Streit um die Tonne – im Kampf gegen Lebensmittelverschwendung

Für die Einen ist Containern der schlimmste, ekelherpeserregende Alptraum, für die Anderen sind die Mülltaucher verwegene Helden zur Errettung essbarer Lebensmittel.

„Ja, Containern kommt manchmal bei uns vor, wir kennen diejenigen aber und sagen jedes Mal, dass sie davon krank werden können“, seufzt der Gemüsehändler am Checkpoint Charlie. Neben der Eingangstür seines Geschäfts unter der Obstauslage steht eine Holzkiste mit angegangenem Obst, das für den Verkauf nicht mehr geeignet ist. Man darf sich daraus kostenlos bedienen. „Abends kommt foodsharing, das ist mit denen schon lange so ausgemacht.“ Die Polizei ruft er nicht, wenn er jemanden beim Containern erwischt. Könnte er aber, denn Containern ist nach wie vor eine Straftat in der Bundesrepublik. Die Debatte über Lebensmittelverschwendung entzündete sich unlängst wieder über den Beschluss, Containern weiterhin unter das Strafverfahrensrecht zu stellen.

So geht Lebensmittelrettung auch legal

Symbolbild - Foto: Eberhard-Spaeth-Stock.Adobe_.com
Vernichtung von Backwaren. Foto: Eberhard-Spaeth-Stock.Adobe.com

The Real Junk Food Project Berlin e. V. wurde 2015 als deutscher Ableger des The-Real-Junk-Food-Project-Netzwerks aus Großbritannien in Berlin gegründet, welches wiederum 2007 in Birmingham entstand. Ebenso wie in Deutschland ist im Vereinigten Königreich das Containern verboten.

Der große Unterschied zu anderen Organisation wie den Tafeln oder foodsharing ist das Refinanzierungskonzept, mit den geretteten Lebensmitteln ein Catering zu etablieren. In Großbritannien konnten so inzwischen „Pay-as-you-feel“-Cafés herauswachsen. Wie der Name sagt, bezahlt man dort so viel, wie man möchte. „Dasselbe Ziel verfolgen wir hier auch in Berlin, es dauert nur alles etwas länger“, meint Alessia del Vigo, eine von ungefähr 40 Helfern des Projekts.

Mit abgelaufenen Lebensmitteln kreativ werden

Neun Mal pro Woche holen sie bei verschiedenen Biosupermärkten, zwei konventionellen Supermärkten und einem Stand auf dem Großmarkt Lebensmittel ab, deren Mindesthaltbarkeitsdatum abgelaufen ist. Dabei handelt es sich um Milchprodukte, aber auch Gemüse und vor allem Brot, viel Brot. „Hier gilt es kreativ zu werden: Brotpudding, Brotkuchen, Croutons Polpette oder auch Semmelknödel“, schmunzelt die Lebensmittelretterin.

Was das Mindesthaltbarkeitsdatum genau bedeutet, erklären wir hier

Wenn die Lebensmittel für kein Catering eingesetzt werden, wird das Essen verteilt, an die Helfer selber, aber auch Obdachlosenunterkünfte , Einrichtungen für alleinerziehende Mütter oder die Diakonie werden beliefert. An jedem ersten und dritten Donnerstag im Monat gibt es das sogenannte Open Buffett im Weddinger PA58, dazu trifft man sich gegen 16 Uhr zum gemeinsamen Kochen und anschließendem Verzehr. Die meisten Gerichte sind vegetarisch, denn Fleisch ist schwierig wegen der Lebensmittelsicherheit, ebenso wie Tiefkühlprodukte. Hinter allem steht der Kampf gegen Essensverschwendung und für das Bewusstsein dafür.

„Weltweit wird ein Drittel aller Lebensmittel weggeschmissen“,

meint Alessia del Vigo ernst.
The Real Junk Food Project Berlin e. V. - mit geretteten Lebensmitteln ein Catering etablieren. Foto: ChiccoDodiFC FotoOk.it
Mit geretteten Lebensmitteln ein Catering etablieren.
Foto: ChiccoDodiFC FotoOk.it – stock.adobe.com

Mindestens haltbar bis, nicht sofort tödlich ab

Laut del Vigo kaufen Verbraucher falsch, beziehungsweise zuviel ein und die Sachen werden dann im Kühlschrank schlecht. Abgesehen von Frischfleisch, das ein Verbrauchsdatum hat, bedeutet das Mindesthaltbarkeitsdatum bei anderen Lebensmittel keineswegs, dass diese nach Ablauf des Datums nicht mehr genießbar seien; die Qualitätsgarantie der Hersteller ist nur abgelaufen. Die meisten Lebensmittel sind über das Datum hinaus genießbar. Mindestens haltbar bis und nicht sofort tödlich ab!

Wichtig ist auch ein sauberer Kühlschrank. Foto: ©5second – stock.adobe.com

Wichtig sei außerdem ein sauberer Kühlschrank, der regelmäßig gereinigt wird, am besten mit einer Essig-/Soda-Mischung. Auch Maßnahmen, wie vor dem Urlaub die Lebensmittel beispielsweise unter den Nachbarn zu verschenken, seien sinnvoll, sowie in kürzeren Abständen weniger einzukaufen, rät die Lebensmittelretterin.

Mehr Tipps für eine gute Küchenhygiene hier

Lebensmittel retten

Der gemeinnützige Verein bietet auch Workshops an, mit denen sie beispielsweise in Schulen gehen. Hier informieren sie über die Verwertung von Lebensmitteln, Gemüse einlegen und Marmeladekochen, aber auch über Strategien zur Müllvermeidung.

Auch wenn The Real Junk Food Project Berlin e. V. am realen Beispiel demonstriert, dass es auch alternative legale Wege zur Lebensmittelrettung gibt, sind sie gegen die Kriminalisierung von Containern. Wichtiger ist ihnen jedoch eine verbindliche gesetzliche Regelung, dass Supermärkte abgelaufene Lebensmittel spenden. Die bisherigen politischen Maßnahmen auf freiwilliger Basis seien viel zu schwach.

Supermärkte mögen auch keine Lebensmittelverschwendung

Christian Böttcher vom Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e. V. betont auf der anderen Seite, dass es auch im Sinne der Supermärkte sei, die Verlustquote möglichst gering zu halten, da hiermit schließlich auch Umsatz und Ertragseinbußen einhergingen. Er bewertet die gegenwärtige durchschnittliche Verlustquote von rund einem Prozent des Nettowarenwertes (der Wert eines Produkts abzüglich aller Steuern sowie Preisnachlässe) als sehr niedrig.

Im Beschluss der Justizministerkonferenz, dem sich der Bundesverband argumentativ anschließt, heißt es: „Die Justizministerinnen und Justizminister bitten die Bundesregierung, unter Beteiligung der entsprechenden Fachministerkonferenzen alternative Abgabeformen von Lebensmitteln zu entwickeln, die es insbesondere großen Lebensmittelanbietern ermöglichen, Lebensmittel freiwillig und ohne Nachteil an Dritte, etwa die Tafeln für Bedürftige abzugeben. Sie bitten in diesem Zusammenhang auch darum, die wechselseitigen Abhängigkeiten der umwelt-, abfall-, lebensmittel- und steuerrechtlichen Vorschriften zu untersuchen, um dieses Ziel zu erreichen.“ Vor diesem Hintergrund weist Böttcher auf die enge Zusammenarbeit der großen Handelsunternehmen mit den Tafeln hin, die auf breiter Basis noch verkehrsfähige Lebensmittel als Spenden erhalten.

Warum ist Containern kriminell?

Es bleibt die Frage, welche Gründe es für die fortgesetzte Kriminalisierung des Containerns gibt, insbesondere, wenn der Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung bereits so erfolgreich verläuft.

Dr. Marcus Girnau vom Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde beleuchtet die rechtliche Situation in der Mülltonne:

„In Müllbehältern befinden sich eben gerade gesundheitsgefährdende, ungenießbare, allerdings nicht immer als solche zu erkennende Lebensmittel.“

Dr. Marcus Girnau, Lebensmittelverband BLL

Insofern wäre eine rechtliche Freigabe des Containerns im Hinblick auf die Lebensmittelsicherheit problematisch. Ferner drohen Unternehmen zumindest mit Blick auf vorverpackte, etikettierte Ware, die den Hersteller oder Händler erkennen lassen, im Falle von Erkrankungen von Verbrauchern nach dem Verzehr von Lebensmitteln aus Containern gerichtliche Auseinandersetzungen über Haftungsfragen.

Der Krieg im eigenen Kühlschrank

2012 stellte das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) im Rahmen einer Studie fest, dass pro Kopf 82 Kilogramm Lebensmittel jährlich entsorgt werden, die Studie berücksichtigte dabei die Industrie, den Handel, die Gastronomie sowie Privathaushalte, ausgenommen allein war die Landwirtschaft. 2017 stellte eine andere Studie des BMEL mit dem Fokus auf die Privathaushalte fest, das hier alleine 55 Kilogramm Lebensmittel jährlich pro Kopf entsorgt werden.

Es wäre nicht verkehrt, würde die aktuelle Debatte über die Kriminalisierung des Containerns zumindest für Denkanstöße beim Einzelnen sorgen, seinen Lebensmittelkonsum zu reflektieren und sich im Alltag damit auseinanderzusetzen, bevor Lebensmittel möglicherweise unnötig in der Mülltonne landen. Das Bundesministerium hat hierfür die recht umfassende Internetseite „Zu gut für die Tonne!„, sowie eine dazu passende App entwickelt, die ähnlich wie die Workshops von The Real Junk Food Project über Möglichkeiten zur Vermeidung von Lebensmittelverschwendung informiert.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.