Autor: Johannes

  • Salat aus Hydrokultur: Unterrichtsstunde in Zukunftsessen

    Salat aus Hydrokultur: Unterrichtsstunde in Zukunftsessen

    Pflanzen tief unten im Keller, alten Lagerhallen oder auf Hochhausdächern? Losgelöst vom Mutterboden, unabhängig von Witterung und Fläche bietet Hydroponik eine Antwort auf die Frage „Was essen wir zukünftig?“ Wir haben den Vertical-Farming-Workshop von Good Bank besucht.

    Mitten im Wedding, zwischen Späti und Handyshop, liegt die Dependance von Good Bank -farm fiction. Es ist ein verregneter Freitagnachmittag und die Geschäftsführerin Ema Paulin hält ihren ersten Workshop zu Vertical Farming, die Spezialität ihres Restaurants, wo das Gemüse auch direkt vor Ort angebaut und geerntet wird. 

    Die Teilnehmenden des Workshops sind bunt gemischt: Eine Abiturientin schreibt demnächst ihre Arbeit über Vertical Farming, ein anderer plant demnächst Vertical Farming im Haus der Statistik am Alexanderplatz im Rahmen einer gemeinnützigen Organisation zu installieren, ein Startup-Gründer ist extra aus Leipzig angereist, ein älterer Herr berichtet, dass er in seinem Haus direkt unter einem heißen Dach schon seit zehn Jahren lebt und plant, mittels Vertical Farming für Kühlung darunter zu sorgen.

    Was ist Hydroponik?

    Auch Ema Paulin stellt sich und ihr Restaurant vor und die Idee des Wandels vom Restaurant zur Food-Tech-Marke. In ihren inzwischen drei über Berlin verteilten Restaurants beherbergt sie insgesamt zwölf Farmen sowie sechs Sonderfarmen für Pilze. Leichte Irritation über den Begriff, aber Ema Paulin klärt rasch auf: Mit Farm meint sie die einzelne Vitrine. Zwei solche brummen sonor in der Ecke des Raums. Unter dem strahlend-weißen Licht zahlloser LEDs wachsen Salatköpfe in Reihe und Glied in vier Etagen übereinander.

    „Vertical Farming bedeutet zuallererst, dass man in die Höhe arbeitet. “

    Ema Paulin, Hydroponik-Expertin und Geschäftsführerin Good Bank

    Aber was macht Vertical Farming aus und was ist Hydroponik? „Vertical Farming bedeutet zuallererst, dass man in die Höhe arbeitet, indem man in mehreren Lagen übereinander anpflanzt und so vom Boden unabhängig wird,“ erklärt die Pionierin. Eine Möglichkeit der Bewirtschaftung ist hierbei die Hydroponik: Pflanzen wachsen ohne Boden und ziehen die Nährstoffe direkt aus einer wässrigen Nährlösung. Sie zeigt in der Power-Point-Präsentation ein System von Amazon, das entfernt an einen Heizkörper erinnert. Durch dessen Röhrensystem fließt die Nährlösung und in regelmäßigen Abständen wachsen die Pflänzchen aus Löchern heraus. Daneben gibt es noch Aeroponik, bei dem die Wurzeln lediglich in der Luft mit Nährstoffen eingenebelt werden.

    Salat in der Hydroponik-Farm
    Hier wächst der Salat in der Hydroponik-Farm, versorgt durch Nährlösung und Licht von LEDs.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Ein interessantes Detail dabei ist, dass sich diese Pflanzmethode und Bio-Landwirtschaft gegenwärtig gegenseitig ausschließen, da das Bio-Siegel den Anbau im Boden vorschreibt.

    Hydroponik für alle

    Der wichtigste Unterschied für Ema Paulin beim Urban Farming zum Urban Gardening „ist die Wirtschaftlichkeit, die dem Projekt zugrunde liegt und sich so vom Hobby unterscheidet“. Wie als Beweis präsentiert sie die Konzepte weltweiter Mitbewerber: Das französische Unternehmen agricool beispielsweise, das Erdbeeren in mobilen Containern züchtet, oder auch die Aquaponik-Farm von ECF Berlin, der Hauptstadtbarsch inklusive Basilikum-Zucht.

    Ernte von Salat in der Hydroponik-Farm
    Direkt aus der „Farm“ auf den Teller: Frisch geernteter Salat.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Die Inhaberin von Good Bank ist davon überzeugt, dass Hydroponik massentauglich ist, immerhin hat der Möbelriese Ikea bereits solche Starterkits im Angebot. Sie bedauert jedoch, dass die Methoden noch keinen Zugang zur allgemeinen Bevölkerung gefunden haben. „Die größte Herausforderung dabei ist, wie so oft, der Preis“. Dabei liege sie bei den Kosten eines Salatkopfes lediglich 20 Prozent über den Kosten des Zulieferers. Waren die Energiekosten für Pflanzlichter in der Vergangenheit immens, laufen die Farmen gegenwärtig bei 0,3 Kilowattstunden. „Dabei versprechen die Entwicklungen der nächsten Generation von Farmen, dass die Energiebilanz einen Bruchteil dessen bieten wird.“

    Hydrokultur-Salat in der Bowl
    Das Grüne in dieser Salat-Bowl kommt stammt aus Hydrokultur im selben Raum.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Policy durch Wasserpflanzung

    Abgesehen von der Kommerztauglichkeit sieht Ema Paulin politisches Potenzial: Vertical Farming böte den Verbraucher:innen enormes Potenzial an Autarkie. „Da hatte ich die gegenwärtige Situation der Corona-Panik-Hamsterkäufe noch gar nicht miteinbezogen.“ Außerdem fördere Vertical Farming die Arbeit von Frauen. Als Beispiel präsentierte sie eine kenianische Community, Tule Yvema, bei der Frauen mittels Urban Farming erfolgreich gegen Mangelernährung vorgehen. Trotzdem sieht Ema Paulin den Durchbruch kritisch: Um Urban Farming zu etablieren, „muss die Anlage so low tech wie möglich sein, dabei aber bestmöglich effektiv.“

    Einfache Hydroponik für Zuhause
    Einfache Hydroponik für Zuhause.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Dass dies kein Ding der Unmöglichkeit ist, demonstriert die Good-Bank-Inhaberin mit den DIY-Hydroponics nach der Kratky-Methode: In den Hals eines mit Nährlösung gefüllten Marmeladenglases kommt eine teesiebähnliche Konstruktion, die wiederum Steinwolle mit einem Setzling beinhaltet; ein prachtvoller Salatkopf wird versprochen.

  • Tofu auf Teller: Ein Besuch beim buddhistischen Keramiker

    Tofu auf Teller: Ein Besuch beim buddhistischen Keramiker

    Zum umfassenden Genusserlebnis nach japanischem Vorbild gehört neben Lebensmitteln wie Tofu und Sojasauce auch das passende Essgeschirr. In Berlin-Weißensee produziert ein Zen-Buddhist seine „makelhafte“ Keramik.

    „Das Absolute verändert sich nicht. Und alle Erscheinungen sind wie Träume, wie Sinnestäuschungen, wie Wolken, wie Schatten, wie Tautropfen oder wie Sternschnuppen. Und so sollten sie gesehen werden – Diamant Sutra“, hängt eingerahmt über den Regalen von Dirk Aleksic in seiner Werkstatt in Weißensee. Darunter stehen die Rohlinge von seiner Töpferscheibe. Nach einer 180-Grad-Drehung offenbart sich sein fertiges Werk: Schüsseln, Teller sowie Schalen und Becher stapeln sich im Regal, sublim-minimalistische Schönheit der Unvollkommenheit. Kein Teller gleicht dem anderen, kein Becher dem nächsten, weder in Form noch bei der Glasur.

    Keramikwaren in der Werkstatt von Dirk Aleksic.
    Schalen, Teller, Schüsseln: Keramikwaren in der Werkstatt von Dirk Aleksic.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Die Schlichtheit des Ostens

    Das kommt nicht von ungefähr, sondern ist das Ergebnis seiner ästhetischen Bildung in Japan. „Ich habe bereits als Japanologie-Student beim Studentenaustausch angefangen japanische Keramik zu sammeln“, erinnert sich Aleksic. Die Töpferei als Handwerk habe er allerdings dort nicht erlernt. „Ich bin Autodidakt und habe in der Volkshochschule angefangen, weil ich dort Töpferscheibe und Brennofen zur Verfügung hatte.“

    Während er sich beruflich als Töpfer etablierte, ist er zu der für ihn entscheidenden Erkenntnis gekommen: „In Deutschland gibt es eine seltsame Dualität beim Geschirr. Zum einen bevorzugt man das schlichte weiße Fabrik-Porzellan, zum anderen sind die Produkte handwerklicher Töpferkunst oftmals knallbunt. In Japan liegen diese wesentlich näher beieinander.“ Außerdem gebe es auch große Unterschiede im Selbstverständnis: „Deutsche Töpfer führen das Werk ihrer Großväter fort, während japanische Keramikdynastien den Nachwuchs im Ausland Kunst studieren lassen, um dies in die Fortführung einfließen zu lassen. Hier habe ich direkt meine Nische entdeckt.“

    Keramik-Handwerkskunst aus Weißensee
    Hier gleicht kein Stück dem anderen: Keramik-Handwerkskunst aus Weißensee.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Die Schönheit des Makels

    Unvollkommenheit ist in Japan eines der zentralen ästhetischen Prinzipien. „Das ging bisweilen soweit, dass makellose Keramik direkt nach dem Brennvorgang entsorgt wurde und nur mit den fehlerhaften, aber funktionsfähigen Stücken weitergearbeitet wurde“, erklärt der Keramiker. 

    Fast beiläufig erwähnt er, dass er 12 Jahre seines Lebens in Japan gelebt hat, einen Großteil davon im Soto-Zen-Kloster, einem der beiden Hauptströmungen des Zen-Buddhismus. Hier war er zeitweise Doan, Vorsteher und zuständig für den Tagesablauf, „der sich allerdings in den hunderten von Jahren, die dieses Kloster besteht, nur unwesentlich ändert“, wie er trocken anmerkt. Ausländer kamen dorthin, um Zen zu „lernen“. Von seinem inzwischen über 90jährigen Abt erzählt er denkwürdige Anekdoten dazu: Als er und andere ankamen, sagte ihnen der Abt, dass sie bereits erleuchtet wären und sich an keine Regeln halten müssten. Er selber hätte darauf erwidert, warum er dann überhaupt gekommen sei. Dies quittierte der Abt mit: „Habe ich dich darum gebeten?“ Einen Mathematik-Professor hatte er die Aufgabe erteilt, sich wie ein Idiot hinzusetzen. Nach Wochen sei der Professor daran verzweifelt.

    Sternegerichte auf makelhaftem Geschirr

    Restaurants wie das Nobelhart & Schmutzig servieren ihre Sterne-Gerichte auf seinem „makelhaften“ Geschirr. Auf Instagram findet man seine schlichten Schüsseln und Teller auf den Posts internationaler Foodblogs. Ob es diese Erfahrungen sind, die die Einzigartigkeit seines Geschirrs ausmachen?

    Teller von Dirk Aleksic
    Instagrammable: Der Teller von Dirk Aleksic besticht durch seine unvollkommene Schönheit.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Und was kommt auf den Teller? Klassischerweise Tofu mit Sojasauce. Wie die Keramik, gibt es beides auch aus Berlin. Mehr in unseren zwei anderen Artikeln zu „Zen in Berlin“: Sojasauce aus Moabit, Tofu aus Kreuzberg.

    Artikelbild (oben): Natasha Breen – stock.adobe.com (Kein Teller von Dirk Aleksic).

  • Kreuzberger Tofu aus süddeutschen Sojabohnen

    Kreuzberger Tofu aus süddeutschen Sojabohnen

    In Berlin-Kreuzberg werden aus Sojabohnen aus Süddeutschland Burger-Pattys und Tofublöcke. Ein Besuch bei den Tofutussis in der Markthalle 9.

    Mitten im Herzen Kreuzbergs in der Markthalle 9, zwischen Bio-Gemüse, italienischer Feinkost und innovativer Lebensmittel-Startups, verkaufen die Tofutussis ihren Tofu in mannigfaltigen Geschmacksrichtungen. Alles begann im Mutterschutz der beiden Gründerinnen Elena Grimm und Franziska Schauren mit Rezepten aus dem Internet. „Natürlich ohne Erfolg, die Ergebnisse konnte man vergessen“, schmunzelt Elena Grimm. „Der Durchbruch kam erst nach ‚The Book of Tofu‘ von William Shurtleff. Wie wir inzwischen erfahren haben, ist das die Bibel für jeden Tofu-Hersteller außerhalb Asiens“.

    Burger mit Soja-Patty von den Tofutussis
    Streetfood in der Markthalle 9: Burger mit Soja-Patty von den Tofutussis. Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Nicht einfach nur Tofu

    Seit 2014 haben sie ihr Geschäft in der Markthalle 9. Im hinterletzten Winkel der Katakomben befindetsich die kleine, aber feine Küche und Produktionsstätte. Anders als beim japanischen Original bieten sie ihren Tofu in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen an: Erdnuss-, Räucher-, Algen-Räucher-, aber natürlich auch Naturtofu, sowie einen mediterranen abgeschmeckten. „Früher hatten wir noch mehr Sorten, zum Beispiel auch immer einen Tofu des Monats. Aber inzwischen haben wir im Rahmen der Optimierung das drastisch reduziert. Tatsächlich ist dies in Japan komplett unüblich. Tofu wird immer pur hergestellt und dann höchstens mariniert, beispielsweise mit Sojasauce, Reisessig und Mirin“, erklärt die Tofutussi. Was sie gar nicht im Sortiment haben, ist der cremige Seidentofu, dessen Herstellung gänzlich anders ist.

    Die Theke der "Tofutussis": Burger-Pattys und Tofu in verschiedenen Geschmacksrichtungen
    Die Theke der „Tofutussis“: Burger-Pattys und Tofu in verschiedenen Geschmacksrichtungen.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Von der Sojabohne zum Tofu

    Die verwendeten Sojabohnen, die Grundlage für Tofu, stammen aus Süddeutschland vom Projekt „Bohne sucht Bauer“. Die Hülsenfrüchte werden über Nacht eingeweicht und dann mit der Sojamühle geschrotet, wo sich die Flüssigkeit vom Sojaschrot trennt. „Der Sojaschrot kommt in die Burger-Pattys. In Japan heißt dieser Okura und wird gerne zum Backen verwendet.“

    Der flüssige Sojaextrakt sei deutlich dicker und nicht sonderlich genießbar im Vergleich zu handelsüblichem Sojadrink aus dem Tetrapack. Stattdessen wird der Sojaextrakt mit Nigari, einem Bittersalz, für ungefähr sieben Minuten aufgekocht. Die Flüssigkeit flockt aus und wird abgeschöpft. Bevor der Tofu zu Blöcken gepresst wird, mischen die Tofutussis ihre Zutaten hinzu. Danach wird er eventuell noch geräuchert. „Inzwischen ist allerdings die Nachfrage nach den Burger-Pattys weitaus höher als nach dem eigentlichen Tofu“, erklärt Elena Grimm.

    Für viele ist Tofu einfach nur eine alternative Proteinquelle. Serviert auf dem richtigen Geschirr und eingetaucht in Sojasauce erlebt man Genuss ganz reduziert. Für das voll umfassende Geschmackserlebnis muss man nicht einmal nach Japan reisen, eine Fahrt nach Kreuzberg für den Tofu, nach Moabit für die Sojasauce und nach Weißensee für die passende Keramik reicht vollkommen.

    Artikelfoto (oben): exclusive-design – stock.adobe.com

  • Nicht einfach Sojasauce: Shoyu, Made in Berlin

    Nicht einfach Sojasauce: Shoyu, Made in Berlin

    Shoyu gilt als traditionelle Form der Sojasauce. Markus Shimizu stellt sie her, mitten in Berlin. Wir waren vor Ort.

    Genuss hat viele Ausdrucksformen: Soulfood oder abstrakte Molekularküche, komplexe Geschmacksakkorde oder bewusste Schlichtheit. Keine Küche versinnbildlicht diesen Kontrast so gut wie die Japanische. Statt bunten Sushikreationen, widmen wir uns in den nächsten Artikeln den grundlegenden „Zutaten“: Tofu mit Sojasauce auf edlem Geschirr und alles aus der Region. Heute, im ersten Teil geht es um Shoyu, die traditionelle Form der Sojasauce.

    Von der dreijährigen Tochter kann man die einfachste Form von Genuss lernen: ein Stück Tofu nehmen, in Sojasauce tauchen. Die Zähne beißen in den gummiartigen Widerstand, die Zunge schmeckt das salzig-komplexe Umami und der Gaumen erlebt die flockige Textur. Für Erwachsene ist das kein Essen so nebenbei, für das Kind ist es das Großartigste überhaupt. Genuss mitten im Hier und Jetzt. Ob man in der genussvollen Selbstversenkung Zen erfährt oder es beim nächsten Besuch im japanischen Restaurant mit dem Wissen noch besser schmeckt, bitte sehr!

    Geschmacksgeheimnis grüner Pilz

    Grüner Staub steigt auf, Sporen vom Aspergillus oryzae, während Markus Shimizu die Fermente ins Fass mit Salzwasser losklopft. Zwei Tage lagert die Getreide-Soja-Mischung auf den vielen Rahmen in der Brutkammer. „Im Laufe der kommenden zwei Jahre wird der Pilz die Getreidestärke in Zucker, sowie die Fette und Aminosäuren in komplexe, süß-blumige Aromen verwandeln“, erklärt Deutschlands einziger Sojasaucenhersteller und Geschäftsführer von Mimi Ferments.

    Soja-Getreide-Gemisch
    Soja-Getreide-Gemisch als Grundlage. Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Wie wird Sojasauce gemacht?

    Das Getreide – hier Einkorn, es kann aber auch Hirse oder Buchweizen sein – wird zunächst geröstet und danach geschrotet. Die Sojabohnen werden nach dem Einweichen und Waschen gedämpft. Danach werden beide Zutaten bei der klassischen Sojasauce im Verhältnis eins zu eins gemischt und mit Koji, wie der Pilz auf Japanisch heißt, geimpft und zwei Tage lang bei dreißig Grad Celsius gehalten. Die Masse auf den Rahmen wird zwischendurch immer wieder gemischt, damit der Pilz alles gut durchdringt. Dabei entsteht Eigenwärme. Wenn im Sommer die Temperaturen ansteigen ist die Sojasaucenherstellung nicht möglich, für vier bis fünf Monate.

    Markus Shimizu von Mimi Ferments
    Markus Shimizu von Mimi Ferments rührt den Inhalt eines Sojasaucen-Fasses um.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Von grün zu schwarz

    Zunächst wird der Inhalt des Fasses jeden Tag durchgerührt, später einmal die Woche. Markus Shimizu öffnet ein junges Fass. Der Duft ist zart würzig mit grünen Noten. Mit einem riesigen Stampfer rührt er den Inhalt um, der optisch bestenfalls an Erbsensuppe erinnert. Das Fass daneben ist von 2018, der Geruch wesentlich intensiver, fast malzig. Vor allem ist die Flüssigkeit pechschwarz. „Die Farbe kommt durch die Fermentation. Im Laufe der Zeit bilden die Aminosäuren Pigmente, außerdem kommt noch die Oxidation dazu“, erklärt Shimizu. Ist der Zeitpunkt der Reife gekommen, presst der Fermenteur sie zunächst durch eine hydraulische Presse, bevor die würzige Flüssigkeit vom Bodensatz dekantiert wird. Er pasteurisiert nicht, wie die großen Hersteller.

    Sojasauce im Fass
    Sojasauce: Durch Fermentation und Oxidation entsteht erst die schwarze Farbe. Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Schwiegermutters Miso

    Seit 2018 braut Markus Shimizu Sojasauce in seinem kleinen Geschäft in Moabit. Bis unter die Decke stapeln sich die Fässer, Rotwein-, Rum- oder auch Whiskyfässer. In Japan nimmt man traditionell Fässer aus Sicheltanne. An der Rückwand des Geschäftsraums steht ein Regal von oben bis unten gefüllt mit experimentellen Gläsern, wilde Kombinationen zum Fermentieren. Obwohl Markus Shimizu in Tokio zur Welt kam, gelangte er erst über Umwege zur Sojasauce. Seit 1994 lebt er vegan und setzte sich deswegen in diesem Zusammenhang mit Fermentierung auseinander. „Es war allerdings meine Schwiegermutter, die mich mit ihrem selbstgemachten Miso 2011 zur Sojasaucenproduktion brachte“, erzählt Markus Shimizu. Miso und Shoyu, japanische Sojasauce, werden beide mit Aspergillus oryzae fermentiert.

    Kunst der Fermentation
    Kunst der Fermentation: Markus Shimizu experimentiert mit der Verarbeitungsmethode. Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Dunkel, hell, weiß: Shoyu & Tamari

    Um helle Sojasauce zu erhalten wird dem Ferment Amazake, süßlicher Kojireis, beigesetzt.

    – Wie Sauerkraut mit Fermentation hergestellt wird, liest du hier. –

    Nicht zu verwechseln ist diese mit weißer Sojasauce, Shiro Shoyu, die ein Verhältnis von Hirse zu Soja neun zu eins hat. Dann gibt es noch Tamari, das ausschließlich auf fermentierten Sojabohnen basiert. „Nicht nur aufgrund der Farbe, sondern auch geschmacklich, empfehle ich die dunkle Sojasauce zu eher kräftigeren Gerichten und Fleisch und die hellen Sojasaucen beispielsweise zu Sashimi und leichtem Gemüse“, so der Chef von Mimi Ferments. Ob direkt beim Kochen oder erst hinterher zum Würzen habe keinen geschmacklichen Einfluss, allerdings zerstöre das Erhitzen die Aminosäuren und Mineralstoffe.

    „Dunkle Sojasauce zu eher kräftigeren Gerichten und Fleisch und die hellen Sojasaucen beispielsweise zu Sashimi und leichtem Gemüse. “

    Markus Shimizu, Mimi Ferments

    Neugierig auf mehr? Im nächsten Artikel tauchen wir weiter ein ins Thema „Zen – Made in Berlin“: In der Markthalle 9 in Kreuzberg werden aus süddeutschen Sojabohnen Tofu und Burger-Pattys.

  • Blockchain für Lebensmittel: Freie Sicht auf Lieferketten?

    Blockchain für Lebensmittel: Freie Sicht auf Lieferketten?

    Blockchain steht nicht nur für Kryptorwährungen. Die Technologie ist auch für den Lebensmittelbereich hochinteressant, zum Beispiel für eine schnelle und lückenlose Rückverfolgung. Einer der Lösungsanbieter ist IBM mit „IBM Food Trust“. Welche Chancen und Herausforderungen gibt es?

    Bei Bitcoins mag so Manche:r zunächst an Darknetwährung denken, oder aber an Finanzinverstitionen im ständigen Auf und Ab. Dass die Technologie dahinter beispielsweise auch für effiziente Unternehmens- und Verbraucherinformation ihren Einsatz findet, ist vielen nicht bekannt – ein Stück Überzeugungsarbeit für Blockchain-Anbieter wie IBM. „Einmal den QR-Code mit dem Smartphone gelesen, erfährt der Kunde sofort, ob das Hühnchen mit Antibiotikum gemästet oder Gemüse und Obst mit Glyphosat besprüht wurden“, verspricht Christian Schultze-Wolters von IBM Deutschland. Möglich mache dies Blockchain-Technologie. Schultze-Wolters erklärt: „Es geht um Effizienz von Unternehmensinformation und -kommunikation. Handelswege führen rund um den Globus und innerhalb dieser komplexen Strukturen kennen sich oftmals die Handelspartner nicht. Blockchain soll Vertrauen durch Transparenz schaffen, innerhalb der Lieferkette aber auch für den Verbraucher, es geht um Datenaustausch innerhalb bestimmter Parameter.“

    Blockchain – was ist das?

    Lieferketten auf Blockchain-Grundlage haben besondere Eigenschaften, die sie vom klassischen Weg unterscheidet. Zunächst ist da die dezentrale Datenhaltung. Anders als bei zentral arbeitenden Systemen laufen nirgendwo alle Daten zusammen, sondern bleiben bei den Unternehmen. Dabei fügt jedes der teilnehmenden Unternehmen die Daten fest und unveränderlich in die Kette ein. Bei nachträglichen Änderungen müssten alle Teile der Kette zustimmen. Somit besteht praktisch keine Möglichkeit der Manipulation. Im Falle eines Fehlers werden die Korrekturen angefügt mit jeweiligem Verweis. Lieferketten, Zahlungen und vieles mehr werden dadurch nachvollziehbar. Eine doppelte Verschlüsselung der Daten schafft Sicherheit für die Unternehmen, um zu gewährleisten, dass sensible Daten nur für die vorgesehenen Partner einsehbar bleiben. Grundlage für viele Blockchain-Anwendungen ist die Open-Source-Technologie Hyperledger Fabric, ein Projekt mit dem Ziel, branchenübergreifende Blockchain-Technologien zu fördern.

    Eine Branchenlösung der Blockchain-Initative von IBM, einem der Mitentwickler von Hyperledger, nennt sich IBM Food Trust. „Hierbei nutzen wir eine Blockchain-Technologie, die man mit Bitcoin – anonym, offen für jedermann und extrem energieineffizient – nicht vergleichen kann. IBM Food Trust bietet eine private Blockchain-Variante, jedes Unternehmen, das partizipiert, ist transparent und bestimmt selber über die individuelle Rechtevergabe“, erklärt der Geschäftsbereichsleiter Blockchain Solutions für die DACH-Region.

    Die genetische Nadel im Heuhaufen

    Auf den Einwand, dass Food Trust natürliche Grenzen durch Mischungen oder Verschnitte gesteckt seien, etwa bei Wein oder Kaffee, hat der IT-Experte eine beeindruckende Überraschung parat: Das britische Unternehmen Marks & Spencer habe seine Burger-Pattys mit Hilfe des Unternehmens IdentiGEN mit Hauptsitz in Dublin genetisch entschlüsseln lassen, um so aus der Burger-DNA jedes darin verarbeitete Tier identifizieren zu können. „In der Schweiz liefert IdentiGEN die technologische Plattform, um für Proviande, den Branchenverband der Schweizer Fleischindustrie, die 100-prozentige Rückverfolgbarkeit für Rindfleisch vom Bauernhof bis zum Steak auf dem Teller sicherstellen zu können. Dasselbe Prinzip ließe sich analog für Schweine und Hühner realisieren und dann in einem nächsten Schritt in Abstimmung mit den jeweiligen Unternehmen mit den Daten von IBM Food Trust logisch verbinden“, erklärt Christian Schultze-Wolters.

    Von Farm und Schiff bis zu den Verbraucher:innen

    Darüber hinaus verweist das Unternehmen auf das eigene Kaffeeprojekt mit Farmer Connect: Die App Thank my Farmer soll direkt ermitteln können, woher der morgendliche Kaffee stammt.

    https://www.youtube.com/watch?v=8WWUq8ojSPU
    Video von IBM zur Blockchain von der Kaffeefarmerin bis zum Verbraucher mit „Farmer Connect“.

    Besondere Bedeutung habe Blockchain für Fisch und Meeresfrüchte, besonders verderbliche Lebensmittel. Hier sei Blockchain eine sinnvolle Maßnahme zur Vertrauensbildung bei Verbraucher:innen für Firmen wie das US-Fischereiunternehmen Raw Seafoods. 

    https://www.youtube.com/watch?v=zhdVrZCKHjU
    Video von IBM zur Blockchain für Jakobsmuscheln für „Raw Seafoods“

    Transparenz vom Feld zum Endkunden

    Vom Bauern über Zwischenhändler, Importeure, Handel bis zum Endkunden sollen die Lieferketten via Blockchain nachzuvollziehen sein. Die Dateneingabe bei den Landwirten und Plantagenbesitzern ist über Smartphones zu realisieren, im Zweifelsfall über die Datensammlung sogenannter Info-Spread-Files. Weltweit haben sich innerhalb der letzten anderthalb Jahre 200 Unternehmen an diesem Projekt beteiligt, darunter die Handelsriesen Walmart und Carrefour. „In Deutschland tun sich die Unternehmen bedauerlicherweise schwer damit, während zahlreiche Unternehmen im europäischen Ausland, zum Beispiel in der Schweiz, in Frankreich und in Spanien, sich schon seit längerem engagieren. Dort wiederum entwickelt sich Blockchain zur Erfolgsgeschichte. Das Feedback von Carrefour zeigt, dass sich Produkte auf der Blockchain besser verkaufen als die übrigen, manche sogar doppelt so gut wie im Vergleich zum Vorjahreszeitraum“, so Schultze-Wolters. Das Ziel des Handelsunternehmens sei es, bis 2022 sämtliche der 400 Hausmarken-Produkte auf die Blockchain-Plattform zu bringen.

    Blockchain in der Lebensmittelwirtschaft in Deutschland

    Bei der Frage, welche der deutschen Handelsketten bereits partizipieren, muss Experte Schultze-Wolters passen. „Wir diskutieren mit verschiedenen deutschen Behörden und Unternehmen, wo und wie sich diese blockchainbasierte Lösung in Deutschland einführen lässt. Abgesehen von den umfangreichen Informationen zur Verbraucheraufklärung hat die Blockchain-Technik mit ihren Möglichkeiten der Rückverfolgbarkeit eine große Bedeutung für Lebensmittelsicherheit“. Doch die deutschen Unternehmen seien eher zurückhaltend, „während Frankreich die neuen technischen Möglichkeiten von IBM Food Trust freudig annimmt und ausbaut.“ 

    Laut einer Studie der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) in Kooperation mit dem Digitalverband Bitkom aus dem Jahr 2019 haben 3 Prozent der befragten Unternehmen der Lebensmittelindustrie derzeit Blockchain-Technologie im Einsatz. 4 Prozent geben an, einen zukünftigen Einsatz zu planen.

    Derzeitiger und geplanter Einsatz digitaler Technologien in der Lebensmittelindustrie
    Derzeitiger und geplanter Einsatz digitaler Technologien in der Lebensmittelindustrie.
    Quelle: BVE/Bitkom (Pressemitteilung)

    German Angst versus Effizienz

    Für Christian Schultze-Wolters sind die Ursachen für die Zurückhaltung eher emotionaler Natur: Deutsche seien gegenüber neuer Technologien nach wie vor eher vorsichtig. Bei der Digitalisierung gehöre Deutschland europaweit zum Schlusslicht. Und er bemerkt: „Dazu kommt, dass die Deutschen bei Lebensmitteln insgesamt weniger Wert auf Qualität legen und dafür auch weniger Geld ausgeben, im Vergleich zu ihren südlichen Nachbarn. Kundenbindung erreicht man hier eher über den Preis.“ Mit Blick auf Rückverfolgbarkeit in Krisenfällen fügt er hinzu: „Wenn man die Möglichkeiten bei der Lebensmittelsicherheit bedenkt, muss man feststellen: Wilke hat nicht gereicht!“ – und spielt damit auf den Lebensmittelskandal beim Wursthersteller Wilke im Jahr 2019 an.

    Risiko Sourcing?

    Tatsächlich gibt es in der Wirtschaft auch Vorbehalte gegenüber Blockchain-Technologie. Dr. Markus Weck, Hauptgeschäftsführer des Fachverbands der Gewürzindustrie, beschreibt die Bedenken der Branche: „In erster Linie geht es dabei um das Sourcing. Gerade bei Gewürzen laufen die Wege über viele Zwischenhändler. Hier besteht die Befürchtung und das Risiko, das Teile der Kette dann ein oder zwei Stufen dabei überspringen wollen.“ Hinzu komme der technische Aspekt bzw. der Aufwand: „Ein Beispiel ist hier eine Gegend wie Südindien: Hier hat jeder zwar sein Handy, aber die Gewürze gehen durch viele Hände. Das wären dann schon mal drei bis fünf offizielle Zwischenhändler, bevor die Ware überhaupt den Subkontinent verlässt. Und dann ist es so, wenn man regionale Spezialitäten wie Malabarpfeffer mal beiseitelässt, dann kauft man Pfeffer als Pfeffer, egal ob der aus Brasilien oder Indien kommt.“

    Wie sicher ist sicher sicher?

    Christian Schultze-Wolters von IBM Food Trust ist von der Sicherheit seiner Blockchain-Technologie überzeugt, deutsche Unternehmen halten sich aufgrund des Schutzes ihrer Unternehmensbeziehungen bedeckt. Frank Bolten vom Mitbewerber Chainstep schreibt in einer E-Mail: „Wesentlich ist bei vielen anderen Initiativen, dass – anders als bei Hyperledger – eine dezentrale Governance angestrebt wird. Dies ist anspruchsvoller, hat aber die Vorteile, dass das Trustlevel und die ‚ausbalancierte Involvierung‘ der Teilnehmenden erhöht sind.“ Ab wann ist ‚sicher‚ sicher genug?

    Artikelbild (oben): SUPERMAO – stock.adobe.com

  • Wie schmeckt die Zukunft? – Antworten gab es auf der Grünen Woche 2020

    Wie schmeckt die Zukunft? – Antworten gab es auf der Grünen Woche 2020

    „Wie schmeckt die Zukunft?“ – unter dieser Frage stand der Messeauftritt der deutschen Lebensmittelwirtschaft auf der Grünen Woche 2020. Neben den Big 5, den großen Markennamen McDonald‘s, Danone, Nestlé, Rewe und Siemens, die am Stand zu lesen waren, präsentiere eine imposante Vielzahl an jungen Startup-Unternehmen Antworten aus verschiedensten Perspektiven auf diese Frage.

    Im Januar hat die Redaktion von lebensmittelmagazin.de Vieles auf der Grünen Woche in Berlin erleben dürfen: Essen aus fernen Ländern, Essen fürs Klima bis zum Essen von übermorgen. In diesem Zusammenhang haben wir auch den Stand des Lebensmittelverbands Deutschland und seines Partnerverbands, der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), in der Halle in direkter Nachbarschaft zum ErlebnisBauernhofs besucht. Hier präsentierten die Verbände gemeinsam mit ihren Partnern mannigfaltige Antworten auf die Frage „Wie schmeckt die Zukunft?“

    Man könnte sagen, dass es dieses Jahr am Stand von BVE und Lebensmittelverband besonders feucht-fröhlich, spritzig-erfrischend zugeht. Bevor aber falsche Hoffnungen geweckt werden: Viele der Start-ups sind Hersteller von Erfrischungsgetränken, vornehmlich allerdings ohne Alkohol. Djahé ist eines davon.

    Prost und hoch die Tassen!

    „Djahé“, das klingt nicht nur exotisch, es ist das vietnamesische Wort für Ingwer. Die Rede ist aber keineswegs von altbekanntem Ginger Ale, sondern authentischen Familienrezepten aus Vietnam. Der angenehme, komplexe Geschmack soll den reduzierten Zucker kompensieren.

    Startup Djahé
    Das Startup Djahé macht Limonaden und Eistees mit gepresstem Ingwersaft.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Ähnliches Ziel, stattdessen aber mit regionalem Ansatz (ok, außer Birne-Matcha), verfolgt das Startup Limoment, das seinen Hybrid aus Limo und Schorle lediglich mit dem enthaltenen Fruchtsaft süßt.

    Startup Limoment
    Das Startup Limoment macht Erfrischungsgetränke aus heimischen Früchten.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Noch einen Schritt in eine ganz andere Richtung machen die Herren von ZestUp. Das herbfrische Getränk noch unter Limonaden zu zählen, fällt schwer. Dafür ist der Bitterstoff Narangin aus der Orangenschale maßgeblich geschmacksbildend. Die Grundlage für die fruchtige Tonic-Water-Alternative holen sie sich tiefgekühlt aus den benachbarten Niederlanden. 

    Startup ZestUp
    Die Gründer von ZestUp wollen ein Erfrischungsgetränk aus Orangenschalen auf den Markt bringen, die sonst im Müll landen würden.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Auch gänzlich ohne Alkohol kommen die Weine von Kolonne Null daher. Was sich sonst eher als Folge des Griffs daneben im Supermarktregal offenbart, kann hier geschmacklich überzeugen. Tatsächlich konnte das Startup-Unternehmen konventionelle Winzer davon überzeugen, unter der Marke Kolonne Null ihre guten Weine auch entalkoholisiert anzubieten. Im Zuge einer steigenden gesundheitsbewussten Ernährung sei der rückläufige Alkoholkonsum zwangsläufig und der Markt habe Wachstumspotenzial, sind die Gründer überzeugt.

    Alkoholfreier Wein von Kolonne Null
    Kolonne Null bietet Weine und Prickelndes ohne Alkohol an.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    „Wurmkur“ als Proteinquelle

    Bevor man vor lauter Flüssigkeit für Königstiger verschwinden muss, hat man doch noch die Gelegenheit, am Stand der beiden Branchenverbände etwas Handfestes kosten zu können. Diesbezüglich war die netteste Beobachtung, wie sich ein älterer Herr während des Interviews mit der Gründerin von Isaac Nutrition, Charlotte Binder, diskret eine der ausliegenden Trüffelpralinen einverleibte und die Gelegenheit nutzte, sich erst während des Kauens darüber zu informieren, was er denn dort Köstliches und Gesundes zu sich nähme – Gesichtsausdruck: unbezahlbar. Die proteinreiche Sportlernahrung basiert auf Buffalowürmern, die im Weckglas direkt daneben standen. Geschmacklich waren Datteln im Vordergrund, der nussige Abgang wiederum kommt von den Krabblern.

    Startup Isaac Nutrition
    Für Sporttreibende interessant: Das Startup Isaac Nutrition von Charlotte Binder macht aus Buffalowürmern ein prorteinreiches Pulver.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    – Welches Trend-Food es noch auf der Grünen Woche gab, liest du hier. –

    Aus den Tiefen des Meeres

    Jörg Ullmann als Startup-Unternehmer zu bezeichnen, würde seiner bundesweiten Popularität als Algenexperte nicht gerecht werden. Zum dritten Mal infolge präsentierte er am Zukunftsstand auf der Grünen Woche die Einsatzmöglichkeiten von Mikroalgen und ihr nicht zu überschätzenden Potenzial als Proteinquelle der Zukunft, gemeinsam mit Kirstin Knufmann und ihrem 2010 gegründeten Unternehmen PureRaw. Dabei sind der Mehrzahl der Besucher Algen bisher lediglich als Sushiummantelung geläufig. Aufgrund ihrer vielfältigen lebensmitteltechnischen Eigenschaften stecken sie jedoch bereits in über 70 Prozent aller Lebensmittel, man denke nur an Agar-Agar im Wackelpudding oder Carrageen als Stabilisator. Bei Kuchen, mit Chlorella statt Eiern und Butter. oder Desserts in strahlenden Farben, lässt sich erahnen, dass das Arbeitsfeld um Algen noch einiges mehr in petto hat.

    Chlorella und Spirulina: Farbenfrohe Mikroalgen
    Chlorella und Spirulina: Farbenfrohe Mikroalgen.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Neues von den Großen

    Aber auch die großen Unternehmen haben Neues parat: McDonald‘s hat verstanden, dass Müllberge nicht mehr zeitgemäß sind und servierte auf der Grünen Woche Eis in der Waffel. Zukünftig soll das gesamte Dessertsegment ohne Kunststoffverpackungen auskommen, angefangen mit dem McFlurry, der in einem Papierbecher mit Holzlöffel serviert wird.

    Eis von McDonald's
    „Plastik gibt den Löffel ab“: McDonald’s setzt zukünftig auf Desserts ohne Kunststoffverpackung.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Auch der Stand von Danone widmete sich dem Thema Verpackung, mit Fokus auf Wasser in Flaschen. Ausgehend von den bislang 46 Prozent recyceltem PET-Material, aus dem die Flasche besteht, erhöht das Unternehmen in den kommenden Monaten den Anteil auf 100 Prozent. Um die Verpflichtung des Rohstoffkreislaufs zu unterstreichen, präsentierte das supranationale Unternehmen zudem sein Engagement zum Schutz von deutschen Wasserbiosphären. Daneben gab es auch allerlei Leckereien zu kosten. Der Blaubeer-Traube-Lavendel-Skyr war ziemlich lecker.

    Nachhaltige Wasserflaschen und neue Produkte gab's bei Danone auf der Grünen Woche
    Nachhaltige Wasserflaschen und neue Produkte gab’s bei Danone auf der Grünen Woche.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Nach den ganzen süßen Leckereien braucht der Messebesucher was Lecker-Deftiges. Wie gut, dass Nestlé direkt ein paar Meter weiter als nachhaltigkeitsorientierte Zukunftsvision seine neue vegane Bratwurst als Currywurst servierte. Diese fand großen Anklang, gemessen an der Länge der Besucherschlange. Tatsächlich machte die Soja-Bratwurst geschmacklich einen guten Eindruck und konnte ihre trockene Tofuwürstchen-Konkurrenz in den Schatten stellen, sie hätte nur nach individuellen Dafürhalten eine Minute länger auf dem Grill liegen bleiben können.

    Vegane Bratwurst
    Weltpremiere: Die vegane „Incredible Bratwurst“ von Garden Gourmet stellte Nestlé auf der Grünen Woche vor.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Lebensmittelverband Deutschland und Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie haben zusammen mit ihren Partnern auch dieses Jahr wieder eindrucksvoll demonstriert, dass das Lebensmittelangebot in Deutschland Antworten für die Bedürfnisse der Verbraucher parat hält. Sie müssen nur zugreifen.

  • Für Foodies und Feinschmecker: Trendtour auf der Grünen Woche 2020

    Für Foodies und Feinschmecker: Trendtour auf der Grünen Woche 2020

    Genuss im Gesamtkontext zwischen ökologischer und sozialer Verantwortung und ein Blick auf die Food-Trends, die unsere Ernährung in Zukunft mitbestimmen sollen, erwartet diejenigen die sich auf die Trend-Tour auf der Grünen Woche in Berlin machen. Wir haben die Tour ausprobiert.

    In regenerativen Pommesschalen warten Buffalowurm-Flips und geröstete Grillen in allerlei Geschmacksrichtungen am Stand des Insektenfood-Startups Insnack. Seit 2018 durch die Novel-Food-Verordnung als „neuartige Lebensmittel“ gezählt, warten die Krabbeltiere auf europaweite Zulassung und ihren kulinarischen Durchbruch. Noch kommen sie gefriergetrocknet aus anderen Ländern der Europäischen Union wie Belgien, Niederlande oder Frankreich. Doch bereits jetzt hat in der Nähe von Köln eine Insektenfarm eröffnet und auch hier in der Region gibt es Verhandlungen mit den ersten Landwirten. Man kann nicht sagen, dass sie nicht schmecken. Besonders die Würmer-Flips können mit ihrem Erdnusspendant kulinarisch locker mithalten, in ihrer Nährstoffstruktur sind sie dem Partyklassiker haushoch überlegen. Und was die Überwindung betrifft: Wer hätte vor 30 Jahren gedacht, dass sich mit Algen umwickelte Reishäppchen mal etablieren würden, gibt Gründer Marc Schotter zu Bedenken. 

    Flips mit Insektenmehl und ganze Speiseinsekten am Stand des Startups Insnack.
    Flips mit Insektenmehl und ganze Speiseinsekten am Stand des Startups Insnack.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Genuss bewusst

    In der Halle vom Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit ergibt sich, wie bei der Klimatour, auch bei der Trendtour die Gelegenheit, durch das Sammeln von Stempeln im Eine-Welt-Reisepass Bäume in Nordvietnam pflanzen zu lassen. Bei den Gesprächen wird diesmal sehr deutlich, wie nah Genuss und sozial-ökologische Verantwortung beieinander liegen. Man denke nur an den Anbau von Kakao für Schokolade und von Kaffee, beides Produkte, auf die wir regional nicht zugreifen können. Bei der Andreas-Hermes-Akademie werden die Erfahrungen aus 70 Jahren Aufklärungsarbeit deutscher Landwirte in betriebswirtschaftliche und sozialer Führung in Indien und Afrika umgesetzt, um so die Subsistenzlandwirtschaft ökonomisch nachhaltig auszubauen.

    Der Autor am Stand der NGO Misereor.

    Auch die KfW-Bank und die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit nutzen ihre Erfahrungen für den infrastrukturellen Ausbau. Der Africa Agriculture Trade and Investment Fund (AATIF) ist nicht nur ein attraktiver Investment-Case, sondern bietet im Rahmen seiner Nachhaltigkeitsrichtlinien Projekten in Afrika Mikrokredite an. In diesem Zusammenhang überrascht die Quote der in Deutschland verzehrten nachhaltigen Schokolade von 55 Prozent. Kakao ist einer der wichtigsten Exportagrarprodukte Afrikas. Mit einer Schale köstlicher frischer Ananas und darüber gestreuten Kakaonibs konnte man auf der Grünen Woche den nachhaltigen Anbau direkt genießen.

    Mikroalgen aus Tunesien

    Auch das Bundesministerium selber belässt es nicht bei Zahlen und Fakten, sondern präsentiert in einer Waldbar nahe der Klimabubble Köstlichkeiten aus den Tropen: Getrocknete Ananas und Papaya, Nüsse und eine litschiähnliche Frucht namens Longan.

    Kulinarisch Exotisches in der Halle des Entwicklungsministeriums
    Kulinarisch Exotisches in der Halle des Entwicklungsministeriums.
    Foto. Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Einer Insel ähnlich nutzen afrikanische Anbieter direkt die Chance, ihre Produkte zu präsentieren. Überraschenderweise produziert so beispielsweise Tunesien Spirulina, die Mikroalge, die auch bei uns im Kommen ist. Beim World Food Programme, dessen Stand als zentrales Thema den Hunger in der Welt und seine Ursachen aufgreift, hat man die Möglichkeit, nach erfolgreichem Quiz und angeregtem Gespräch ein Kochbuch zu gewinnen, mit raffinierten Rezepten afrikanischer Köche. Durch die insgesamt anregende Recherche wurden diesmal – im Vergleich zu unserer vorhergehenden Klimatour – immerhin zwei Bäume gepflanzt.

    Kunterbunt und fleischbefreit

    Nachhaltiger Genuss bestimmt auch das Angebot am Stands des Lebensmittelverbands Deutschland und der Bundesvereinigung der deutschen Ernährungsindustrie zur Frage „Wie schmeckt die Zukunft?“. Als einer der Mitaussteller kann Nestlé hier mehrheitlich mit neuen veganen Bartwürstchen auf Sojabasis den Geschmack der Besucher treffen, die im Vergleich wirklich andere oftmals trockene Tofuwürstchen in den Schatten stellen.

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    Video der Grünen Woche mit der veganen „Incredible Bratwurst“ von Nestlé, Mikroalgen von Algenfarmer Jörg Ullmann und mehr.

    Algenfarmer Jörg Ullmann führt die Besucher am Stand und in der Showküche in die Welt der Algen ein und färbt seine Desserts in die magischen Farben des Regensbogens, und das rein natürlich.

    Kochen mit Algen
    Algenexperte Jörg Ullmann bereitet einen blauen Shake mit der Farbe aus Spirulina-Algen zu.
    Foto: Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Frische Fische fischt…

    Ausgesprochen köstlich ging es bei der nächsten Station weiter: Das Fisch-Informationszentrum präsentiert eine breite Auslage mit 76 Fischen regionaler und exotischer Herkunft sowie Meeresfrüchten.

    Fischvielfalt auf der Grünen Woche
    Fischvielfalt am Stand des Fisch-Informationszentrums.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Der Moderator bietet dem Publikum ausführliche Warenkunde. Dr. Fabian Schäfer vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei erklärt, dass über die Hälfte aller Fische aus Zuchtbetrieben kommen. Neben der Warenkunde bekommen die Besucher auch hilfreiche Tipps, wie die richtige Umsetzung beim Fischfiletieren beispielsweise funktioniert. Großen Anklang fand auch die Kostprobe mit gebratenem Zander mit Meerrettichsoße – köstlich!

    Zanderfilet
    Zanderfilet am Stand des Fisch-Informationszentrums. Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Die ganze Welt in einem Topf

    Darüber hinaus bietet die Grüne Woche selbstverständlich wie jedes Jahr kulinarische Entdeckungen für jeden Gaumen an jeder Ecke. Über Länder und Kontinente hinweg, oder direkt vor der Haustür, finden die Besucher Köstlichkeiten. So ist beispielsweise jene französische Waffel in Eiffelturmform, tropfnass vom Bad im Brunnen mit weißer Schokolade, ein unwiderstehlicher Genuss.

    Eiffelturm-Waffeln
    Eiffelturm-Waffeln.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Wo sonst hat man die Möglichkeit, innerhalb kürzester Zeit ins Gespräch mit Menschen so unterschiedlicher Herkunft zu kommen – und über Essen lässt sich wahrlich doch immer leicht mit jedem reden.

    Artikelbild (oben): Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Welche Trends es im Bereich Getränke zu entdecken gibt, zeigt das folgende Video von der Grünen Woche:

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  • Klimatour: Dem Klima auf der Spur auf der Grünen Woche 2020

    Klimatour: Dem Klima auf der Spur auf der Grünen Woche 2020

    Es ist Januar und Internationale Grüne Woche in Berlin. Die Massen strömen zur Landwirtschafts- und Ernährungsmesse, bewaffnet und willensstark wie seiner Zeit als Jäger und Sammler. Wir haben uns ins bunte Treiben gestürzt und die von der Messe vorgeschlagene Klimatour gemacht. Lösungsansätze und Strategien gegen den Klimawandel im Blick.

    Montagmorgen – eigentlich sollten sie im Klassenzimmer sitzen und Klassenarbeiten schreiben, stattdessen tummeln sich Berlins Schüler scheinbar allesamt in der Halle vom ErlebnisBauernhof, besteigen klimafreundliche Traktoren und Erntemaschinen, nehmen an Workshops wir Kinderkochkursen teil oder streicheln Kälber, die man sonst auch eher selten in der Großstadt sieht – Start für die Klimatour.

    Kälber auf dem Erlebnisbauernhof auf der Grünen Woche.
    Seltene Begegnung mitten in der Großstadt: Kälber auf dem Erlebnisbauernhof auf der Grünen Woche.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Am Stand der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie und des Lebensmittelverbands Deutschland präsentieren Unternehmen aus Industrie, Handel und Gastronomie ihre Strategien und Konzepte für mehr Nachhaltigkeit: McDonald‘s leistet Überzeugungsarbeit mittels Erdbeer- und Schokoladeneis in der Waffel, um zu demonstrieren, dass zukünftiger Fast-Food-Genuss keine Müllberge mehr hinterlassen muss. Danone präsentiert seine zukünftigen Flaschen aus 100 Prozent recyceltem PET und sein Engagement und Sponsoring von Wasserbiosphären. Die Rewe setzt wiederum auf Regionalität der Handelspartner, um die Logistik zu reduzieren. Nestlé nutzt die Grüne Woche zur Promotion veganer Fleischersatzprodukte mit Currywurst und Chili sin Carne für alle.

    Stand unter dem Motto "Wie schmeckt die Zukunft"
    Unter dem Motto „Wie schmeckt die Zukunft“ zeigen bekannte Marken und junge Unternehmen Produkte und Ideen für eine nachhaltige Ernährung der Zukunft.
    Foto. Tobias Rücker / Lebensmittelverband Deutschland

    Besuch beim #Lebensministerium

    Gar nicht so laut, dafür als Konzept sehr interessant präsentierte sich eine Ecke weiter Novocarbo. Das Startup-Unternehmen nutzt aus Biomasse hergestellte Holzkohle, die im ersten Schritt als Einstreu die Ammonium-Bildung bei der Tierzucht verhindern soll. Dies gelingt, indem sie die Stickstoffverbindungen an die Holzkohle bindet, welche im zweiten Schritt bei der Düngung die Nährstoffe im Boden hält und somit auch weniger das Grundwasser belastet.

    In der nächsten Halle präsentierten sich die vielen Institute unterm Schirm des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft. Auf den vielen Ständen führten sie den Besuchern unter dem Slogan „Du entscheidest“ vor Augen, inwieweit Entscheidungen als Verbraucher Einfluss auf Nachhaltigkeit haben. Bei der Initiative „Zu gut für die Tonne!“ beispielsweise lernen Besucher unter Anleitung, ihre Sensibilität für die Lagerung und Frische von Lebensmitteln zu verbessern. Das Leibniz-Institut für Agrartechnik und Bioökonomie verweist auf einen Interessenkonflikt zwischen Abfallerrsparnis und Schutz der Lebensmittel. Ziel sei es, bei der Problematik „den Verbraucher mit der Nase drauf zu stupsen“, erklärt Dr. Antje Töpfer. 

    Kampagne "Du entscheidest"
    Unter dem Motto „Du entscheidest“ zeigt das Bundesernährungsministerium anschaulich, wie wichtig die Entscheidung des Einzelnen für Veränderung ist.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Blick in die Zukunft

    Nach den Verbrauchertipps des Bundesministeriums führt die Klimatour zum Stand der jugendlichen Helden von Fridays for Future, die mit Plakatbrettern und Parolen ihren Kampfgeist sichtbar machten.

    Fridays for Future auf der Grünen Woche
    Auch mit einem Stand auf der Grünen Woche vertreten und Teil der „Klimatour“: Fridays for Future.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Das Bundesministerium für Bildung und Forschung präsentiert im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2020 unter dem Leitthema Bioökonomie diverse Forschungsprojekte. Besondere Aufmerksamkeit gewann food4future, die unterschiedliche Ansätze für die Herausforderung auch zukünftig eine ausreichende Lebensmittel Versorgung zu gewährleisten untersuchen. Salicornes, bislang bekannt als raffinierte Beilagen zu Fischgerichten, und Makroalgen sind beispielsweise die wissenschaftliche Antwort auf das Problem der rückläufigen Süßwasserressourcen. Also jetzt Gemüse aus dem Meer, ein Konzept, das in Japan beispielsweise schon jahrhundertelang verfolgt wird. Aber auch alternative Anbaumethoden und Flächen sind im Fokus der Wissenschaftler. Wenn es nach ihnen geht wird demnächst das Gemüsebeet in Kellern und U-Bahnschächte verlagert. Die Fotosynthese übernehmen dann UV-LEDs. Quallen als Proteinlieferanten und Grillen als restmüllbeseitigende Eiweißquelle – klingt ziemlich abgefahren, aber wer weiß, lebensmittelmagazin.de bleibt dran!

    – Wie Algen als Lebensmittel produziert werden, liest du hier. –

    Mal eben nach Madagaskar

    Einen interessanten Abschluss der Tour beschert das Bundesministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit. Den Gang in die Klimabubble, inmitten von paradiesischem Grün, beschert eine eindrucksvolle Reise nach Madagaskar mittels VR-Brille. Wem die Folgen der Klimaveränderung bereits hierzulande nicht gravierend genug sind, hat so die Möglichkeit, sich eines Besseren belehren zu lassen. Die Reise beginnt in einem ausgetrockneten Flussbett und einer Rinderherde auf der Suche nach Futter. Es war nicht nur Einbildung, tatsächliche bläst einem die warme Luft ins Gesicht. Die wirtschaftlichen Folgen für die Menschen Madagaskars werden vom Rikschafahrer während einer Tour durch Anatanarivo erzählt. Ein Fischer stellt eindrucksvoll dar, wie seine Landsleute aus Mangel an wirtschaftlichen Alternativen drohen, die Fischbestände der Insel zu überfischen. Aber das scheinbar unmittelbare Erleben, mitten in einer Heuschreckeninvasion zu stehen und Zeuge des Kahlschlags zu werden, ist schier atemraubend. Ganz großes Kino!

    Bäumepflanzen für Messebesucher

    Unter diesem Eindruck wich die Tour dann vom vorgesehenen Plan ab, einmal quer über die ganze Messe zu den Gärtnern zu gehen. Stattdessen gab es einen Eine-Welt-Reisepass und die Aufgabe, unter den zahlreichen Partner Ständen des Ministeriums Stempel zu sammeln, um dann mit ausreichender Anzahl dann einen Baum pflanzen zu lassen.

    Entwicklungsminiserium auf der Grünen Woche
    Dschungel-Feeling gibt’s in der Halle des Entwicklungsministeriums.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Das Siegel Grüner Knopf beispielsweise gewährleistet Kleidung aus sozial und ökologisch nachhaltiger Herstellung. Ganz oft kann man dann ins Gespräch komme, wie bei der Rewe, die ebenfalls bei einer breiten Produktpalette auf ökologische und soziale Nachhaltigkeit setzt.  Beim Origami-Kranich-Falten und Quizfragen-Beantworten beim Naturschutzbund Deutschland kam es dann auch zum netten Austausch.

    NABU-Stand auf der Grünen Woche 2020
    NABU-Stand mit Origami-Kranichen auf der Grünen Woche 2020. Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Am Ende der Recherche kam dann also auch noch ein Baum dazu. Der CO2-Fußabdruck-Rechner des Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz und nukleare Sicherheit ergab jedoch den Bedarf von 1,92 Bäumen. Es besteht also nach wie vor und mehr denn je Bedarf zur Rettung Klimas.

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  • Die ihren Hunger stillen: Ein Besuch bei der Tafel

    Die ihren Hunger stillen: Ein Besuch bei der Tafel

    Organisationen wie die Tafeln sammeln jeden Tag Lebensmittel ein, die zum Wegwerfen zu schade sind und verteilen diese weiter. Wir haben einen Tag lang Menschen begleitet, die denen helfen, die sich darum sorgen müssen, ihren Hunger zu stillen.

    Mittwochmorgens um halb acht herrscht in der Zentrale der Berliner Tafeln reges Treiben. Zehn Männer und Frauen sortieren Kohlrabi, Tomaten, Gurken, Chicorée, Mandarinen und Äpfel. Vorne an den Kisten hängen Zettel mit Straßennamen für die Einrichtungen, die sich hier Obst und Gemüse selber abholen. Vor dem Eingang der Zentrale steht die 13-köpfige Flotte an Mercedesbussen, allesamt von Daimler gesponsert. Insgesamt 150 Menschen arbeiten bei den Berliner Tafeln. Mit zwei von ihnen, Lutz und Uwe, geht heute Morgen die Tour durch Berlin.

    Bus der Berliner Tafel bei der Runde am morgen.
    Bus der Berliner Tafel bei der Runde am morgen.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Vom Großmarkt geht die Fahrt Richtung Neukölln zum Real. Uwe gibt im Geschäft Bescheid und Lutz manövriert den Bus zur Warenannahme des Supermarktes. Sieben Kisten mit weihnachtlichen Süßigkeiten warten darauf abgeholt zu werden. Der Bus ist nicht leer losgefahren: Hinten im Laderaum stehen bereits Kisten mit Obst und Gemüse, die für die sozialen Einrichtungen eingeplant sind. Lebensmittel wie Gebäck und Milchprodukte sind vertraglich fest eingeplant.

    Übrig gebliebene Weihnachtssüßigkeiten
    Übrig gebliebene Weihnachtssüßigkeiten.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Deo vom Flughafen

    Erste Abgabestation ist die Obdachlosenunterkunft im Neuköllner Reuterkiez. Der Hausmeister wartet bereits mit leeren Kisten. Dafür bekommt er drei Kisten mit Joghurt, Tomaten und überraschenderweise Kosmetikartikeln, wie Deodorants, Duschgel oder Bodylotion. Lutz klärt auf: „Die Tafeln sammeln am Berliner Flughafen die Säcke mit Flaschen am Security Gate ein, die anschließend von ihnen sortiert werden. Viele Menschen versuchen, Flüssigkeiten wie Deo im Handgepäck mitzunehmen, die sie dort entsorgen müssen. So erhalten dann die Bedürftigen dann Pflegeprodukte die im Idealfall gerade erst angebrochen sind.“

    Die Guten in die Kisten, …

    Bei den Lidl-Filialen in Kreuzberg, Neukölln und Friedrichshain bekommen die beiden Männer Obst und Gemüse: Melonen, Tomaten, Eisbergsalat, Frühlingszwiebeln, Äpfel und Mandarinen, das meiste eigentlich noch in gutem Zustand. Bevor sie die Paletten in die Klappkisten entleeren, sortieren sie bereits eingegangene Ware aus. „Vor allem fertig geschnittene Salate vermeiden wir grundsätzlich, das ist nur noch Matsch bei der Abgabe“, erklärt Lutz. 

    Kisten mit Gemüse
    Kisten mit Gemüse, die die Tafeln weiterverteilen.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Bei einer therapeutischen Wohngemeinschaft haben die Männer von der Tafel Pech. Nach mehrmaligem Klingeln von Uwe öffnet ein Mann die Tür, der ihn offenbar nicht versteht – Keiner da, der den Männern die Lebensmittel abnimmt. Umso mehr bleibt am Ende für die Kinder vom Abenteuerspielplatz Telux im Wedding.

    Ankunft der Waren beim Abenteuerspielplatz Telux
    Ankunft der Waren beim Abenteuerspielplatz Telux.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Ein Stück Würde zurückgeben

    Größere Tafeln, wie die Berliner, sammeln Lebensmittel von Händlern und Supermarktketten ein und beliefern dann soziale Einrichtungen von eigenständigen Vereinen oder Trägern wie der Diakonie. Unter dem Schirm des Bundesverbands der Tafeln vereinen sich mehr als 940 lokale Tafeln. „Manche sagen, es gäbe ebenso viele Konzepte für die Tafel. Sind quasi von unten her individuell gewachsen“, sagt die Pressesprecherin Anna Verres. „Alle einen unsere Richtlinien. Im Gegenzug zu Suppenküchen sind die Tafeln aber eher darauf fokussiert, Lebensmittel im ungekochten Zustand weiterzugeben, damit die Leute selber für sich kochen können.“

    Kiste mit Radieschen
    Eine Kiste mit Radieschen.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Natürlich gäbe es auch Tafeln mit Suppenausgabe, „diese sind aber eher als Orte der Begegnung gedacht, um sich bei einer gemeinsamen Mahlzeit auszutauschen. Soziale Armut ist oft genauso problematisch wie materielle“, sagt die Pressesprecherin. „Lebensmittel werden in den Einrichtungen entweder kostenlos abgegeben oder für einen symbolischen Betrag verkauft, was den Bedürftigen ein enormes Stück Würde zurückgibt und ihnen das Gefühl vermittelt Kunden zu sein und nicht zu betteln. Momentan wird in vielen Tafeln die Bildungsarbeit ausgebaut und so zum Beispiel vielerorts Kinderkochkurse angeboten.“

    Hilfe zur Selbsthilfe

    Armut hat viele Gesichter: Oft kommen Rentner und Langzeitarbeitslose mit ihrer Grundsicherung nicht über die Runden. Alleinerziehende Eltern müssen schauen, wie sie Essen auf den Tisch bekommen. Aber auch Asylsuchende gehören zu den 1,65 Millionen Menschen, die 2019 die Hilfe der Tafeln bundesweit suchten, um ein eigenständiges Leben führen zu können. Eine Gruppe bildet da die Ausnahme: Für Obdachlose, die keine Möglichkeit haben, sich ihre Mahlzeiten eigenständig zuzubereiten, sind die Tafeln nicht interessant.

    Dafür beliefern die Tafeln auch soziale Einrichtungen, wie die Bahnhofsmission oder die offenen Mittagstische der religiösen Träger. Fahrer Lutz erzählt, dass die Bahnhofsmission Bahnhof Zoo von den Räumlichkeiten her nicht gut in der Lage ist, selber zu kochen, obwohl sie am sozialen Brennpunkt liegend große Nachfrage hat. „Die freuen sich dann besonders über die Vorräte vom Catering der Grünen Woche oder auch Konferenzen unterhalb des Jahres“, erzählt er.

    Auf der Straße

    Auf dem Weg zur Arbeit führt der Weg über den Anhalter Bahnhof. Auf der Parkbank in unmittelbarer Nähe der Ruine des Hauptportals liegt wie immer ein großer Textilberg aus alten Schlafsäcken, Jacken und Decken, darunter liegen Kartons und stabile Plastiktüten als Isolation gegen die Kälte von unten. Am Kopfende auf der Sitzfläche des Rollstuhls hat der Deckenberg ein Atemloch, das andere Ende ist deutlich verkürzt, die Beine des Menschen darunter sind wohl amputiert. Auf der Pfützenoberfläche der Sandwege taut die dünne Eisschicht in der Morgensonne. Weiter entlang des Weges liegt ein ähnlicher Deckenberg in der warmen, chlorigen Abluft des Liquidroms. Ob beide wohl erwachen?

    Schlafender am S-Bahnhof
    Schlafender am S-Bahnhof.
    Foto: Johannes / lebensmittelmagazin.de

    Durchschnittlich wird ein Obdachloser keine 47 Jahre alt und hat bis zu vier Krankheiten parallel, offene Beine, infektiöse und parasitäre Hauterkrankungen, die sogenannte „Schleppe“, wie die Schwester am Telefon der Jenny-de-la-Torre-Stiftung, einer medizinischen Einrichtungen für Obdachlose, erklärt. Hinzu kämen oft Suchterkrankungen, Einsamkeit und Depression.

    Des Menschen Willen…

    „Und trotzdem ist es so, dass nicht Sie, der Kältebus, die Polizei oder die Feuerwehr einen Menschen gegen seinen Willen von der Straße runterholen können, egal ob er droht zu erfrieren oder nicht. Nur der Amtsarzt hat dazu die Befugnis. Wenn Sie aber nachts einem Obdachlosen begegnen, sprechen Sie ihn an! Wenn er nicht reagiert oder Sie den Eindruck haben dass er Hilfe benötigt, rufen Sie die Berliner Kältehilfe unter 030 810560425 oder den Kältebus unter 0178 523 58 38.“

    Gegenwärtig sei es aber so, dass die Notunterkünfte aufgrund der vergleichsweise milden Temperaturen lediglich zu 75 Prozent ausgelastet sind. „Auf der anderen Seite meiden viele Obdachlose Notunterkünfte wie die Wärmehalle und schlafen lieber an der frischen. Aus Angst vor Diebstahl und Gewalt, aber auch aus Ekel vor dem Geruch, auch wenn es dort überall sanitäre Anlagen zur Reinigung gibt, die Hauterkrankungen riechen stark“, berichtet die Dame von der Obdachlosenhilfe die Brücke.

    Artikelbild (oben): Johannes / lebensmittelmagazin.de

  • Veganuary: Einen Monat lang mit ohne (Fleisch)

    Veganuary: Einen Monat lang mit ohne (Fleisch)

    Neues Jahr, neue Vorsätze: Weniger Alkohol, mit dem Rauchen aufhören oder eben – vegane Ernährung. Die britische NGO Veganuary setzt auf diesen Trend und ruft medienwirksam den fleischfreien Januar aus. Veganismus als Heil für Natur, Tier und Mensch? lebensmittelmagazin.de fragt nach.

    Das Jahr ist erst wenige Tage alt, noch sind die Vorsätze nicht vergessen. 37 Prozent haben sich fürs neue Jahr vorgenommen, sich vegetarisch oder sogar ganz tierfrei zu ernähren, so eine Umfrage von Statista aus dem Dezember.

    „Vertrau deinem Instinkt!“, fordert der YouTube-Trailer zum Aktionsmonat der britischen NGO Veganuary ihre deutschen Zuschauer auf. Einige deutsche Handelsketten unterstützen diese Aktion und legen im Januar besonderen Fokus auf vegane Lebensmittel. Die Verbraucher:innen werden ermutigt, einen Monat lang auf Fleisch, Fisch, Milchprodukte und Honig zu verzichten, um danach im Idealfall ihre Ernährung generell auf vegan umzustellen. Gut für Natur, Tiere und Gesundheit, wie die NGO behauptet?

    Gesund durch Tofu und Co.?

    Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung möchte den letzten Punkt differenzieren: „Generell empfiehlt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung eine ausgewogene Kost. Diese beinhaltet allerdings auch 300 bis 600 Gramm Fleisch pro Woche, das richtet sich an Erwachsene je nach Kalorienbedarf, Konstitution des Verbrauchers und Qualität des Fleisches. Es spricht allerdings nichts dagegen, sich einen Monat lang vegan zu ernähren. In diesem kurzen Zeitraum ist Mangelernährung da nicht zu befürchten.“

    „Es spricht nichts dagegen, sich einen Monat lang vegan zu ernähren.“

    Antje Dahl, Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE)

    Vitamin B12 und vegane Ernährung

    Sie bezieht sich dabei vor allem auf das Vitamin B12, das in ausreichendem Maße nur über tierische Produkte zu beziehen ist oder aber durch Nahrungsergänzungsmittel ersetzt werden muss. „Aber der Speicher für B12 im menschlichen Körper ist groß und kann bis zu einem halben Jahr Versorgung abdecken“, so die leitende Pressesprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung.

    Aber nicht nur B12, sondern auch Mineralstoffe wie Kalzium, Eisen, Jod und Spurenelemente wie Selen und nicht zuletzt die Proteinversorgung müssen berücksichtigt werden, wenn man sich entschließt, vegan zu leben. „Deswegen raten wir auch dringend davon ab, dass Menschen mit erhöhtem Nährstoffbedarf – also Babys, Kinder und Teenager, aber auch Schwangere und Stillende – dauerhaft vegan leben. Man muss sich schon vor Augen führen: Veganismus ist keine optimale Ernährung.“

    Nährstoffe aus pflanzlichen Alternativen

    Mögliche Lösungen, um die Versorgung mit den wichtigen Nährstoffen sicherzustellen, sind Lebensmittel wie Hülsenfrüchte, Ölsamen und Nüsse für den Eisen- und noch Vollkorngetreide und Kartoffeln für den Proteinbedarf. Gemüse wie Brokkoli und Grünkohl liefern den menschlichen Körper Calcium, auch Haselnüsse oder Paranüsse und Mandeln und nicht zuletzt Tofu erweisen sich hier als nützlich. „Zur Ergänzung vielleicht noch ein calciumreiches Mineralwasser, ab 150 mg Calcium pro Liter“, sagt Antje Gahl und fügt hinzu: „Was generell gilt, gilt besonders für die vegane Ernährung: Je einseitiger, desto schwieriger. Vielfalt ist angesagt.“

    Veganer Burger mit einem Patty aus Fleischersatz
    Veganer Burger mit einem Patty aus Fleischersatz.
    Foto: Tatjana Balzer – stock.adobe.com

    Über verarbeiteten Fleischersatz auf Basis von Weizenprotein oder Soja und anderen Hülsenfrüchten möchte sie nicht pauschal urteilen, empfiehlt aber den Blick auf das Zutatenverzeichnis bezüglich des Zucker- und Fettanteils. „Häufig ist es allerdings so, dass diese Ersatzprodukte eine interessantere günstigere Fettsäurezusammensetzung, also weniger ungesättigte Fettsäuren, als Fleisch haben.“

    Bei Honig, der für Veganer:innen tabu ist, winkt sie ab: „Aus ernährungswissenschaftlicher Sicht ist es relativ egal ob man Honig, Agavendicksaft, Ahornsirup, Haushaltszucker oder beispielsweise auch Rübensirup nimmt: Zucker bleibt Zucker!“

    Noch kurz die Welt retten

    Ist Veganismus der Schlüssel für Nachhaltigkeit, um die Welt zu retten? Hängt der ökologische Fußabdruck, die CO2-Bilanz davon ab, ob wir Fleisch essen oder nicht? Für Stefanie Sabet, Geschäftsführerin der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE) ist die Aussage so zu pauschal: „Das Grundproblem bei den Überlegungen ist die Vergleichbarkeit. Alle Unternehmen messen Nachhaltigkeit, aber mit unterschiedlichen Parametern.“

    Der Rat für nachhaltige Entwicklung sitzt seit 2014 daran, einen nachhaltigen Warenkorb zu entwerfen, „aber bis heute haben wir noch kein absolutes Votum erreicht.“ Bei über 80 Prozent der 11 Produktgruppen sei Einigung erzielt worden. „Und man ist sich auf Ebenen der großen Kategorien ebenfalls einig, aber was bedeutet das angesichts der 170.000 Produkte auf dem deutschen Lebensmittelmarkt, der vor allem von kleinen und mittelständischen Unternehmen geprägt ist?“

    Auch vegane Ernährung benötigt Ressourcen

    Neben der Klimabilanz verweist Sabet auf den Umstand, dass auch eine vegane Ernährung Ressourcen benötigt, aber dafür längst nicht überall Ackerbau betrieben werden kann. „Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung müssen wir feststellen, dass die Flächenressourcen nicht ausreichen, auf der anderen Seite wird bei der Landwirtschaft durch Arbeit und beispielsweise bei der Düngung ebenfalls CO2 emittiert“, so die BVE-Geschäftsführerin.

    Ein Feld mit Sojabohnen
    Ein Feld mit Sojabohnen.
    Foto: Budimir Jevtic – stock.adobe.com

    Alternative Ansätze wie Vertical Farming, bei denen beispielsweise komplett auf Erde verzichtet wird, stecken noch in den Kinderschuhen und sind noch nicht ausreichend als Alternative skalierbar. „Einer unserer zentralen Gedanken zum nachhaltigen Lösungsansatz lautet regional und saisonal“, so die Geschäftsführerin.

    – Wie die Tomate der Zukunft aussieht, liest du hier. –

    Viele Wege führen zum Ziel

    Auch Sabet plädiert für eine ausgewogene Ernährung. Sie verweist auf Maßnahmen für Nachhaltigkeit im Rahmen der Ressourceneffizienz innerhalb der Lebensmittelproduktion. So werden beispielsweise Reste bei der industriellen Saftpressung weitergereicht für die Herstellung von Aromen. „Es gibt sehr viele Beispiele für Querverbindungen innerhalb der unterschiedlichen Produktionen und die Verwertbarkeit von Resten ist heute zentrale Gedanke.“

    In der Relation betrachtet sei die Lebensmittelproduktion mit einem Anteil von 12,3 Prozent der CO2 Emission gegenüber 36,3 Prozent fürs Wohnen und 26 Prozent für Verkehr in einem guten Verhältnis. „Die rückläufigen Tendenzen und auch das Potenzial für eine weitere Reduktion des CO2-Ausstoßes sind erklärtes Ziel der deutschen Lebensmittelwirtschaft, wozu sie sich im Rahmen des europäischen Green Deals bis 2050 auch verpflichtet hat“, sagt Stefanie Sabet.

    Produktvielfalt vorhanden

    „Nichtsdestoweniger ist das Angebot einer veganen Ernährung für den Verbraucher da, zumal ja eine Vielzahl der Produkte von Haus aus bereits vegan sind.“ Aber auch Sabet rät dazu, vorsichtig mit dem undifferenzierten Propagieren von Veganismus zu sein, „denn schlussendlich ist Gesundheit unser höchstes Gut.“

    Vegane Lebensmittel
    Viele beliebte Lebensmittel sind von Natur aus vegan.
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    Fleischfreie Anschauung: Veganismus als Religion

    Dass Veganismus jenseits vernünftiger Überlegungen zur Nachhaltigkeit und Gesundheit als philosophische Anschauung unter der Bezeichnung „ethischer Veganismus“ im Sinne des britischen Gleichstellungsgesetzes von 2010 auf einer Stufe mit Religionen steht, wurde jetzt von einem britischen Arbeitstribunal juristisch festgestellt. Bemerkenswerterweise verzichtet der Kläger im Alltag auch aufs Busfahren, um zu gewährleisten, keine Insekten platt zufahren. Die Lebensmittelwirtschaft jedenfalls bedient die Bedürfnisse von vegan lebenden Menschen gleichsam wie die von Anhängerinnen und Anhängern konventioneller Ernährung, egal welche Motivation dahinter steckt. 

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