Algenfarm in Sachsen-Anhalt

Aus der Glasröhre auf den Teller: Algen als Lebensmittel

Von der Sushirolle übers Gummibärchen zum ultimativen Superfood – Algen sollen bereits vor Jahrtausenden als Lebensmittel genutzt worden sein. Heute gelten sie als Lebensmittel der Zukunft und wachsen unter kontrollierten Bedingungen in futuristischen Algenfarmen. lebensmittelmagazin.de hat eine in Sachsen-Anhalt besucht.

„Ordinary agricultural will keep up with great difficulty and there will be ‘farms‘ turning to the more efficient microorganisms. Processed yeast and algae products will be available in a variety of flavors.“
„Konventionelle Landwirtschaft wird ihre Schwierigkeiten haben so weiterzumachen, dafür wird es Farmen geben, die sich den Mikroorganismen zuwenden. Es wird Produkte aus Hefen und Algen in verschiedenen Geschmacksrichtung geben“, sagte der Biochemiker und Science-Fiction- Autor Isaac Asimov 1964.

Alge in Lebensmitteln schon allgegenwärtig

Und er sollte recht behalten. Jetzt, rund 55 Jahre später, seien schätzungsweise in 70 Prozent aller verarbeiteten Lebensmittel Algen enthalten, sagt Jörg Ullmann, Algenexperte und Geschäftsführer einer Algenfarm im 10.000-Einwohner-Städtchen Klötze in Sachsen-Anhalt.

„Abgesehen vom Noriblatt beim Sushi, finden wir beispielsweise Carrageen oder Agar-Agar als Bindemittel in Puddings, Eis oder Joghurt, aber auch als Stabilisator in Frischkäse, Margarine oder Zahnpasta.“

Algenexperte Jörg Ullmann

Algenvielfalt mit riesigem Ernährungspotenzial

Der Algenzüchter sieht damit das Potenzial aber längst nicht ausgeschöpft: Der natürliche Gehalt an Kaliumchlorid und anderen Spurenelementen mache Algen – wie bestimmte Braunalgen und Seetang – zur Kochsalzalternative, zumindest können sie zu einer deutlichen Reduktion beitragen. Da der durchschnittliche Salzkonsum über den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation liege, könnte die Alge besonders für salzsensitive Menschen, etwa im Rehabereich oder in der Altenpflege, ein sinnvoller Einsatz sein. Nicht zu vergessen, sind Algen eine natürliche Jodquelle, wobei bei einigen Arten, wie etwa der Kombu-Alge, der Jodgehalt schon bei kleinsten Mengen über dem Tagesbedarf liegen kann.

Braunalge Wakame
Aus der japanischen Küche bekannt: Wakame, eine Braunalgenart. Foto: Lebensmittelverband Deutschland/Tobias Rücker

Für Veganer: Vitamin B12 aus Algen

Besonders für die vegane Ernährung interessant ist das bioverfügbare Vitamin B12 in der Chlorella-Alge. Im Vergleich zur Rinderleber, die 60 Mikrogramm auf 100 Gramm aufweist, kann Chlorella bis zu 100 bis 210 Mikrogramm enthalten. Auch als potenzielle alternative Proteinquelle der Zukunft sind Algen zusammen mit Insekten bereits in der Europäischen Strategie zur Förderung von Eiweißalternativen verankert. In dem Zusammenhang kann auf die Nachhaltigkeit und Klimabilanz bei der Proteinproduktion hingewiesen werden: Der Wasserverbrauch bei der Zucht von Rindern liege um ein 828-faches höher als bei gleicher Menge Algen. Ähnliches gelte für den Kohlendioxidverbrauch pro Kilogramm Protein, der bei Algen bei 0,36 bis 3,6 liege, während er bei Rindfleisch bei 75 bis 210 aufs Kilogramm Protein liege, so das Unternehmen Evasis edibles, das Getränke und Knabberartikel mit Algen herstellt.

Mikroalge Chlorella als Butter- und Eiersatz

Chlorella kann sogar im Gebäck Butter und Eier ersetzen, was sich für eine Ernährung bei Adipositas oder Verzicht auf tierische Lebensmittel anbietet. Eine Blindverkostung hat sogar einen frischeren und fluffigeren Geschmack des Teiges mit Chlorella im Gegensatz zum Teig mit Butter und Eiern gezeigt. Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass Spirulinablau, die Trendzutat 2018, sowie die grüne Chlorella als Lebensmittelfarbe eine natürliche Alternative für künstliche Farbstoffe in Lebensmitteln bietet. Als Lebensmittel werden darüber hinaus gerade Algen erprobt, die nach Speck schmecken sollen. In Frankreich gibt es zudem schon vegetarischen Lachs aus Mikroalge.

Algenpulver und Algenprodukte
Knallige Farben: Pulver aus Mikroalgen Chlorella und Spirulina und Algen-Lebensmittel.
Foto: Lebensmittelverband Deutschland/Tobias Rücker

Mikroalgen – Wirtschaftliche Terra incognita

Jörg Ullmann ist heute bundesweit Ansprechpartner für Mikroalgen. Trotz Abschluss in Biologie ist sein heutiger Erfolg das Ergebnis harter Arbeit: „Im Gegenteil, das waren im Biologiestudium die langweiligsten Vorlesungen. Ich hatte von Algen kaum eine Ahnung als ich hier als Geschäftsführer anfing“, schmunzelt der Algenfarmer. Die gesamte Anlage in Klötze ist das Überbleibsel eines gescheiterten Forschungsprojekts. Die erste Pilotanlage wurde 1999 gebaut und sollte das Kohlendioxid eines Kraftwerks neutralisieren. Dann erkannte man, dass die Kapazitäten längst nicht ausreichen. Man hätte dazu die Fläche vom Saarland mit Röhren vollstellen müssen.

Algenproduktion in 500 Kilometern Glasröhren

Die Anlage hatte aber gegenüber den sonst üblichen Open Ponds in Asien den erheblichen Vorteil, dass zum einen die Algen in den Glasröhren von allen Seiten Licht bekommen, anstelle nur an der Oberfläche. Zum anderen ist das geschlossene System wesentlich sicherer gegenüber Umwelteinflüssen.

Algenfarm in Klötze
Algenfarm in Klötze: Das 500 Kilometer lange Glasröhrensystem bietet der Mikroalge Chlorella optimale Wachstumsbedingungen.
Foto: lebensmittelmagazin.de/Thomas Fiege

Durch ein 500 Kilometer langes Röhrensystem werden jeden Tag 600.000 Liter grünes Chlorella-Wasser gepumpt. Die Alge wächst so rasant, dass sie sich in kürzester Zeit potenziert. So kann alle drei Tage ungefähr ein Drittel der Biomasse geerntet und in der Zentrifuge vom überschüssigen Wasser befreit werden. Mit 17 Mitarbeitern arbeitet Jörg Ullmann auf der insgesamt 1,2 Hektar großen Anlage.

Anzucht der Algen in beleuchteten Schläuchen
Futuristisch: Anzucht der Algen in beleuchteten Schläuchen.
Foto: lebensmittelmagazin.de/Thomas Fiege

Akzeptanz für Algen in Lebensmitteln

„Am Anfang gab es kaum Kunden, keine etablierten Vertriebswege. Das Thema ‚Alge‘ war nur wenigen bekannt“, resümiert Ullmann. „Wir mussten uns was einfallen lassen, um überhaupt eine Nachfrage zu generieren, zum Beispiel mit populärwissenschaftlichen Publikationen oder Messeauftritten. Damals vor 15 Jahren war es mir sehr wichtig, die Algen als Nahrungsergänzungsmittel aus der Esoterikecke rauszuholen.“ Anfänglich gab es Herausforderungen bei der Akzeptanz:

„Mir haben die Lebensmittelfirmen am Anfang gesagt, wie schwer es sei, grüne Algen in Lebensmittel an den Mann zu bringen, denn grün galt als Warnfarbe. “

Aber: „Das hat sich seit sieben bis acht Jahren mit dem Aufkommen von Green Smoothies natürlich vollkommen geändert. Inzwischen reicht allein schon die Aufschrift ‚enthält Spirulina‘ als Werbemittel “ , sagt Jörg Ullmann. Zudem müsse beachtet werden, dass der Algenanbau agrarökonomisch noch in den Kinderschuhen steckte. Denn den industrialisierten Anbau gibt es erst seit 70 Jahren und auch die Anlage von Jörg Ullmann ist ein Prototyp. „Das bedeutete vor allem, dass, egal wohin ich geschaut habe, überall Neuland war, weiße Flecken auf der Landkarte, sodass ich kaum Orientierungspunkte hatte. Ich hatte aber nebenbei Innovationsmanagement studiert, sodass diese Herausforderung genau die richtige für mich war.“

Algenexperte Jörg Ullmann
Algenexperte Jörg Ullmann bereitet vor Publikum Speisen mit Mikroalge zu. Hier einen Shake mit Spirulina.
Foto: Lebensmittelverband Deutschland/Tobias Rücker

Lange Verzehrstradition bei Algen

Gegenüber sonstigen Landpflanzen haben Algen eine bis zu 30 Mal größere Wachstumsrate. 50.000 Arten von Algen sind bekannt, vermutlich gibt es aber zehnmal mehr und bisher werden von dieser Vielfalt nur etwa 100 Arten wirtschaftlich genutzt. Dabei haben Menschen wohl schon immer Algen verzehrt, sofern diese vorhanden waren. So fanden Wissenschaftler im Jahr 2008 circa 14.000 Jahre alte Funde von Algen an den Feuerstellen der Erstbesiedler Südamerikas, wobei einige davon zwar nicht essbar, aber bis heute von den einheimischen als Heilpflanzen genutzt werden. Dieser Fund unterstützt eine These zur Besiedlung des amerikanischen Kontinents, die sogenannte Kelp-Highway-Hypothese, die einen Zusammenhang zwischen der Erstbesiedlung Amerikas und den dortigen Ressourcen an Algen als leicht verfügbare Nahrungsquelle herstellt.

Zukunftslebensmittel Alge

Tatsächlich werden Algen aber zukünftig eine noch größere Rolle spielen, denn bei Bevölkerungswachstum und damit verbundenen Konsumwachstum sinkt gleichzeitig die Agrarfläche pro Kopf. Ein Ausweichen auf die Ozeane, die immerhin 70 Prozent der Erdoberfläche ausmachen, ist wahrscheinlich unumgänglich. Jörg Ullmann erklärt, dass allein zwei Prozent der Wasserfläche zehn Milliarden Menschen mit Algen ernähren könnte, wobei er zugibt, dass der wirtschaftliche und technologische Aufwand dies zurzeit noch nicht leisten könnte. Aber selbst unabhängig von fruchtbaren Böden können Algen an Land angebaut werden. In der Wüste Arava in Israel steht bereits eine solche Algenproduktionsanlage. Gegenwärtig sind China, Indonesien und die Philippinen die Hauptanbauländer für Algen. Und auch Jörg Ullmann baut zusammen mit Partnern eine zweite Algenfarm – in Neustadt-Glewe in Mecklenburg-Vorpommern.

– Wie eine Aquaponik-Farm Fisch und Basilikum im Kreislauf produziert, liest du hier. –

Video: Wie sieht es auf einer Algenfarm aus?

Wie es auf einer Algenfarm aussieht und wie dort Algen produziert werden, zeigen wir im Video:

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