Salat aus Hydrokultur.

Salat aus Hydrokultur: Unterrichtsstunde in Zukunftsessen

Pflanzen tief unten im Keller, alten Lagerhallen oder auf Hochhausdächern? Losgelöst vom Mutterboden, unabhängig von Witterung und Fläche bietet Hydroponik eine Antwort auf die Frage „Was essen wir zukünftig?“ Wir haben den Vertical-Farming-Workshop von Good Bank besucht.

Mitten im Wedding, zwischen Späti und Handyshop, liegt die Dependance von Good Bank -farm fiction. Es ist ein verregneter Freitagnachmittag und die Geschäftsführerin Ema Paulin hält ihren ersten Workshop zu Vertical Farming, die Spezialität ihres Restaurants, wo das Gemüse auch direkt vor Ort angebaut und geerntet wird. 

Die Teilnehmenden des Workshops sind bunt gemischt: Eine Abiturientin schreibt demnächst ihre Arbeit über Vertical Farming, ein anderer plant demnächst Vertical Farming im Haus der Statistik am Alexanderplatz im Rahmen einer gemeinnützigen Organisation zu installieren, ein Startup-Gründer ist extra aus Leipzig angereist, ein älterer Herr berichtet, dass er in seinem Haus direkt unter einem heißen Dach schon seit zehn Jahren lebt und plant, mittels Vertical Farming für Kühlung darunter zu sorgen.

Was ist Hydroponik?

Auch Ema Paulin stellt sich und ihr Restaurant vor und die Idee des Wandels vom Restaurant zur Food-Tech-Marke. In ihren inzwischen drei über Berlin verteilten Restaurants beherbergt sie insgesamt zwölf Farmen sowie sechs Sonderfarmen für Pilze. Leichte Irritation über den Begriff, aber Ema Paulin klärt rasch auf: Mit Farm meint sie die einzelne Vitrine. Zwei solche brummen sonor in der Ecke des Raums. Unter dem strahlend-weißen Licht zahlloser LEDs wachsen Salatköpfe in Reihe und Glied in vier Etagen übereinander.

„Vertical Farming bedeutet zuallererst, dass man in die Höhe arbeitet. “

Ema Paulin, Hydroponik-Expertin und Geschäftsführerin Good Bank

Aber was macht Vertical Farming aus und was ist Hydroponik? „Vertical Farming bedeutet zuallererst, dass man in die Höhe arbeitet, indem man in mehreren Lagen übereinander anpflanzt und so vom Boden unabhängig wird,“ erklärt die Pionierin. Eine Möglichkeit der Bewirtschaftung ist hierbei die Hydroponik: Pflanzen wachsen ohne Boden und ziehen die Nährstoffe direkt aus einer wässrigen Nährlösung. Sie zeigt in der Power-Point-Präsentation ein System von Amazon, das entfernt an einen Heizkörper erinnert. Durch dessen Röhrensystem fließt die Nährlösung und in regelmäßigen Abständen wachsen die Pflänzchen aus Löchern heraus. Daneben gibt es noch Aeroponik, bei dem die Wurzeln lediglich in der Luft mit Nährstoffen eingenebelt werden.

Salat in der Hydroponik-Farm
Hier wächst der Salat in der Hydroponik-Farm, versorgt durch Nährlösung und Licht von LEDs.
Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

Ein interessantes Detail dabei ist, dass sich diese Pflanzmethode und Bio-Landwirtschaft gegenwärtig gegenseitig ausschließen, da das Bio-Siegel den Anbau im Boden vorschreibt.

Hydroponik für alle

Der wichtigste Unterschied für Ema Paulin beim Urban Farming zum Urban Gardening „ist die Wirtschaftlichkeit, die dem Projekt zugrunde liegt und sich so vom Hobby unterscheidet“. Wie als Beweis präsentiert sie die Konzepte weltweiter Mitbewerber: Das französische Unternehmen agricool beispielsweise, das Erdbeeren in mobilen Containern züchtet, oder auch die Aquaponik-Farm von ECF Berlin, der Hauptstadtbarsch inklusive Basilikum-Zucht.

Ernte von Salat in der Hydroponik-Farm
Direkt aus der „Farm“ auf den Teller: Frisch geernteter Salat.
Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

Die Inhaberin von Good Bank ist davon überzeugt, dass Hydroponik massentauglich ist, immerhin hat der Möbelriese Ikea bereits solche Starterkits im Angebot. Sie bedauert jedoch, dass die Methoden noch keinen Zugang zur allgemeinen Bevölkerung gefunden haben. „Die größte Herausforderung dabei ist, wie so oft, der Preis“. Dabei liege sie bei den Kosten eines Salatkopfes lediglich 20 Prozent über den Kosten des Zulieferers. Waren die Energiekosten für Pflanzlichter in der Vergangenheit immens, laufen die Farmen gegenwärtig bei 0,3 Kilowattstunden. „Dabei versprechen die Entwicklungen der nächsten Generation von Farmen, dass die Energiebilanz einen Bruchteil dessen bieten wird.“

Hydrokultur-Salat in der Bowl
Das Grüne in dieser Salat-Bowl kommt stammt aus Hydrokultur im selben Raum.
Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

Policy durch Wasserpflanzung

Abgesehen von der Kommerztauglichkeit sieht Ema Paulin politisches Potenzial: Vertical Farming böte den Verbraucher:innen enormes Potenzial an Autarkie. „Da hatte ich die gegenwärtige Situation der Corona-Panik-Hamsterkäufe noch gar nicht miteinbezogen.“ Außerdem fördere Vertical Farming die Arbeit von Frauen. Als Beispiel präsentierte sie eine kenianische Community, Tule Yvema, bei der Frauen mittels Urban Farming erfolgreich gegen Mangelernährung vorgehen. Trotzdem sieht Ema Paulin den Durchbruch kritisch: Um Urban Farming zu etablieren, „muss die Anlage so low tech wie möglich sein, dabei aber bestmöglich effektiv.“

Einfache Hydroponik für Zuhause
Einfache Hydroponik für Zuhause.
Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

Dass dies kein Ding der Unmöglichkeit ist, demonstriert die Good-Bank-Inhaberin mit den DIY-Hydroponics nach der Kratky-Methode: In den Hals eines mit Nährlösung gefüllten Marmeladenglases kommt eine teesiebähnliche Konstruktion, die wiederum Steinwolle mit einem Setzling beinhaltet; ein prachtvoller Salatkopf wird versprochen.

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Landwirtschaft und Lebensmittelhandwerk, Nachhaltigkeit und Trends – von etablierten Unternehmen bis zu jungen Startups. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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