Erdbeeren im Gewächshaus

Blockchain für Lebensmittel: Freie Sicht auf Lieferketten?

Blockchain steht nicht nur für Kryptorwährungen. Die Technologie ist auch für den Lebensmittelbereich hochinteressant, zum Beispiel für eine schnelle und lückenlose Rückverfolgung. Einer der Lösungsanbieter ist IBM mit „IBM Food Trust“. Welche Chancen und Herausforderungen gibt es?

Bei Bitcoins mag so Manche:r zunächst an Darknetwährung denken, oder aber an Finanzinverstitionen im ständigen Auf und Ab. Dass die Technologie dahinter beispielsweise auch für effiziente Unternehmens- und Verbraucherinformation ihren Einsatz findet, ist vielen nicht bekannt – ein Stück Überzeugungsarbeit für Blockchain-Anbieter wie IBM. „Einmal den QR-Code mit dem Smartphone gelesen, erfährt der Kunde sofort, ob das Hühnchen mit Antibiotikum gemästet oder Gemüse und Obst mit Glyphosat besprüht wurden“, verspricht Christian Schultze-Wolters von IBM Deutschland. Möglich mache dies Blockchain-Technologie. Schultze-Wolters erklärt: „Es geht um Effizienz von Unternehmensinformation und -kommunikation. Handelswege führen rund um den Globus und innerhalb dieser komplexen Strukturen kennen sich oftmals die Handelspartner nicht. Blockchain soll Vertrauen durch Transparenz schaffen, innerhalb der Lieferkette aber auch für den Verbraucher, es geht um Datenaustausch innerhalb bestimmter Parameter.“

Blockchain – was ist das?

Lieferketten auf Blockchain-Grundlage haben besondere Eigenschaften, die sie vom klassischen Weg unterscheidet. Zunächst ist da die dezentrale Datenhaltung. Anders als bei zentral arbeitenden Systemen laufen nirgendwo alle Daten zusammen, sondern bleiben bei den Unternehmen. Dabei fügt jedes der teilnehmenden Unternehmen die Daten fest und unveränderlich in die Kette ein. Bei nachträglichen Änderungen müssten alle Teile der Kette zustimmen. Somit besteht praktisch keine Möglichkeit der Manipulation. Im Falle eines Fehlers werden die Korrekturen angefügt mit jeweiligem Verweis. Lieferketten, Zahlungen und vieles mehr werden dadurch nachvollziehbar. Eine doppelte Verschlüsselung der Daten schafft Sicherheit für die Unternehmen, um zu gewährleisten, dass sensible Daten nur für die vorgesehenen Partner einsehbar bleiben. Grundlage für viele Blockchain-Anwendungen ist die Open-Source-Technologie Hyperledger Fabric, ein Projekt mit dem Ziel, branchenübergreifende Blockchain-Technologien zu fördern.

Eine Branchenlösung der Blockchain-Initative von IBM, einem der Mitentwickler von Hyperledger, nennt sich IBM Food Trust. „Hierbei nutzen wir eine Blockchain-Technologie, die man mit Bitcoin – anonym, offen für jedermann und extrem energieineffizient – nicht vergleichen kann. IBM Food Trust bietet eine private Blockchain-Variante, jedes Unternehmen, das partizipiert, ist transparent und bestimmt selber über die individuelle Rechtevergabe“, erklärt der Geschäftsbereichsleiter Blockchain Solutions für die DACH-Region.

Die genetische Nadel im Heuhaufen

Auf den Einwand, dass Food Trust natürliche Grenzen durch Mischungen oder Verschnitte gesteckt seien, etwa bei Wein oder Kaffee, hat der IT-Experte eine beeindruckende Überraschung parat: Das britische Unternehmen Marks & Spencer habe seine Burger-Pattys mit Hilfe des Unternehmens IdentiGEN mit Hauptsitz in Dublin genetisch entschlüsseln lassen, um so aus der Burger-DNA jedes darin verarbeitete Tier identifizieren zu können. „In der Schweiz liefert IdentiGEN die technologische Plattform, um für Proviande, den Branchenverband der Schweizer Fleischindustrie, die 100-prozentige Rückverfolgbarkeit für Rindfleisch vom Bauernhof bis zum Steak auf dem Teller sicherstellen zu können. Dasselbe Prinzip ließe sich analog für Schweine und Hühner realisieren und dann in einem nächsten Schritt in Abstimmung mit den jeweiligen Unternehmen mit den Daten von IBM Food Trust logisch verbinden“, erklärt Christian Schultze-Wolters.

Von Farm und Schiff bis zu den Verbraucher:innen

Darüber hinaus verweist das Unternehmen auf das eigene Kaffeeprojekt mit Farmer Connect: Die App Thank my Farmer soll direkt ermitteln können, woher der morgendliche Kaffee stammt.

Video von IBM zur Blockchain von der Kaffeefarmerin bis zum Verbraucher mit „Farmer Connect“.

Besondere Bedeutung habe Blockchain für Fisch und Meeresfrüchte, besonders verderbliche Lebensmittel. Hier sei Blockchain eine sinnvolle Maßnahme zur Vertrauensbildung bei Verbraucher:innen für Firmen wie das US-Fischereiunternehmen Raw Seafoods. 

Video von IBM zur Blockchain für Jakobsmuscheln für „Raw Seafoods“

Transparenz vom Feld zum Endkunden

Vom Bauern über Zwischenhändler, Importeure, Handel bis zum Endkunden sollen die Lieferketten via Blockchain nachzuvollziehen sein. Die Dateneingabe bei den Landwirten und Plantagenbesitzern ist über Smartphones zu realisieren, im Zweifelsfall über die Datensammlung sogenannter Info-Spread-Files. Weltweit haben sich innerhalb der letzten anderthalb Jahre 200 Unternehmen an diesem Projekt beteiligt, darunter die Handelsriesen Walmart und Carrefour. „In Deutschland tun sich die Unternehmen bedauerlicherweise schwer damit, während zahlreiche Unternehmen im europäischen Ausland, zum Beispiel in der Schweiz, in Frankreich und in Spanien, sich schon seit längerem engagieren. Dort wiederum entwickelt sich Blockchain zur Erfolgsgeschichte. Das Feedback von Carrefour zeigt, dass sich Produkte auf der Blockchain besser verkaufen als die übrigen, manche sogar doppelt so gut wie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum“, so Schultze-Wolters. Das Ziel des Handelsunternehmens sei es, bis 2022 sämtliche der 400 Hausmarken-Produkte auf die Blockchain-Plattform zu bringen.

Blockchain in der Lebensmittelwirtschaft in Deutschland

Bei der Frage, welche der deutschen Handelsketten bereits partizipieren, muss Experte Schultze-Wolters passen. „Wir diskutieren mit verschiedenen deutschen Behörden und Unternehmen, wo und wie sich diese blockchainbasierte Lösung in Deutschland einführen lässt. Abgesehen von den umfangreichen Informationen zur Verbraucheraufklärung hat die Blockchain-Technik mit ihren Möglichkeiten der Rückverfolgbarkeit eine große Bedeutung für Lebensmittelsicherheit“. Doch die deutschen Unternehmen seien eher zurückhaltend, „während Frankreich die neuen technischen Möglichkeiten von IBM Food Trust freudig annimmt und ausbaut.“ 

Laut einer Studie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) in Kooperation mit dem Digitalverband Bitkom aus dem Jahr 2019 haben 3 Prozent der befragten Unternehmen der Lebensmittelindustrie derzeit Blockchain-Technologie im Einsatz. 4 Prozent geben an, einen zukünftigen Einsatz zu planen.

Derzeitiger und geplanter Einsatz digitaler Technologien in der Lebensmittelindustrie
Derzeitiger und geplanter Einsatz digitaler Technologien in der Lebensmittelindustrie.
Quelle: BVE/Bitkom (Pressemitteilung)

German Angst versus Effizienz

Für Christian Schultze-Wolters sind die Ursachen für die Zurückhaltung eher emotionaler Natur: Deutsche seien gegenüber neuer Technologien nach wie vor eher vorsichtig. Bei der Digitalisierung gehöre Deutschland europaweit zum Schlusslicht. Und er bemerkt: „Dazu kommt, dass die Deutschen bei Lebensmitteln insgesamt weniger Wert auf Qualität legen und dafür auch weniger Geld ausgeben, im Vergleich zu ihren südlichen Nachbarn. Kundenbindung erreicht man hier eher über den Preis.“ Mit Blick auf Rückverfolgbarkeit in Krisenfällen fügt er hinzu: „Wenn man die Möglichkeiten bei der Lebensmittelsicherheit bedenkt, muss man feststellen: Wilke hat nicht gereicht!“ – und spielt damit auf den Lebensmittelskandal beim Wursthersteller Wilke im Jahr 2019 an.

Risiko Sourcing?

Tatsächlich gibt es in der Wirtschaft auch Vorbehalte gegenüber Blockchain-Technologie. Dr. Markus Weck, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands der Gewürzindustrie, beschreibt die Bedenken der Branche: „In erster Linie geht es dabei um das Sourcing. Gerade bei Gewürzen laufen die Wege über viele Zwischenhändler. Hier besteht die Befürchtung und das Risiko, das Teile der Kette dann ein oder zwei Stufen dabei überspringen wollen.“ Hinzu komme der technische Aspekt bzw. der Aufwand: „Ein Beispiel ist hier eine Gegend wie Südindien: Hier hat jeder zwar sein Handy, aber die Gewürze gehen durch viele Hände. Das wären dann schon mal drei bis fünf offizielle Zwischenhändler, bevor die Ware überhaupt den Subkontinent verlässt. Und dann ist es so, wenn man regionale Spezialitäten wie Malabarpfeffer mal beiseitelässt, dann kauft man Pfeffer als Pfeffer, egal ob der aus Brasilien oder Indien kommt.“

Wie sicher ist sicher sicher?

Christian Schultze-Wolters von IBM Food Trust ist von der Sicherheit seiner Blockchain-Technologie überzeugt, deutsche Unternehmen halten sich aufgrund des Schutzes ihrer Unternehmensbeziehungen bedeckt. Frank Bolten vom Mitbewerber Chainstep schreibt in einer E-Mail: „Wesentlich ist bei vielen anderen Initiativen, dass – anders als bei Hyperledger – eine dezentrale Governance angestrebt wird. Dies ist anspruchsvoller, hat aber die Vorteile, dass das Trustlevel und die ‚ausbalancierte Involvierung‘ der Teilnehmenden erhöht sind.“ Ab wann ist ‚sicher‚ sicher genug?

Artikelbild (oben): SUPERMAO – stock.adobe.com

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk, Nachhaltigkeit und Trends – von etablierten Unternehmen bis zu jungen Startups. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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