Grüne Woche 2024 – Hunger auf Neues

Aus allen Ecken der Republik sowie aus 61 Ländern weltweit präsentieren sich auf der Grünen Woche in Berlin über 1.400 Ausstellerinnen und Aussteller auf mannigfaltige Art und Weise, sei es kulinarisch, landwirtschaftlich oder auch politisch. Lebensmittelmagazin.de probiert sich abseits des verbandseigenen Stands „Zukunft schmeckt“ durch.

Essen bedeutet nicht nur Genuss und Schlemmerei, wie in den zahllosen Länderhallen mit ihren regionalen Köstlichkeiten und dem einen oder anderen alkoholhaltigen Getränk, sondern Essen ist längst auch politisch. Das zeigt sich beispielsweise in der Halle des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Hier kann man am Stand der Hochschule Bremerhaven die wissenschaftlichen Untersuchungen zur Zuckerreduktion sehen, unter anderem am Beispiel eines Knusper-Hafer-Müslis, bei dem der Rübenzucker durch Reissirup ersetzt und die Bindung durch Ackerbohnenmehl und Haferschrot gewährleistet wird. Am Ende haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ein Müsli stehen, dass im Vergleich zu handelsüblichen Müslis um 30 Prozent zuckerreduziert ist. Auch in Halle 3.2. präsentieren Unternehmen und Thinktanks sowie staatliche Institutionen wie das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) ihre Lösungsansätze für mehr Nachhaltigkeit und Sicherheit. Das BfR hat dieses Jahr beispielsweise Kinder als besondere Verbrauchergruppe für die Risikobewertung von Lebensmitteln im Fokus, was man direkt am farbenfrohen Stand mit allerlei Aktivitäten wie der „Heiße Draht“ oder „Hau-den-Lukas“ erkennt. Die Arbeitsgemeinschaft für Wirkstoffe in der Tierernährung e.V. hingegen zeigt, wie Futtermittelzusätze helfen sollen, die CO2-Emissionen in der Viehzucht zu reduzieren. Mit Enzymen wird dabei die tierische Verstoffwechselung der Nahrung zu Methan und Kohlenstoff geblockt und anderweitig ausgeschieden. Da gerade Viehzucht als besonders belastend für das Klima gilt, könnte dies ein sehr wichtiger Beitrag sein.

Grüne Woche: Kartoffelpüree im Noriblatt eingerollt mit einem Herz aus Gurke und Avocado, getoppt mit geflämmtem Rindfleisch mit Teriyaki-Soße und Mayonnaise
Ein ungewöhnliche kulinarische Kombination nur auf der Grünen Woche: Sushi Mit Kartoffelpüree statt Reis.
Foto: Johannes S. – lebensmittelmagazin.de

Köstlich, köstlich

Auf der Grünen Woche findet man an allen Ecken und Enden kulinarische Köstlichkeiten, die den Stolz der Produzentinnen und Produzenten für ihre Waren zeigen. So gehört sicherlich das Kartoffelsushi der Landjugend Niedersachsen zu den außergewöhnlichen Köstlichkeiten, die extra für die Messe als spezielles Crossover entwickelt wurden: Kartoffelpüree im Noriblatt eingerollt mit einem Herz aus Gurke und Avocado, getoppt mit geflämmtem Rindfleisch mit Teriyaki-Soße und Mayonnaise – deutsche Provinz trifft Zen-Taste.

In der Niedersachsenhalle kann man außerdem eine neuartige Alternative zum Teebeutel finden. Das Unternehmen Tea Blobs aus Rosengarten bei Hannover präsentiert gleichnamige Pillen, die einmal im Becher mit heißen Wasser angerührt einen leckeren Tee ergeben. Tee, sowohl in allen Varianten vom Teestrauch wie auch Kräuter- und Früchtetees, werden ähnlich wie Matcha Pulver vermahlen und als Tabletten zusammengepresst. Einzig auf dem Boden der Tasse bildet sich etwas Teesatz der laut Hersteller entweder mit verzehrt, in die Blumen, oder einfach in den Ausguss gekippt werden kann. Es soll Menschen geben, die daraus sogar die Zukunft lesen können. Das Produkt kann man zwar nicht mit dem Aufguss loser Teeblätter vergleichen, aber zum Verreisen ist es eine tolle Alternative.

Grüne Woche: Tea Blobs in verschiedenen Geschmacksrichtungen ausgestellt.
Tea Blobs müssen einfach nur mit heißem Wasser angerührt werden, eine Alternative zum Teebeutel ohne Abfall.
Foto: Johannes S. – lebensmittelmagazin.de

Grünes Wunder

Gestern noch Novel Food, heute schon als eigene Zucht auf der Fensterbank: Die Mikroalge Spirulina, eine interessante Proteinquelle reich an Vitaminen und Mineralstoffen, ist anscheinend im Alltag angekommen. Das Startup My-Spirulina in Kollaboration mit der Uni Kiel hat ein Zuchttool entwickelt, bei dem jeder demnächst seine eigene Spirulina züchten kann, um sie frisch in die Küche zu integrieren. Frische Spirulina bietet im Gegensatz zu den getrockneten Präparaten noch bioaktive Moleküle, die das Essen bereichern sollen.

Bäcker Hannes Behrens in der Halle von Mecklenburg-Vorpommern verwendet es längst in seinen leuchtend grünen Brötchen, die mit Spirulina angereichert sind. Algen findet man mittlerweile häufiger, bei den Schweden kommt zum Beispiel auch Zuckertang, eine Makroalge, zum Knuspern ins Knäckebrot. Schweden bietet aber noch viel mehr Spannendes zum Probieren, nämlich Birkensekt, Björksoda genannt, nach der Champagnermethode fermentierter Birkensaft, aufgrund des niedrigen Zuckergehalts allerdings quasi alkoholfrei. Dafür wartet das Getränk aber mit Kohlensäure und interessantem Umami-Geschmack auf, was insgesamt an Sparkling Sake erinnerte. Birkenwinzerin Martina Ängabackens erklärt: „Im Frühjahr, wenn die Birkenknospen blühen, wird der mineralstoffreiche Birkensaft gezapft und als Erfrischungsgetränk konsumiert. Das Wissen, dass man diesen fermentieren kann, ist bei uns in Schweden zwar verloren gegangen, aber beispielsweise in Lettland nach wie vor populär.“

Döner macht schöner

Wesentlich bekannter als typisches Berliner Gericht erlebt der Döner Kebab hier und da Erneuerungen. Am „Zukunft schmeckt“-Stand der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie und des Lebensmittelverbands Deutschland ließ sich der vegane Döner Kebab von The Vegetarian Butcher verkosten. In der Thüringenhalle präsentiert das Start-up Alzarro den Döner Kebab für zu Hause, das Gericht wird im Ganzen vorgegart angeboten und muss in der heimischen Küche nur noch fertig gebacken werden – alles bereits drin, inklusive Salat und Soße. In der Schweizerhalle wird der Cheebab angeboten. Statt würzigem Kebab kann man hier gegrillten Emmentaler in klassischer Döner-Kombi genießen. Wobei, so klassisch ist die Kombi dann gar nicht, denn die Schweiz packt auch Dosenmais in den Döner Kebab. Kann man machen, muss man nicht, sei aber in der Schweiz normal.

Der Schweizer Döner mit gegrilltem Emmentaler und Mais.
Der Schweizer Döner mit gegrilltem Emmentaler und Mais, internationale Kulinarik auf der Grünen Woche.
Foto: Johannes S. – lebensmittelmagazin.de

Spiel, Spaß und Spannung

Neben Politik und Kulinarik richtet sich ein Großteil des Angebots vor allem an (Schul-) Kinder und Familien. So können die kleinen Besucherinnen und Besucher etwa am Stand des Bundesentwicklungsministeriums (BMZ) und dessen Partnern wie dem WWF, Fairtrade Deutschland, Brot für die Welt, Misereor, NABU, die Welthungerhilfe, die International Coffee Cooperation und das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen eine Kinder-Rallye zu relevanten Aspekten der weltweiten landwirtschaftlichen Produktions- und Lebensbedingungen sowie der internationalen entwicklungspolitischen Zusammenarbeit machen.

Nach ein wenig Anlauf aufgrund pandemiebedingter Pause, können die Unternehmen nun angesichts ökonomischer und weltpolitischer Herausforderungen ihr Potenzial an Wagemut und Innovationen zeigen. Ein schönes Beispiel dafür ist der Thüringer Kloßdonut:
Dieser wurde vor der Grünen Woche in allen Medien groß angekündigt –  Schadinis aus Gotha –  Klöße in Herzchen und Donutform. Nicht die Form ist das besondere dieser Klöße, sondern der geheime, patentierte neue Produktionsweg. Die Klöße müssen nicht mehr kühl gelagert werden und haben eine verlängerte Haltbarkeit von insgesamt vier Monaten. Sie werden in der Produktion wesentlich energieärmer hergestellt und der Anteil an Acrylamid konnte ebenfalls gesenkt werden. Durch die Produktionsmodifikation sind sie außerdem unabhängiger von der Kartoffelqualität wie etwa dem Stärkegehalt. Zudem schmecken diese neuen Thüringer Klöße richtig köstlich – eine kleine Revolution, immerhin bei Kartoffelkloß und Co.

Die diesjährige Grüne Woche neigt sich dem Ende entgegen, bietet aber allen Interessierten noch dieses Wochenende die Möglichkeit ihre Hallen zu erkunden. Ein Besuch lohnt sich in jedem Fall.

Artikel-Teaserbild (oben): Messe Berlin GmbH

About Johannes

Johannes schreibt seit 2019 als Reporter für lebensmittelmagazin.de. Seine Themenschwerpunkte sind Lebensmittelhandwerk, Lebensmittelindustrie und Gastronomie und hier besonders Nachhaltigkeit und Trends. Zudem ist er für die Berichte vor Ort zuständig.

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