Gelände der Domäne Dahlem ein. Geflügelarten, wie das Minorkahuhn und der Deutsche Sperber, sowie Pommernenten kratzen in der Erde rund um das Hühnermobil. Im Schatten eines Baumes sammeln sich Bulgarische Schraubenhörnige Langhaarziegen und eine Herde Rauhwolliger Pommerscher Landschafe döst im Kleegras in der Mittagshitze.

Alles hat ein Ende

Ein paar Mütter schieben ihre Kinderwagen mit Kleinkindern an den Rindern vorbei, Rotes Höhenvieh, das gemächlich vor sich hin grast. Früher wurden diese Tiere dreifach genutzt: für Milch, Fleisch und als Zugkraft. Der Bulle wird diesen Herbst geschlachtet, ein bisschen scheint Astrid Masson dies zu bedauern. Gestern wurde ein Wurf Sattelschwein-Ferkel von der Mutter entwöhnt. Ab und zu, wie auch diese Woche Montag, fährt Astrid Masson in aller Herrgottsfrühe mit fünf Schweinen im Anhänger 70 Kilometer nach Brandenburg zum Landschlachthof Lehmann in Steinhöfel. Das Fleisch wird im Hofladen der Domäne Dahlem verkauft.

Herausforderung Hitze

Fast alle Tiere weiden auf Kleegrasflächen, die im Rahmen einer Fruchtfolge von sechs Jahren für zweieinhalb Jahre angebaut werden. Klee als Leguminose bindet durch Bakterien im Erdreich den Pflanzenhauptnährstoff Stickstoff und reichert den Boden mit organischer Substanz an, was den Boden für den darauffolgenden Gemüse- und Kartoffelanbau optimal vorbereitet. Im selben Herbst sähen sie dann Winterroggen, für die Ernte im darauffolgenden Sommer. Im Frühjahr wird in den wachsenden Roggen hinein bereits wieder das Kleegras für die nächsten drei Jahre gesät. Bislang werden lediglich das Gemüse und die Kartoffeln bewässert, das Kleegras höchstens im Ansaatjahr bei großer Trockenheit. Angesichts der Dürre blickt Astrid Masson mürrisch auf die Ponyweide. Große Grünflächen sind trocken, dafür leuchten dann die kleinen weißen Blüten eines anderen Krauts. „Das ist Graukresse, ihr bekommt die Trockenheit besser als anderen Pflanzen, sie zieht Nährstoffe aus dem Boden, aber die Tiere fressen sie nicht.“

Historischer Ort

Auf der Domäne Dahlem wird seit über 500 Jahren Landwirtschaft betrieben. Von den ursprünglichen 500 Hektar sind bis heute nur zehn Hektar übriggeblieben. Bis Mitte der 70er Jahre hatte die Freie Universität Berlin hier Versuchstierhaltung mit Vorzugsmilch-Verkauf. Davon sind bis heute umliegende Einrichtungen der Tiermedizin noch vorhanden. Eine Bürgerinitiative verhinderte erfolgreich den Verkauf des Landes als Bauland. Seitdem fungiert diese als Förderverein und die Domäne Dahlem ist jetzt als eigenständige Stiftung in öffentlicher Hand. 1996 wurde die bis dahin konventionelle eher hobbymäßige Landwirtschaft auf Bio umgestellt. Seit 1998 ist Astrid Masson auf dem Gehöft, nachdem sie in Lehre und Studium Landwirtschaft im Ökolandbau gelernt hat. Heute arbeitet sie zusammen mit einer Kollegin im Ackerbau und Viehzucht, vier weitere Kolleginnen und Kollegen bauen Gemüse, Kräuter und Obst an, ein Kollege arbeitet in der Maschinenwerkstatt. Eine große Hilfe in allen drei Bereichen sind die vielen Praktikantinnen und Praktikanten beispielsweise vom freiwilligen ökologischen Jahr. „Wobei meine Arbeit im Winter zu über 50 Prozent im Büro stattfindet und selbst im Sommer noch zu 30 Prozent aus Dokumentation und Nachweisen etc. besteht“, meint sie. Für den eher kleinen, dafür umso diverseren Betrieb sind Anträge, Tierarztbesuche und ähnliches aufwendiger und kostenintensiver als für Großbetriebe, die sich beispielsweise auf eine Tierart spezialisiert haben. Angesichts der geringen Anzahl der Tiere, werden die Jungtiere beispielsweise von den Muttertieren gesäugt, weshalb es auch keine Melkwirtschaft gibt. Das oberste Ziel der Domäne Dahlem ist die Vermittlung von Landwirtschaft an Kinder und Erwachsene, um mit Viehzucht, Ackerbau und der Natur in Berührung zu kommen, ökologische Zusammenhänge zu begreifen und Erfahrungen zu generieren.

Rein in die Kartoffeln

„Das Einzige was hier ein bisschen Geld einbringt sind Kartoffeln“, erklärt die Landwirtin. In wenigen Wochen ist Kartoffelfest auf der Domäne Dahlem, bis dahin müssen die Kartoffeln noch etwas wachsen. Auf 0,7 Hektar bauen die Landwirte „Linda“ an. Astrid Masson ist ein großer Linda-Fan: „Sehr aromatisch, lässt sich gut lagern, schmeckt hervorragend!“ Auf einem anderen Acker von 0,6 Hektar bauen sie im wahrsten Sinne des Wortes eine kunterbunte Mischung alter Kartoffelsorten an: Blauer Schwede, Heiderot – bei diesen beiden historischen Kartoffelsorten sind die Namen Programm – die allgemein hoch geschätzten Bamberger Hörnchen, aber auch eher unbekannte Sorten wie Ora, Aquila und Capella wachsen hier auf dem Acker.

Tomaten in allen Formen und Farben

Für den Anbau von 50 Gemüsekulturen und insgesamt 200 Sorten ist Markus Heiermann verantwortlich. Unter dem Dach einer Remise hängen Knoblauchbündel zum Trocknen, während in den Kisten darunter die verschiedensten Zwiebelsorten, z. B. Holländische Blutrote lagern. Auf dem Gut werden nicht nur alte Gemüsesorten angebaut, sondern auch Raritäten. Die Domäne Dahlem ist seit 2015 Teil des Saatguterhalternetzwerks Ost und verantwortlich für den Anbau und die Vermarktungsprüfung. Das Saatgut muss samenfest sein, hier gibt es keine Hybride. Im Gewächshaus zeigt der Landwirt seine Tomaten, wie die leuchtend rote Tica. Direkt daneben wächst die orangene Sonnenherz, eine üppige Ochsenherztomate. Optisch sehr beeindruckend sind die dunkelvioletten Indigo-Rose-Tomaten sowie die orange geflammte Flaschentomate Marmorossa.

Zukünftige Erdbeeren

Auf Regalwagen stehen Erdbeerpflänzchen, die darauf warten, angepflanzt zu werden. Landwirt Heiermann erklärt: „Die Erdbeerpflanzen werden jetzt Ende August als mehrjährige Pflanzen für zweieinhalb Jahre gesetzt. Danach tragen sie weniger Früchte.“ Auf den benachbarten Feldern wachsen unterschiedliche Kohlsorten, wie beispielsweise der Weißkohl „Dottenfelder Dauer“, eine alte Sorte, die aber etabliert ist. Stolz ist der Landwirt auch auf die Rarität Kalibos, ein roter Spitzkohl. Auch Heiermann hat mit dem Klimawandel zu kämpfen, gibt aber zu bedenken, dass Brandenburg schon immer eine Hitzeinsel war. Auf einem schlanken Streifen zeigen sich erste zarte Pflänzchen vom Feldsalat, der direkt ins Feld gesät wird, anstelle Jungpflanzen einzusetzen. Auf einem Drittel Hektar leuchten die ersten Hokkaido-Kürbisse unter dem Blattgrün hervor. Bauer Heiermann freut sich schon: „Auf dem Kürbisfest am 1. und 2. Oktober dürfen die Besucher selber ihren Kürbis ernten, der Andrang wächst von Jahr zu Jahr. Da müssen wir dann teilweise nachmittags den Leuten schon sagen, dass alles alle ist.“ Ebenso schön, wie appetitanregend stehen die Grünkohlpflanzen auf dem Acker, Schwarzkohl, wie der Nero di toscana und auch eine besonders schöne alte Sorte, mit dem Namen Lerchenzunge, von denen aber ein Großteil später in der Markthalle Neun in Berlin-Kreuzberg zu kaufen sein wird, noch stehen sie aber auf dem Acker und müssen wachsen und gedeihen.

Artikel-Teaserbild (oben): Domäne Dahlem

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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